Es ist nicht geschickt, zur eigenen Entschuldigung auf die Männer hinzuweisen, die trotz ihrer sexuellen Ausschweifung geistig groß, bedeutend und machtvoll waren. Denn erstens sind solche Männer in der Minderzahl, zweitens hätten sie bei größerer Selbstzucht noch Größeres erreicht. Die Zahl der Großen aber, die ihr persönliches Leben unter die ordnende Macht sittlicher und gesundheitlicher Gesetze gestellt haben, ist wesentlich größer, und man braucht nur auf Immanuel Kant, auf A. v. Humboldt hinzuweisen, um sexuelle Enthaltung und geistige Größe eindrucksvoll nebeneinander zu sehen. Jedenfalls hat frühzeitiger Geschlechtsverkehr noch keinen großen Mann gezeitigt. Dagegen fällt das Auge überall auf Menschen, die durch vorzeitige Vergeudung der Zeugungskräfte an Körper und Geist verarmt und verkümmert und zu jedem geistigen Hochflug unfähig geworden sind.
Obermedizinalrat Prof. Dr. Gruber in München sagt: „An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist nicht zu denken.“ Er weist darauf hin, daß die Samenflüssigkeit, wenn sie als Auszug aus Tierhoden unter die Menschenhaut gespritzt wird, die Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht und diese sich rascher erholen. Er weist ferner auf die Enthaltung von Gelehrten und Künstlern hin und sagt: „Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt, und seine Bestandteile gelangen ins Blut. Dies wirkt nicht schädlich, sondern günstig.“ –
Zweifellos gibt es Menschen von so heftiger geschlechtlicher Begierde, daß sie sich wie ein Wesenszug ihrer besonderen Persönlichkeit ausprägt und oft ihrem Handeln eine bestimmte Note gibt. Sie können sich nicht bezähmen, sondern werden von ihrer Begierde beherrscht. Solchen Menschen erscheint der Gedanke an geschlechtliche Entsagung lächerlich, und sie sind es auch, die, von ihrem eigenen Zustand ausgehend, ihren jugendlichen Kameraden die Gefahren der Keuschheit anschaulich machen wollen. Sie geben oft einer Unterhaltung den Ton, und die anderen schämen sich, ihre Unschuld zu zeigen oder gar zu verteidigen. Wir wollen nicht Pharisäer sein und Steine werfen auf diejenigen, deren heftige, unstillbare Begierde die Selbstbeherrschung übersteigt. Aber man soll in diesen Dingen das Herdenmäßige niederhalten, damit nicht der eine zur gefährlichen Antriebskraft für die anderen wird, die zu spät den gefährlichen Weg, den Krankheitsjammer und das moralische Elend erkennen, in das ihre durch ein paar verführende Worte angefachte Sinnlichkeit sie hineingetrieben hat. Man kann, durch ein Irrlicht geleitet, leicht in einen Sumpf geraten. Ob aber die Kraft zum Herauskommen später noch da ist, ist nicht vorherzusagen.
Prof. Dr. Albert Heim hat in einer kleinen Schrift, „Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkt der natürlichen Entwicklungsgeschichte“, vortrefflich nachgewiesen, daß diese sexuelle Planlosigkeit und Willkür, die wir in der „zivilisierten“ Menschheit finden, nicht einmal beim Tiere existiert, daß für das in Freiheit lebende Tier durchaus keine Geschlechtsfreiheit besteht, daß es vielmehr in polygamischer oder monogamischer Ehe lebt. Er sagt:
„Und indem allmählich die zeitliche Beschränkung der Geschlechtsliebe auf Brunftzeiten verschwunden ist, die Zeit der Brutpflege und der Erziehung der Nachkommen sich immer verlängert hat, wird die Familie fester und dauernder und dadurch die lebenslängliche Einzelehe immer natürlich-notwendiger. In geschichtlicher Zeit sehen wir in der Menschheit selbst alle Stufen von Unregelmäßigkeit, polygamischer, monogamischer Ehe sich fortschreitend entwickeln bis gegen die Alleinherrschaft der lebenslänglichen Einzelehe in Praxis, in Sitte und in Gesetz. Was die Natur schon am Tierreiche in verschiedenen Zweigen aufsteigend entwickelt und mit verstärkter Notwendigkeit dem Menschen als Erbe überbunden hat, das wird sie nicht zurücknehmen können. Es gibt kein anderes Rückwärtsschreiten als dasjenige zum Untergang.
„Die monogamische Lebensehe ist in ihrer Ausbildung ein allgemeines Naturgesetz, und indem das Sittengesetz der Menschheit dieselbe fordert und anstrebt, ist es eben nicht ein Stück „zivilisatorischer Unnatur“, sondern ein Stück Natur. Ein ungehemmtes Verfolgen seiner Triebe ist kein Naturrecht. Die freie Natur gibt dies bei höheren Tieren nirgends zu. Auch das Tier würde bei Geschlechtsfreiheit rasch zugrunde gehen. Der außereheliche Geschlechtsverkehr ist in der Natur gar nicht vorgesehen; er ist nur eine unglückliche Abirrung der Zivilisation, ein Irrtum! Je intensiver der Geschlechtstrieb, je beseligender seine Befriedigung wird, desto bestimmtere und engere Schranken setzt ihm die Natur, desto höher und heiliger aber auch gestaltet sie die geschlechtliche Verbindung; sie wird zur Liebe, zur Ehe. Beim Menschen gibt uns Liebe und Gegenliebe, nicht der Geschlechtstrieb, Recht aus Geschlechtsgenuß.
„Das Gerede vieler Männer von der Unnatur der Enthaltsamkeit und der monogamischen Lebensehe ist also eitel Säbelgerassel und steht im grellsten Widerspruche mit den Leitlinien der natürlichen Entwicklung. Diesem Gerede zuliebe wird die Natur nicht umkehren, sondern wer ihren Entwicklungsgedanken zuwider lebt, der wird an seinem Laster verderben! Aus der Natur, aus ihren Gesetzen, kommen wir nimmer heraus!“