„Die Menschen leben um des Besten willen!“
Prof. A. Herzen sagt[4]: „Die wirkliche sittliche Handlungsweise ist diejenige, welche man als allgemeine Verhaltungsmaßregel aufstellen kann; und diese Regel wird sofort von jedem normalen kultivierten Menschen angenommen werden, der nicht mit geistiger oder sittlicher, angeborener oder erworbener Unzulänglichkeit oder mit Wahnsinn behaftet ist.“
Wenn nun, wie wir wissen, die Zeugungskraft und Liebesfähigkeit ein Hauptstamm des Lebens ist, dessen verschiedene Abzweigungen wir Menschen- und Nächstenliebe, Spannkraft, Begeisterungsfähigkeit, Mut, Ritterlichkeit, künstlerische Kraft usw. nennen, müssen nicht alle diese Kräfte eine Verschlechterung erfahren, wenn die Liebeskraft mit unreinem Denken genährt wird?
Diese Besudelung des Liebeslebens ist schlimmer, als die meisten ahnen. Und es ist darum wohl erklärlich, daß heute mehr über diese Dinge gesprochen wird, als dem feinempfindenden Menschen lieb sein kann. Aber wir müssen darüber einmal zur Klarheit kommen, schon deshalb, weil das Wort vom „Sichausleben“ zur Phrase geworden ist und unsere Jugend verderbliche Wege führt. Warum bewegt sich die Wirklichkeit dieses Sichauslebens denn nur immer im Rahmen eines unsauberen Geschlechtslebens und richtet sich nicht auf körperliche und geistige Höchstentwicklung?
Wüßten die jungen Leute nur erst, wie sie ihr eigenes Glück schädigen, weil die Dirne ihnen die Achtung vor dem Weibe und allem Weiblichen nimmt! Der Glaube an die Mutter hat einmal unsere Jugend verschönt, und diese schöne Erinnerung folgt uns in das Leben. Was hat die Mutter alles für dich getan? Mit Schmerzen hat sie dich geboren, deinetwegen mußte sie auf so vieles verzichten, was dem Manne das Leben vielgestaltig macht. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist ein kleines Heiligtum, das der Mann als Gatte und Vater schützt.
In jedem Weibe aber steckt die Mutter. Jedes Weib soll Reinheit dem Manne darbringen, der sie zur Mutter macht. Willst du vorzeitig in dies Heiligtum eingreifen? Willst du, der du als Mann Schützer und ritterlicher Hüter des Weibes sein sollst, ihr Verderber, ihr Verführer werden? Sei gut und voll Achtung zu jedem Weibe, achte und ehre die Mutter in ihr!
Du wirst antworten, daß nicht immer der Mann die Schuld trage, sondern oft das Weib die Verführerin sei, und daß die Prostituierte nicht Achtung verdiene, sondern genommen werden müsse, wie sie ist. Ich will die Dirne nicht besser machen, als sie ist. Aber wie viele von denen, die auf den Straßen sich verkaufen, sind durch Verführung, Elend, schlechte Erziehung in das Schandgewerbe hineingetrieben worden! Darfst du die elende Lage, in die ein Mensch durch eigene oder fremde Schuld hineingetrieben wurde, für deine Genüsse mißbrauchen? Und wenn du die Prostituierte gar nicht achten kannst, wenn sie dir verworfen erscheint und du dich darum der Verantwortung überhoben glaubst, so bleibt es für dich entwürdigend, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, den du verachtest.
Aber mit der Verachtung sollten wir vorsichtig sein. Im Gewoge des Lebens steigt einer nach oben, der andere sinkt unter. Gute erbliche Anlagen erleichtern das Leben, schlechte erschweren es. Dem Weib, das Dirne wurde, gab die Vererbung wohl schlimme Keime. Schlimme Verhältnisse ließen das Schlechte aufblühen. Aber mache sie nicht schlechter! Wenn du ihr Gewerbe benutzest, so bringst du sie – wie so viele andere – noch tiefer in den Sumpf hinein. Warum wolltest du das tun?
5.
Das „Verhältnis“.
Das Erwachen der Liebe bringt der Jugend Gefahren und Irrtümer. Je stärker ausgeprägt der sinnliche Trieb ist, desto lebhafter werden Beziehungen zu weiblichen Wesen gesucht. Wie die Sonne alles in ihre Farben taucht, so umspielt die Erotik Mann und Weib. Eine freudig-festliche Stimmung, Lichterglanz, ein paar Musikakkorde, ein erregter Tanz oder dergleichen, und schon ist der Liebesfunke zur Flamme angefacht. Schon schiebt sich der Begriff „ewig“ in das eben geknüpfte Band ein. Manchmal ist's ja ein Band fürs Leben, häufig aber zerreißt's schon früh, und manchmal sieht der andere Morgen schon Ernüchterung und Reue.