„Zweifellos dagegen ist es, daß der ausposaunte angebliche Schutz gegen Syphilis (von einem Schutze gegen gonorrhöische Infektion wagt niemand zu sprechen), verbunden mit den zahllosen Lockungsmitteln, welche die in diesen Geschäften pekuniär interessierten Personen zur Vermehrung ihrer Kundschaft anwenden, die Zahl der sich prostituierenden jungen Männer ungeheuer steigert; es bildet sich unter denselben allmählich die ‚Suggestion‘, daß die Keuschheit ein unmögliches Ding sei, daß ein keuscher Jüngling kein ‚Mann‘ sei u. dergl. mehr. – Zwar liefert überall die Landbevölkerung, ohne daß wir an unsere Vorfahren zu appellieren brauchten, den Beweis, daß ohne regulierte Prostitution und ohne Prostitutionshäuser die Männer existieren und gesund bleiben, sogar viel gesünder werden können. Es beweisen ferner zahlreiche Einzelfälle, daß die Keuschheit ohne Nachteil für die Gesundheit bestehen kann ... Doch wird dies meist ignoriert.
„Die Prostitution ist kein Heilmittel gegen die Onanie. Beide bestehen sehr oft nebeneinander...... Tatsache ist ..., daß der Geschlechtsreiz durch vermehrte Befriedigung sich steigert, zu einem immer häufigeren Bedürfnis wird. Das erklärt die weitere Tatsache, daß ... sehr viel Exzedenten daneben noch onanieren oder nächtliche Pollutionen haben...
„Nie habe ich eine durch Keuschheit entstandene Psychose gesehen, wohl aber zahllose solche, die die Folgen von Syphilis und Exzessen aller Art waren...
„Wir müssen dabei bleiben, daß für den jungen Mann bis zu seiner Verehelichung die Keuschheit nicht nur ethisch und ästhetisch, sondern auch der Prostitution gegenüber hygienisch das Zuträglichste ist.“
Auch der hervorragende Psychiater Prof. Dr. Eulenburg bezweifelt in seiner „Neuropathia sexualis“, „daß schon irgend jemand bei sonst vernünftiger Lebensweise durch geschlechtliche Abstinenz allein krank, speziell neurasthenisch oder sexual-neurasthenisch geworden ist.“ Er sagt weiter: „Ich halte diese immer wiederkehrenden, phrasenreichen Behauptungen für völlig leeres und nichtssagendes Gerede, wobei es sich nur um gedankenloses Miteinstimmen in den allgemeinen Chorus oder – noch schlimmer – um ein bewußtes Kniebeugen vor Vorurteilen handelt... Jene im Laienpublikum außerordentlich beliebte und leider auch von gewissen Ärzten laut oder stillschweigend gebilligte Meinung von der unbedingten Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz wirkt zumal auf die heranwachsende Jugend in hohem Maße verderblich; sie treibt diese dem illegitimen Geschlechtsverkehr, d. h. der Prostitution, geradezu in die Arme...“
Das Wort von den Schäden durch Enthaltsamkeit ist am lautesten im Munde derjenigen, die die Venus Anadyomene (sinnliche Liebe) kennen und ihr nicht entsagen wollen. Sie wissen nicht, daß das zur Periodizität neigende Rückenmark aus einem gewöhnlichen Reiz ein gebieterisches Recht macht. Findet man nicht im Essen, im Trinken, im Rauchen und in allen Lebensgewohnheiten genau dasselbe? Man entziehe nur einmal einem starken Esser oder Trinker sein gewohntes Quantum, und er wird – obwohl die Entsagung seinem Organismus höchst dienlich ist – Unbehaglichkeiten, ja Qualen erleiden. So ergeht's dem Raucher, so dem Morphinisten. Ist darum in ihren Wünschen, ihren Gefühlen, ihren Ansichten auch nur ein Schimmer von Recht?
Wer das Geschlechtsgefühl häufiger kennen lernte, hat seinen Organismus sozusagen darauf eingestellt. Wie Wellenlinien durchzieht's die Nervenzentren, periodisch sie erregend. Dann bringt zunächst die Enthaltsamkeit Beschwerden, wie allen, die unbeherrscht und triebhaft leben. Aber nur zunächst. Bald stellt sich das Nervensystem mit dem ganzen Organismus auf diese neue Marschroute ein, und die inneren Absonderungen vermehren bald merkbar die Spannkraft des Körpers und des Geistes. Ja, wer beobachten kann, findet bald heraus, daß der die Geschlechtskraft sparende Organismus mit einem geringeren Maß von Schlaf und Nahrung auskommt, weil er trotz erhöhter Leistungsfähigkeit sparsamer wirtschaftet. Für viele, viele Menschen ist der Geschlechtsgenuß ein jedesmaliger Kraftverlust, sie erschlaffen tagelang nachher, und Menge und Wert ihrer Arbeit leidet. Sie brauchen Tage, um durch Ruhe und Sorgfalt in der Ernährung wieder auszugleichen, was sie in einer Minute verloren haben. Trotzdem aber können sie nicht loskommen von dem entnervenden Glauben an die Notwendigkeit geschlechtlichen Lebens.
Freilich bedingt ein so besonders beherrschtes Leben auch veränderte Lebensgewohnheiten. Wenn du an Kopfschmerzen leidest, an unruhigem Herzen, an Schlaflosigkeit und wüsten Träumen, oder durch Pollutionen erschlafft wirst und in all diesen Dingen Gründe für ein voreheliches Geschlechtsleben siehst, dann handelst du wie ein Kind, das die eine Dummheit durch die andere beseitigen will. Du sollst deine Eßgewohnheiten ändern, den Alkohol meiden, das Rauchen einschränken, Gewürze und gewürzte Nahrung fortlassen und alles das beachten, was wir schon beim Kapitel der Onanie miteinander besprochen haben. Und wenn der Arzt in all den eben genannten Störungen die Zeichen eines zu hohen Blutdruckes erkennt, so sollte er seinen Patienten nicht auf den gefährlichen Weg zur Dirne senden, sondern den Blutdruck durch den gesünderen und klügeren Rat der fleischlosen Nahrung, der Vermeidung von Kaffee und Tee und Alkohol herabsetzen. Kann diese gedankenlose Suggestion der Dirnennotwendigkeit sich bei der ärztlichen Autorität ihr Lebensrecht holen, dann ist es kein Wunder, wenn die Köpfe junger Männer erfüllt sind von wilden, ungezügelten und schmutzigen sexuellen Vorstellungen, die den erregten Körper zu nächtlichen Samenergüssen und damit zur Erschlaffung mit Rückenschmerzen, Verdauungsschwäche und Melancholie treiben! Ein straffes Halt der lüsternen Phantasie gebieten, Geist und Körper in ernste, energische Arbeit einspannen, das hält den Geist sauber und den Körper gesund!
In Klöstern, wo die Frauen arbeiten, hat man selten Hysterie gefunden; bei Prostituierten dagegen ist sie häufig.
Du wirst einsehen, daß gerade die wunderbare Tatsache der inneren Drüsenabsonderungen der Jugend die Pflicht der Keuschheit auferlegt. Denn der Organismus, der diese Drüsensekrete zu seiner Entwicklung gebraucht, kann nicht zu seiner vollen Entwicklung kommen, wenn ihm vorher das Wachstumsmaterial entzogen wird. Und wenn dem Körper die Kraft genommen ist, wie sollte er Kraft seinen Nachkommen geben können? Dem eigenen Leichtsinn folgt die Schwäche der Nachkommen, und sie ist ein drückender Vorwurf für den, der noch ein Gewissen hat.