Freilich wird ja ein junger Mann, wenn er ins Leben hinaustritt, in einen argen Zwiespalt gebracht. Aus dem Knaben wird ein „Mann“, und diese „Männlichkeit“ ist im dickflüssigen Strom einer geschmacklosen Überlieferung leider gar zu sehr aus geschlechtlicher Abenteuerei und Renommisterei zusammengesetzt worden. Wer ein „Mann“ sein will, glaubt, etwas erlebt haben zu müssen und sieht mit Überlegenheit und Spott auf jüngere Kameraden herab, die noch einen Rest des Schamgefühls aus den Erziehungsjahren in sich tragen. Aber die freche Großsprecherei und der Spott der Älteren verwirrt den Jüngeren. Zwar weiß er ganz gut, wie der anständige Mensch zu handeln hat. Aber sein Wissen in diesen Dingen ist Stückwerk, ist unklar, unbestimmt, seine Persönlichkeit ohne Entschiedenheit, ohne Festigkeit. Diesen ewigen Verlockungen, den spöttelnden Angriffen, erliegt schließlich das gute Gewissen. Ja, der dumpfe, nicht gezügelte Geschlechtstrieb setzt sich in einem Augenblicke über Dinge hinweg, die bei ruhiger Betrachtung häßlich, abstoßend und empörend sind, über Schmutz, Roheit und ernste Krankheitsgefahr.

Darin liegt die große Niedertracht der Gesellschaft überhaupt, daß einer, der eine Dummheit macht, den anderen zu sich herabziehen will; denn die vergesellschaftete Dummheit erstickt ihren eigenen Vorwurf. Der Pluralis erscheint ihr als Entschuldigung, und so holt sich denn die jugendliche „Männlichkeit“ weiter ihr Rüstzeug – bei der Dirne.

Wie ist es doch sonderbar, daß ein junger Mann, kaum daß er in das Leben hinausgetreten ist – und oft schon vorher – ein Geheimnis in sein Leben hineinträgt, das ihn in einen inneren Widerspruch zu seiner gesamten Erziehung bringt. Ein Geheimnis, dessen er sich – würde es offenbar – vor aller Welt schämen müßte. Ja, er selbst schämte sich, und scheu und angstvoll, daß er um alles in der Welt nicht gesehen würde, umschlich er das geheimnisvolle Haus, das die eigenen Kameraden oder seine lüsterne Neugier ihm gezeigt, und verschwand darin in einem günstigen Augenblick. Wäre nicht der Stolz in der sexuellen Spannung erstickt, so müßte sich die Wirklichkeit des bezahlten Geschlechtsgenusses dem Bewußtsein in ihrer ganzen Widerlichkeit aufdrängen. Ein Weib, das nicht mehr Weib, sondern wahlloser Sinnlichkeitsgegenstand wahllos sich einfindender Männer ist, das oftmals die einfachsten Gesetze der Reinlichkeit übersieht, für eine Weile zu besitzen, kann einen Mann von wahrer Mannhaftigkeit nicht locken. Was die jungen Männer zu diesen frühzeitigen geschlechtlichen Verbindungen treibt, ist ja auch bei aller Sinnlichkeit tief im Innern die Sehnsucht nach Liebe und das urewige Rätsel des Weibes. Aber diese zarten knospenden Empfindungen, die sich in der Ehe, in der Familie, in echter, mannhafter Liebe ausreifen sollen, werden von den jungen Männern in Schmutz und gemeine Niedertracht geworfen. Daher die verkümmerte Empfindungswelt so vieler Menschen, die ihre eigene Lebenspoesie zerstört haben. Wünsche, Träume, Sehnsucht und Vorstellungen dürfen nicht in gar zu häßlicher Wirklichkeit erstickt werden, sonst ist das Ende seelische Erschlaffung, Pessimismus.

Die vorehelichen Geschlechtsbeziehungen haben eine so ungeheure Ausdehnung gewonnen, daß viele in ihnen eine Art von normaler Vorschule der Ehe erblicken. Wie riesenweit ist aber der Abstand zwischen Bordell und Familie, zwischen der Dirne und der Mutter, zwischen bezahltem Geschlechtsgenuß und der Liebe zweier Menschen, die miteinander in ihrer Kinder Land einziehen! Kann dies Gemisch von Lüsternheit, geschlechtlichem Schmutz, alkoholischer Frechheit und sittlicher Erniedrigung, das das Dirnenleben durchzieht – kann das die richtige Vorbereitung sein für die Ehe, in der das Glück der Gatten und das Wohl der Kinder aus Kraft und Reinheit kommen sollen?

Man spricht viel und gern von dem Kampf, den die voreheliche Geschlechtsentsagung mit sich bringt. Freilich ist es ja wohl am bequemsten, diesen Kampf durch die erste beste Dirne zu beenden. Aber ist es denn gut, ihn so rasch zu beenden? Ist nicht der Kampf die treibende Kraft aller Entwicklung? Weckt er nicht alle verborgenen Kräfte? Wer die Flinte ins Korn wirft, ist sittlich ein Feigling. Dieser kampflose, bezahlte, bequeme Geschlechtsgenuß vor der Ehe, dessen sich junge Männer und auch junge Mädchen bemächtigen, schadet der Ehe, schadet den Kindern; denn er nimmt dem Leben und dem Geschlechtsgefühl die Hochspannung. Er befriedigt die Wünsche, tötet die Sehnsucht, zerstört Illusionen. Enthaltsamkeit ist biologische Spannung, deren Fehlen man den Kindern vom Gesicht herunterlesen kann.

Wie bilden sich denn eigentlich Charaktere? In der Entsagung, im Kampf mit sich selbst. Was ist denn überhaupt ein Charakter? Ein Mensch, der seine tierische Triebwelt unter die Herrschaft seiner sittlichen Erkenntnis gebracht hat und mit festem Willen seiner Erkenntnis folgt, der durch Willenskraft und Folgerichtigkeit sich Selbstachtung und Selbstvertrauen erwarb. Solche Charaktere, solche Persönlichkeiten braucht ein Volk, braucht das Leben; denn sie haben Erfolg. Wie kann aber ein Mensch Selbstvertrauen und Selbstachtung haben, der im Kern seines Wesens, im Geschlechtsgefühl, wider seine bessere Erkenntnis handelt, der in seinem Tun sich immer wieder durch den Geschlechtstrieb vom Wege abreißen läßt?

Tausende sagen. „Es ist unmöglich, ihn zu bändigen!“ Aber wie viele davon haben's denn ehrlich versucht? Sind nicht die meisten bei der ersten Versuchung umgefallen? Sie haben die Geschlechtserregung kennen gelernt, kennen sie durch die Onanie und manches andere, haben ihre Phantasie mit Sinnlichkeit erfüllt. Das Nervensystem birgt in sich ein Gesetz der Periodizität. Erregungen wiederholen sich periodisch. Das macht den Kampf zunächst so schwer. Wie selbst den Magenkranken die dumme Gewohnheit des dreimaligen täglichen Hungerns quält und seine Heilung stört, so meldet sich im Hirn und Lendenmark das gewohnte Geschlechtsgefühl, und dem Bewußtsein wird der alberne und gefährliche Satz aufgedrückt „Ich kann den Trieb nicht bändigen!“ – Wer freilich den Kampf aufgibt, ehe er ihn begonnen hat, was weiß der von seinen Kräften! Treibe deine Gefühle nur erst ein wenig zurück, siege erst einmal, dann noch einmal, und es wächst das Vertrauen, und es wachsen die Kräfte. Die gesparte Geschlechtskraft speichert sich in dir auf als Spannkraft der Nerven und Muskeln, als Mut und geistige Frische. Das alles sind deine Waffen, die darum immer stärker werden.

Wenn's sein kann, sprich dich mit den Eltern, mit dem Lehrer, mit einem guten Freund von gesundem Denken und gutem Charakter darüber aus! Sei nicht wie jene, die im geheimen sündigen und die Nase rümpfen, wenn ein Wort über Geschlechtliches gesprochen wird. Das Geschlechtliche soll weder im bösen noch im guten Sinne das Gesprächsthema sein; aber ein offenes Wort an rechter Stelle hat oft befreiend gewirkt. Ein klares Wort entreißt oft junge Menschen der schwülen Phantasiearbeit. Betrachte das Geschlechtliche als eine besondere Kraft, dich selbst ebenso, und frage dich. „Wer von uns beiden soll herrschen, ich oder du?“

Du mußt herrschen, immer und allerwege!!!

Schäme dich nicht dieses Triebes, und sei niemals niedergeschlagen im Kampf. Alles Leben entsteigt dem Liebeswollen. Aber die Zeugung ist nicht die alleinige Lösung dieses Ewigkeitsrätsels. Eine allstündliche, ununterbrochene Neuzeugung im Einzelorganismus ist es, die wir vor allem diesem Triebe verdanken. Der geheimnisvolle Quell der inneren Zeugungsorgane entsendet ununterbrochen Stoffe, die als Spannkräfte wirken, in Körper und Geist. Darum aber darf diese Urquelle nicht verschüttet werden. Wir verstehen jetzt sehr wohl, warum der Lebenslauf mit dem Geschlechtsleben in der Jugend zusammenhängt, warum die Geschlechtssparsamkeit in der Jugend einen Gewinn für das spätere Leben ergibt. Nicht nur für unser kleines, eigenes Leben – nein, die ganze Menschheit trinkt ihre Verjüngung aus diesem Quell, und jeder Einzelmensch ist zum Sachwalter der Menschheitsgesundheit und Menschheitswürde bestellt, weil er einen Teil der kosmischen Liebeskraft in sich trägt.