7.
Schadet der Jugend die Enthaltsamkeit?

Es wird viel und gern davon gesprochen, daß die geschlechtliche Betätigung vor der Ehe eine Notwendigkeit sei, eine Forderung der Gesundheit. Diese letztere solle Schaden nehmen in der Enthaltsamkeit.

Die einen stellen diese These auf und verteidigen sie mit Hartnäckigkeit, die anderen bestreiten sie energisch. Ich zögere keinen Augenblick, zu sagen, daß es viele Fälle von Schäden der Enthaltsamkeit gibt, Schäden, die sich bei der geistigen Arbeit, im Schlaf, im ganzen geistigen und körperlichen Leben überhaupt zeigen. Es wäre falsch und widerspräche der Wissenschaft und den alltäglichen Vorkommnissen, einer sittlichen Absicht zuliebe physiologische Erscheinungen rundweg leugnen zu wollen. Das erzeugt Widersprüche, die zu Waffen in der Hand der Gegner werden.

Aber derartige Schäden treten erst bei der Geschlechtsenthaltsamkeit der Erwachsenen auf und haben für die Jahre der Entwicklung, für die Jugend, nicht die mindeste Geltung. Für die Jugend ist die Enthaltsamkeit nicht nur nicht schädlich, sondern eine Grundbedingung vollkommener Entwicklung.

In der Tierzucht ist es ein ganz selbstverständlicher Grundsatz, Tiere niemals vor vollendeter Reife zur Geschlechtsbetätigung zuzulassen, weil man dadurch das Tier schwächt, seine Leistungsfähigkeit (z. B. bei Rennpferden, Jagdhunden, Lasttieren) vermindert und schließlich die ganze Rasse herabzüchtet. Zwischen Fortpflanzungstrieb und Lebensdauer besteht eben ein unlösbarer Zusammenhang. Ganze Völker versinken in der Widerstandslosigkeit gegen den Geschlechtsreiz. Den Indiern hat nichts so sehr die Kraft genommen, als die frühen Heiraten, die schon von Kindern geschlossen werden. Es kann niemals gut sein, wenn ein Trieb sich so entwickelt, daß er alles beherrscht. Eine Schwächung des Ganzen muß die Folge sein.

Noch nie, solange die Welt steht, hat die Keuschheit so ungeheuren und entsetzlichen Schaden angerichtet, wie die Ausschweifung.

Die Schäden, von denen man spricht, sind aufgebauscht und werden zur bequemen Entschuldigung für den Geschlechtstrieb, den zu zügeln man nicht die Kraft und den Willen hat. In diesem Punkte gibt es so viele Täuschungen, als es Behauptungen gibt. Denn alle die Zustände, die man in den bequemen und gedankenlosen Begriff „nervös“ zusammenfaßt, die Unruhe, Schlaflosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, allgemeine Schlaffheit, Verdauungsträgheit, Mißmut, Gemütsbedrücktheiten u. dergl., die fast alle aus völlig unnatürlicher Lebensart sich ergeben, wenn die Freuden der Tafel über die Bedürfnisse des Lebens hinausgehen und der Körper nicht genug Bewegung hat, diese Zustände werden gern und vorschnell dem Mangel an Geschlechtsgenuß zugeschrieben, weil man so die Sinnlichkeit, mit Gründen wohl versorgt, auf den glatten Boden eines vergnügten Lebens hinausschicken kann. Denn um ein Vergnügen handelt sich's wohl bei all den jungen Männern, die ihre leichtfertigen Liebesabenteuer mit der Flagge der bedrohten Gesundheit verteidigen.

Die gesamte Art der Menschheit, zu leben, zu arbeiten, zu essen und zu trinken, und demgemäß zu denken und zu fühlen, ist so grundfalsch, so von den natürlichen Gesetzen abgewichen, auf Abwege geraten, daß auch unser Urteil über den Geschlechtstrieb und seine Äußerungen notgedrungen falsch sein muß. Wie kann man aus ungesunden Lebensformen physiologische Gesetze folgern wollen?

Es ist wohl gut, auf einige Äußerungen von Männern hinzuweisen, die auf Grund ihres wissenschaftlichen Urteils und ihrer Lebenserfahrungen gehört zu werden verdienen. Dabei will ich verzichten auf die Wiedergabe des bekannten Schreibens der medizinischen Fakultät der Universität Christiania, erstens, weil es aus dem Jahre 1887 stammt, und vor allem, weil mehrfach angezweifelt worden ist, ob in der Tat die ganze Fakultät es unterzeichnete. Tatsache aber bleibt, daß die jüngeren norwegischen Ärzte in ihrem Fachblatt das erwähnte Urteil der Fakultät zu ihrem eigenen gemacht haben.

Der bekannte Nerven- und Irrenarzt Prof. Dr. Aug. Forel sagt: „Die angebliche Nervosität resp. physische Erregbarkeit, Abspannung usw., welche die Keuschheit nach sich ziehen soll, wird als ein Hauptargument zur Verteidigung der staatlichen Fürsorge für weiberbedürftige Männer herangezogen. Ich bin in meiner ärztlichen Laufbahn von zahlreichen jungen Neurasthenikern und Hypochondern konsultiert worden, welche früher keusch waren, erst auf ärztliche Anordnung hin Bordelle besuchten und vielfach dort venerisch angesteckt, jedoch weder von Neurasthenie noch von Hypochondrie kuriert wurden. Einen irgendwie nennenswerten Erfolg von dieser Therapie habe ich selbst nie beobachtet.