Das Leben ist darum nicht verloren, weil die Jugend nicht rein und voll Schönheit war. Ja, mancher Charakter formte sich erst aus trüben Erinnerungen, aus Fehl und Schuld. Aber den meisten hat doch der Dirnengeist die Jugend vergiftet; denn für die Seelenweichheit der Jugend ist das Geschlechtsabenteuer ein starker Eindruck, vielleicht in seiner rohen Sinnlichkeit stärker als das, was später ein reines, liebendes Weib gibt. Und von all den Roheiten der bezahlten Liebe wird etwas ins Erinnern eingefügt und schiebt sich häßlich in all die blühende Schönheit, die die Liebe bringt.
Wie viele Frauen bereuen die Ehe, hassen und verachten den Mann, den sie doch einmal über alles geliebt haben. Aber er hat sie getäuscht. Mit ein wenig Charakterlosigkeit und geschlechtlichem Schmutz in seinem Vorleben begann es. Das fraß sich in ihm fest. Das durchwob sein Inneres so, daß ihm die Ehe zu rein, zu langweilig erscheint. Zunächst verschweigt er sein Vorleben. Dann kann dies trübe Geheimnis nichts Gutes für seine Ehe sein. Oder er sagt's seiner jungen Frau. Dann werden ihre Gedanken versuchen, sich in dieser ihr innerlich fremden Welt zurechtzufinden, und unter Tränen, mit viel Weh im Herzen, entwickelt sich die Ehe aus – einem Verzicht. Oder aber die Frau ist flach und oberflächlich, dann lacht sie, und es ist ihr alles gleichgültig. Die Vera-Naturen aber sind zahlreicher, als man glaubt, Frauen, in deren Innerem in solcher Stunde eine Saite angeschlagen wird, deren Ton für immer dem Ohr verklingt. Sie, deren monogamischer Instinkt höchstes Feingefühl ist, können nicht oder nur mit Überwindung einem Manne folgen, der aus einer ganz anderen, viel gröberen Gefühlswelt kommt, und den die Häßlichkeit geschlechtlicher Ereignisse, ein anderes Weib, ein uneheliches Kind, von ihnen trennt.
Zwar leben wir in einer Zeit sittlicher Neuordnung. Und ehe aus dem Streit der Meinungen das feste Gefüge der neuen, gerechteren Moral sich bildet, wird großherziges Verzeihen, auch von seiten der Frau, dem Manne den Weg ebnen von den wirren Geschlechtsirrtümern der Jugend zur Reinheit der Ehe. Wie groß ist aber der Jammer der vielen Frauen, deren Männer das heilige Treuversprechen gebrochen haben, weil die Dirnenerinnerungen wie Unkraut, wie eine böse Krankheit der Phantasie, in ihnen fortwucherten, bis der ganze Schmutz der Untreue und der sittlichen Verlumpung sich auf die Ehe wirft und sie zerstört! Von ungefähr kommen doch diese Eheskandale nicht. Die Untreue, dieses rein körperliche, gemeine, geschlechtliche Veränderungsbedürfnis hat sich der Mann angezüchtet bei den wechselnden Dirnen und der treulosen Zufälligkeit seiner „Verhältnisse“. Und wer festigt dem Weibe den Begriff der Treue, wenn sie als Mädchen einmal in dieses, ein andermal in jenes Mannes Händen war? Die geschlechtliche Treulosigkeit vor der Ehe baut dem Treubegriff der Ehe ein morsches Fundament.
Die moralisch-monogamischen Forderungen, die wie eine neue Ordnung – aber aus uralten Entwicklungsgesetzen heraus – von Frauen erhoben worden sind, können nicht mehr verstummen. Denn Einehe (Monogamie) ist das Gesetz des Weiblichen, ist der Unterbau der Ehe, die sittliche Grundlage der Erziehung. Prof. Albert Heim, Zürich sagt: „Der monogamische Instinkt ist von der Natur erzüchtet. Bricht ihn die Menschheit im ganzen und dauernd wieder, so bricht sie mit ihm zusammen“.
Je willenloser ein Mensch sich dem Geschlechtsempfinden hingibt, desto mehr ist er Sklave seiner unsauberen Erinnerung geworden. Will er die Erinnerung auslöschen, so braucht's einen mannhaften Entschluß: „Bis hierher! Nun nicht mehr weiter!“
Wer so ein neues Leben auf dem festen, fröhlichen Willen zum Guten beginnt, den wird das Schlechte, das er getan, nicht in alle Zukunft hinein verfolgen. Es ist abgetan, und schön und rein leuchtet dir die Zukunft.
Der Mensch ist Wille!
Die Ehe ist ein Idealzustand und trägt in sich den Zweck und die Möglichkeiten einer unendlichen Vervollkommnung der Menschheit. Die Forderung der Treue, die wir für die Ehe aufgestellt haben, entspricht dem uns eingeborenen sittlichen Empfinden, und diese tiefinnerliche Moral ist immer diejenige, welche dem Fortschritt der Rasse dient.
Wenn darum Stimmen laut wurden und namentlich gegen das unbedingt folgerichtige Verabuch Schriften über Schriften erschienen, die gerade im Geschlechtsleben vor der Ehe eine Art von Läuterung und Ausreifung der Persönlichkeit sehen, so ist demgegenüber auf das Wort des positivistischen Philosophen Comte hinzuweisen, daß man sich nicht durch Unsauberkeiten auf ein Ideal vorbereiten kann. Unsauberkeiten sind es aber; denn alles Häßliche, das das menschliche Geschlechtsleben erfaßt und überwuchert hat, kam aus der Verletzung der moralischen Gesetze. Ja, sicherlich nicht nur für das Geschlechtsleben, sondern für das ganze Menschenleben ist nichts von so furchtbaren Folgen gewesen als diese geschlechtliche Unsittlichkeit, diese Treulosigkeit gegenüber sittlichen Gesetzen, die in der göttlichen Natur des Menschen liegen.
Mit jeder Verletzung der Moral schreiten wir rückwärts, durchqueren wir das Weltgesetz der Entwicklung, das nach oben und nicht nach unten, nicht rückwärts, führt. Mit jeder Verletzung der Moral greifen wir störend in die Rechte und das Wohl anderer ein. Denn es gibt keine persönliche Sittlichkeit, es gibt nur eine Sittlichkeit, die die Gesamtheit fördert. Diese Sittlichkeit haben auch tiefstehende Völker, ja selbst Tiere haben sie; denn wir sehen die Tiere handeln nach Gemeinschaftsgesetzen. Die Gemeinschaft der Lebewesen braucht die Geschlechtskraft, und der blühende Empfindungsreichtum der Zeugung ist das große Wunder der Natur. Aber sie braucht diese Geschlechtskraft natürlich und rein und nicht als einen gegen das soziale Wohl gerichteten Eigennutz. Wer das nicht fühlt, hat darum nicht das Recht für sich. Und der Stolz junger Menschen müßte sich aufbäumen gegen die schlaffe Massenauffassung des Alltags. In hochentwickelten Einzelmenschen nur leben die Sittengesetze als gesunder Rasseninstinkt, und wir andern werden ihnen nacheifern, wenn wir an Carlyles Wort denken: