Aus diesen losen, flüchtigen Beziehungen hat sich das herausgeschält, was Tausende von Männern kennen, und was in unserer Gesellschaft ein öffentliches Geheimnis ist, das „Verhältnis“. Ein im Grunde einfacher Vorgang: eine geschlechtliche Beziehung zu einem Mädchen, das nicht Dirne ist, sondern Bürgerstochter, Verkäuferin, Modistin, Schneiderin oder Ähnliches, und das man eines Tages verläßt, um eine andere zu heiraten. Sie gibt sich ihm hin, weil seine bessere soziale Stellung ihrer Eitelkeit schmeichelt, oder weil er die ihm geschenkte Gunst bezahlt, oder auch, weil – sie ihn liebt und glaubt, von ihm geheiratet zu werden.

Von seiner Seite ist's nicht Liebe, sondern die Gewohnheit des Geschlechtsgenusses. Liebe nur, wenn die sozialen Abstände die Ehe unmöglich machen. Manche Tragik entsprang dieser Wurzel; das sogenannte „Verhältnis“ aber ist meist für den jungen Mann ein bequemer Weg des Geschlechtsgenusses, der keine ernstliche Verantwortung mit sich bringt. An sich selbst denkt er, und die Geschlechtserregung mag ihm ja auch Liebe vortäuschen, aber seine Absicht geht gegen ein dauerndes Band. Das kann nicht Liebe sein. Und wenn die Stunde der Trennung kommt, gibt's oft viel Weh im Herzen des jungen Mädchens, viel Jammer und Bitten und Tränen, weil doch die Liebe des Weibes, das seinen Leib hingab, ein Stück von ihrem Leben ist, während der junge Mann sich von seinen Geschlechtserlebnissen oft mit rücksichtsloser Kälte loslöst.

Können diese Rohheiten Vorbereitung auf die Ehe sein? Zerstören sie nicht die Gemütstiefe, die einer Ehe Inhalt und Schönheit gibt? Wird nicht die Liebeskraft vergeudet, die ungebrochen einem einzigen Weibe gehören soll?

Und was wird aus dem Mädchen, das verlassen ist? Findet sie einen anderen Mann, der sie heiratet, so wird sie verschweigen müssen, was sie erlebt. Was man verschweigen muß, kann nicht gut gewesen sein. Oft aber geht sie aus einer Hand in die andere und endet als Dirne. Denk' einmal, wenn es deine Schwester wäre! Welch ein entsetzliches Geschick für dich und deine Familie! Und viele junge Leute häufen, nur weil sie genießen wollen, solches Leid auf die anderen, die oft schwer daran zu tragen haben.

Es liegt im „Verhältnis“ eine Unehrlichkeit, die die sittliche Persönlichkeit untergräbt. Du verlierst die Ehrfurcht vor dem Weibe, weil du es nicht mit Achtung als Mensch, sondern mit Sinnlichkeit als Geschlechtswesen genommen hast.

Es gibt gewissenlose Schürzenjäger, deren dumme Frechheit jahrelange Erfolge hat, weil selbst unter den Freunden und Kameraden niemand ihnen sagt, daß ihr Tun nicht Mannhaftigkeit, sondern Erbärmlichkeit ist. Wir müßten für mehr Klarheit in unserem Urteil sorgen.

An geistig hochstehenden, wertvollen Frauen prallt der schale Witz solcher Laffen ab; sie können sich höchstens ihrer Erfolge bei Dirnen und charakterlosen Elementen rühmen, und auch da sind sie oft betrogene Betrüger, ausgenutzte Dummköpfe gewesen.

Das „Verhältnis“ ändert seinen durch die Erregung der Sinnlichkeit immer wieder beschönigten Charakter in demselben Augenblick, in welchem die hier ebenso notwendigen wie häßlichen Maßnahmen zur Verhütung der Befruchtung mißlungen sind, und das werdende Kind als eine angstvolle Tatsache da ist, das nun das wohlbehütete Geheimnis dieser Geschlechtsbeziehungen der Öffentlichkeit zu enthüllen droht. –

Und dann?

Beim Manne tödliche Verlegenheit, Sorge für Ruf, Stellung, Name, Gedanken an Trennung, weil nun das „Verhältnis“ lästig wird. Beim Mädchen jagende Angst, Wunsch nach Schutz, Furcht vor dem Entdecktwerden und dazu körperliche Leiden. Und dasselbe Kind, das zwei sich wahrhaft liebende Menschen in der Ehe erst recht fest aneinanderkettet, trennt meist zwei Menschen, die den bloßen Geschlechtszweck ihres „Verhältnisses“ mit dem Worte – „Liebe“ zu entschuldigen suchten.