Der Augenblick, der Mann und Weib in der Liebeserschütterung vereinigt, erzeugt ein neues Leben. Aber nicht dieser Augenblick entscheidet, sondern alles, was Vater und Mutter in ihrem ganzen Leben waren und taten. Davon hängen Kraft und Gesundheit des Kindes ab. Sollte das nicht schon lange vor der Ehe dem Triebe Zügel anlegen, damit er nicht die Kraft vergeudet, die dem Kinde darum fehlen wird?
Wer sein Kind anschaut und aus seinem Gesicht die Schwäche liest, muß der nicht niedergedrückt werden, wenn er sich selbst daran schuldig weiß? Wer an seinen Kindern häßliche Züge, Lüsternheit und Verirrungen bemerkt, muß der nicht entsetzt sein, wenn er weiß, daß sie nur seine eigene Jugend von neuem beginnen? Es vererbt sich nicht nur Kraft, sondern auch Schwäche, nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges, nicht nur gutes Denken, reines Empfinden, sondern auch geschlechtlich verirrtes Denken, Charakterlosigkeit und Ausschweifung. Nie kann ein Mensch etwas anderes erzeugen, als was er selber ist. Ein Kind ist wie Vater und Mutter, gut oder schlecht. Darum sei gut, handle gut, damit dein Kind gut sei und gut handle! Laß alles Unsaubere aus deinem Liebesempfinden heraus, damit dein Kind ein schönes, reines Empfinden habe! Gehe nicht den traurigen Weg vom Gott zum Tier, sondern geh den einzig menschenwürdigen Weg, auf dem Gott den Menschen zum Herrn über das Tierische eingesetzt und ihm eine Durchgeistigung und Beseelung seiner Triebe geboten hat. Denn ein geistiger Grundsatz, ein göttliches Gebot, herrscht in der Welt! Erkennst du das, so wird das Geschlechtliche dir zur Lebensschönheit, und du wirst die Kraft sparen, die erst deiner Reife dienen soll, ehe sie dir in der Ehe und in den reinen Augen deiner Kinder unendliches Glück bringen wird.
Es gibt Gründe, die dir die Geschlechtsbeziehungen vor der Ehe entschuldigen und beschönigen wollen. Und gewiß ist, an sich gesehen, nicht alles häßlich, was nicht die Ehe sucht. Aber ob's für diese spätere Dauergemeinschaft gut ist, das ist der Frage innerster Kern. Und wenn auch die Farbenspiele bestechender Gründe den eigensüchtigen Liebesgenuß umstrahlen – macht uns die Selbsttäuschung besser? Vor dem unbestechlichen Schiedsamt des Menschenwohles sind die schimmernden Entschuldigungsgründe wie Seifenblasen.
Stähle die sittliche Kraft deiner Jugend in der Entsagung! Je weniger du den Geschlechtstrieb aufkommen lässest, desto mehr verliert er das körperlich Aufdringliche, desto mehr verschmilzt er mit deiner Seele, deinem ganzen Menschen. Mehr und mehr wirst du dann zu jenen Menschen gehören, deren körperliche Liebe allein aus dem Wunderborn der Seele quillt, und nicht zu denen, deren Seele schweigt, während zugleich ihr Körper von Geschlechtserregung gepeitscht ist.
Und du wirst Achtung vor der Frau und vor allem Weiblichen haben. Die Welt ist so, wie wir sie sehen. Siehst du sie gut, so ist sie gut. Siehst du sie schlecht, so ist sie schlecht. Es ist eine traurige Mannhaftigkeit, die sich ihrer Verachtung alles Weiblichen rühmt, weil sie Siege errang, die nur bezahlte Willfährigkeit waren. Wer nur die Dirne kennt, kennt nicht das Weib, und sein Urteil ist Anmaßung. Es ist Zeit, daß anständige junge Menschen den Mut finden, die frechen Zotenreißer und bramarbasierenden Bordellhelden zum Schweigen zu bringen.
Wenn ein Mann das Weib, das er liebt, anschaut, so drängen sich dazwischen gar leicht seine früheren Erlebnisse. Dann werden sie begehrlich wieder lebendig, und Augen, die im Stolz leuchten sollten, werden zu Boden gerichtet, weil ein Geheimnis die schöne Wirklichkeit trübt. Wer nur zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit den Spuren des Weibes folgte, kann nur schwer die Sinnlichkeit aus seinem Fühlen, seinen Blicken scheuchen. Und er kennt nicht den wunderbaren Einklang zweier Seelen, die in ihrer Liebe unbewußt den Willen zum Guten, die große, allumfassende Menschenliebe in sich tragen.
Welch eine Welt von Schönheit verschließt sich mancher Mensch, weil die sinnliche Schwerfälligkeit seines Körpers ihm den geistigen Flug verwehrt! Manche Seele hat sich in diesen rohen Geschlechtsverbindungen verblutet und nur einen gierigen Körper zurückgelassen, in dem alles Zarte, Schöne, alles Weiche und Feine, erstickt ist. Das ist seelische Verarmung – das allerschlimmste Menschenlos. Es ist ein Leben, das keine Sonne, keine Wärme mehr hat. Warum nur schätzen wir diese wundervolle Spannung der Keuschheit nicht höher? Warum ist die Jugendkeuschheit nur ein Ideal für das Weib und nicht auch für den Mann? Warum warten junge Männer denn geradezu darauf, diese Reinheit von sich zu werfen, und warum muß die vielgerühmte „Männlichkeit“ sich denn zuerst auf den gegensozialen Wegen des Dirnentums bewegen?
„Ist denn wirklich die Geschlechtsehre des Mannes eine andere als die des Weibes?“ sagt Vera in „Eine für viele“. Und weiter. „Ist die Notwendigkeit der geschlechtlichen Befriedigung in den jüngsten Jahren nicht ein wohlorganisierter Schwindel? Oder ein großes Irren der Ärzte? Kann die Keuschheit je so furchtbare, leben- und glückzerstörende Krankheiten nach sich ziehen wie die Unkeuschheit?“ Und weiter. „Der Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein, sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß der Vater ihrer Kinder in gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete – – – sich nicht scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf ... der Vater ihrer Kinder – sage ich.“ – –
Dies Verabuch war trotz seiner Härten wie eine Fanfare, die eine neue Zeit und eine neue Menschheit ankündete. Die geschlechtssittlichen Forderungen konnten seitdem nicht mehr unterdrückt werden. Wir werden an ihrer Durchführung arbeiten müssen, um den Menschen durch ein reineres Geschlechtsleben eine festere Grundlage des Glückes zu geben.
Es wird eine Zeit kommen, in der das, was die Menschen heute belachen, wie eine heiße, große Sehnsucht in ihnen lebt. Vielleicht erwächst diese Sehnsucht gerade aus dem Geschlechtselend unserer Tage. Dies Irren, dies Leiden und Dulden in Geschlechtsausschweifungen, die dem Manne Unterhaltung, dem Weibe schandbare Versklavung sind, wird sicher einmal als entsetzliche Last empfunden werden, wenn die Menschen über den stumpfen Materialismus hinaus die feinen, geistigen Gesetze erkennen lernen. Dann erst werden die Menschen das Märchenland der Liebe finden, wenn kein häßliches Erinnern mehr ihre Seele verwirrt.