Wenn die Mädchen, die heiraten, immer wüßten, wie sehr die häßlichen Bilder der Vergangenheit ihres Geliebten den schönen Phrasen des Augenblicks widersprechen, wenn sie wüßten, wieviel himmelschreiendes Unrecht, begangen an anderen, durch die Ehe sanktioniert werden soll, wenn sie wüßten, wie oft es vorkommt, daß abseits von dieser Ehe ein verlassenes, verhärmtes Weib in Not und mit Bitterkeit für das Kind des Geliebten sorgt, dann würden Schatten durch glückliche Gesichter ziehen, und in mancher Frau würde wohl die Erkenntnis reifen, daß für das Glück der Menschen und die Schönheit der Ehe die voreheliche Reinheit des Mannes genau so wichtig ist, wie die Reinheit des Weibes. Immer ist die Liebe die Lebensgestalterin. Sie gestaltet es gut oder schlecht. Darum muß diese gestaltende Kraft rein gehalten werden.
An der alljährlichen Zunahme der unehelichen Geburten erkennen wir die ins Grenzenlose gewachsene geschlechtliche Gewissenlosigkeit der Jugend. Der unehelichen Mutter hat das Kind die soziale Lage sehr erschwert. Um so schutzbedürftiger sieht sie nach dem Manne; um so schmachvoller ist es, wenn dieser sie verläßt. Nur die Ehe kann dem mütterlichen Weibe und dem Kinde ein sicherer Hort sein. Darum lockern diese leichtsinnigen Geschlechtsverbindungen das ganze Gebäude unseres sozialen Fühlens, Denkens und Handelns. Geschlechtliche Ungebundenheit ruiniert ein Volk; denn sie ist eine Roheit und eine Gefahr für den Nachwuchs. Sie ist ein ununterbrochener, geheimer und niederträchtiger Kampf gegen die Einehe, die als höchstes Sittenideal unserer in uns schlummernden Ethik entstiegen ist. Alles, was die monogamische Ehe fördert und vorbereitet, ist zugleich sittliche Ordnung, Festigkeit, Gesundheit, Kraft und Menschenglück, alles, was sie stört, bringt Zerfall, Unglück, Proletariat, Krankheit. Das ist das uralte und urewige Gefüge der Natur, daß der Mann Hüter und Schützer von Weib und Kindern sein soll. Mag auch die Strömung der Zeiten die Frau „emanzipieren“, ihr soziale Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben wollen, was vermag dies Eifern vor dem gebietenden Wort der Natur! Das Weib ist Mutter! Das ist sein Glück und sein Ruhm, aber auch die ewige Bedingtheit ihrer Lebensform, ihre ewige und unabänderliche Abhängigkeit vom Mann.
Und wer aus der traurigen Nüchternheit und grenzenlosen Banalität vieler Ehen eine Waffe zur Bekämpfung der ehelichen Gemeinschaft überhaupt sich herrichtet und in der „freien Liebe“ das Heil sieht, der sollte sich fragen, ob denn die freie Liebe etwas ändert an den ehernen Naturgesetzen, die die Ehe geformt haben, sollte sich fragen, ob denn die Menschen, deren Seelen matt sind und die kraftlos zu einem Liebesideal aufschauen, in einer ungebundenen Liebe die Verjüngung finden, die sie glücklicher machen kann. Das Leben bedarf so sehr dieser ewigen Verschmelzungs- und Verjüngungsprozesse durch Mann, Weib und Kind, daß sich die Forderung der vorehelichen Reinheit, das Ideal der Treue und die Tatsache der monogamischen Ehe als biologische, soziale und sittliche Grundforderungen herausgebildet haben.
Der Vergleich mit der geschlechtlichen Wahllosigkeit mancher Ur- und Primitivvölker ist nicht stichhaltig. Sie haben ein auf tiefster Stufe stehendes Geistesleben und kennen darum nicht die Liebe, können uns nicht Maßstab sein. Aber die Liebe ist durch die Jahrtausende hindurchgeschritten und steigerte ständig ihre Seelenkraft, vertiefte und verfeinerte sich, und ward so eine duftige Blüte zartester Seelenkultur. Jeder rohe körperliche Akt, dem die Seele mangelt, treibt sie wieder zurück bis dahin, wo sie angefangen. In dem unbewußten Stammeln der im Selbstvernichtungsrausch versinkenden Liebenden „Nur du“, „ewig du allein“, liegt unbewußt die allerstärkste Betonung der Monogamie.
6.
Vor der Ehe.
Es kann nur einen Weg der Vorbereitung auf die glückliche Ehe geben, das ist der der eigenen Reinheit und die bei aller unbewußten Erotik geschlechtslose Beziehung zu Frauen. Wehe dem Manne, der im Weiblichen nur das Geschlechtliche sehen kann, der für dies eine seinen Sinn steigerte und für alles andere stumpf wurde. Ihm hat auch die Ehe nur Geschlechtsinhalt. Er kennt nicht die höchsten Genüsse, die in der innigen Ergänzung der besonderen geistigen Persönlichkeit des Mannes mit weiblicher Art, weiblichem Denken liegt. Meide den Umgang mit wertlosen Frauen, aber suche und pflege mit der Freundschaft zu guten Menschen besonders die geistigen Beziehungen zu edler Weiblichkeit. Deine Männlichkeit, dein Auftreten, deine Lebensformen werden ausreifen, wenn der Hauch gesunder Weiblichkeit dich umweht. Kannst du deine Interessen mit einer Freundin austauschen, so bekommt deine Anschauung noch eine andere, sich ergänzende Richtung.
Und siehst du in der Freundin eines Tages die Geliebte, denkst du sie dir als Gefährtin des Lebens, nun, so war's wohl ein guter Entschluß. Aber prüfe, ehe du dich bindest! Hast du dich entschlossen, so glaube nur nicht, jetzt sexuelle Rechte zu haben! Gerade dies „Poussieren“, diese häufigen Geschlechtserregungen in allen Winkeln und dunklen Ecken, diese Liebkosungen sexueller Art sind so verderblich für das Nervensystem. So wenig Haltung bewahren oft junge Menschen, daß sie jedes Alleinsein zu unsauberem Denken und Tun mißbrauchen, oft nur, weil sie zu geistlos und zu sehr ohne inneren Wert sind, als daß sie das Alleinsein mit Schönerem ausfüllen könnten. Wenn so schon der Jugend die Poesie gestorben ist, sollte man den Schritt zur Ehe nicht mehr wagen; denn die Ehe wird zum Ekel.
Lerne bewundernd zu lieben, ohne zu begehren! Dann wird das, was du liebst, dir lange, lange das Schöne bleiben! Liebe ist Wunsch, ist Sehnsucht, ist Spannkraft der Seele. Töte das alles nicht, indem du vorschnell an dich reißest, was deiner Sehnsucht lebendiges Ziel sein soll. Mag auch ein sinnliches Begehren dich zu dem Mädchen, das du liebst, hinreißen, falle ihm nicht zum Opfer. Ihr entschleiert das Bild zu Saïs! Solange die unerfüllten sinnlichen Wünsche in dir leben, beschwingen sie deine Liebe und treiben dir Worte der Poesie auf die Lippen. Du siehst alles, alles schön und farbenprächtig, idealisierst die Wirklichkeit, hast Jugend in dir; denn Jugend ist Wunsch und poesievolle Spannung. Die befriedigte Liebe aber, wenn sie nur körperliches Begehren war, wird arm an Worten, und es ist die tiefe Tragik der Liebe, daß sie in ihrem höchsten Begehren stirbt. Sie kann sich selbst bekämpfen, in der eigenen Glut aufzehren, und es braucht klare Augen und einen festen Willen, sie in Schranken zu halten.
Wieviel unglückliche Ehen entsteigen dieser geschlechtlichen Voreiligkeit! Die Erregung raubt Besonnenheit und Urteil. Ein Kind ist entstanden und treibt die zwei leichtsinnigen Menschen in die Ehe hinein, den Mann oft gegen seinen Willen. Was freieste Entschließung und seelische Hochspannung zweier Menschen sein sollte, wird eine Zwangsmaßnahme, die aus innerer Angst und aus Furcht vor dem Skandal geschah. Gerade wenn der Wunsch nach dem Weibe die Sinne füllt, sollte man mit Entschlüssen zögern. Was wir gar zu heftig begehren, sehen wir nur in seinen Vorzügen, nicht auch in seinen Schwächen und Mängeln. Und manches Mädchen, das für den Geliebten „göttlich“ war, wird für den Gatten, wenn der Alltag der Ehe den Morgentau der Liebe abstreifte, mehr als irdisch. Darum prüfe dich lange und zähme immer deine Sinnlichkeit. Denn durchbricht sie die Schranken, so entscheidet sie oft über Dinge, die noch gänzlich unentschieden sind, und knüpft oft ein Band, das besser ungeknüpft bliebe.
So betrachtet, wird dir die Liebe zur beschwingenden Kraft. Aus dem Gegenspiel von Erotik und ihrer Beherrschung erwächst dir die Achtung vor dir selbst und vor der Weiblichkeit. Je größer diese doppelte Achtung ist, desto weiter rückst du ab von der Prostitution und allem, was aus ihr entspringt und mit ihr zusammenhängt.