Ja, wenn noch aus all dieser lüstern-lockenden Welt der geschlechtlichen Ungebundenheit Glück und Kraft und Schönheit käme! Wenn die Wege des Genusses nicht zur Reue führten, die oft fassungslose Verzweiflung ist! Denn das voreheliche Geschlechtsleben hat einen Januskopf. Auf der einen Seite das lächelnde Antlitz des Augenblicksgenusses und auf der anderen die grause Kehrseite der venerischen Krankheiten, allen voran Tripper (Gonorrhöe) und Syphilis. Weißt du, welche Schrecken diese Krankheiten für den Einzelnen, welche Geißel sie für das Volk sind? Ruinierte Kräfte, zerstörte Leben auf der ganzen Linie. Nur ein paar Zahlen sollen den Umfang der venerischen Seuche zeigen:

Das Kultusministerium in Preußen versandte im Jahre 1900 Fragebogen, die Geschlechtskrankheiten betreffend, an die Ärzte. Aus der Beantwortung derselben ergab sich, daß am 30. April des genannten Jahres 41000 Geschlechtskranke sich in ärztlicher Behandlung befanden. Darunter waren allein 11000 an frischer Syphilis Erkrankte. Berlin zählte allein 11600, darunter 3000 frisch Syphilitische. Es kamen somit in Preußen auf 10000 Einwohner = 28 Geschlechtskranke, in Berlin 142. Berücksichtigt man, daß ein Drittel aller Ärzte die Fragebogen unbeantwortet gelassen hatte, und daß zahllose Erkrankte ohne eine Ahnung von ihrem Leiden herumlaufen oder aber leichtsinnigerweise nicht zum Arzt gehen, so kann man sehr wohl für Preußen eine Zahl von 100000 Geschlechtskranken am Tage annehmen. Professor Brentano sprach 1903 in München auf dem Kongreß der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ sogar von 170000.

Diese Krankheiten kosten dem Volke an Mindereinnahmen und Mehrausgaben (für Behandlung) viele Millionen.

Das Elend, das diese Zahlen in sich einschließen, ist kaum zu schildern und hat etwas Grauenhaftes, wenn man sieht, daß ihm die Menschen mit lächelndem Leichtsinn entgegeneilen. Denn fast alle Geschlechtskrankheiten (90%) entstehen bei der Prostitution oder durch die flüchtigen „Verhältnisse“ mit Kellnerinnen und dergl.

Dr. Iwan Bloch-Berlin berichtet („Sexualleben“), daß in Berlin alljährlich ein Drittel aller Kellnerinnen als geschlechtskrank aufgegriffen werden, daß unter den Geschlechtskranken folgende Skala besteht: 30% Kellnerinnen, 25% Studenten, 16% Kaufleute, 9% Arbeiter, 4% Soldaten. Daß die Studenten gleich hinter den Kellnerinnen stehen, spricht für ihren bodenlosen Leichtsinn. Der verstorbene Leipziger Nervenarzt Dr. Möbius sagt („Vermischte Aufsätze“, 1898): „Der, der Erfahrung hat, muß zugeben, daß wenigstens acht von zehn, die durch Dirnen angesteckt worden sind, nicht durch Leidenschaft dazu gekommen sind, sondern einfach durch Leichtsinn und Übermut, Verführung und Betrunkenheit. Ja, viele setzen sich kaltblütig der Gefahr aus, bloß weil man ihnen eingeredet hat, regelmäßiger Geschlechtsverkehr sei zur Gesundheit nötig.

„Wüßten die Leute ganz klar, wie groß die Gefahr ist, daß sie bei jedem Verkehr mit Dirnen die Gesundheit, ja das Leben auf das Spiel setzen, so würden gewiß viele sich zurückhalten. Deshalb halte ich es für eine ernste Pflicht aller Wohlmeinenden und ganz besonders der Ärzte, so oft und so nachdrücklich wie möglich die Wahrheit über die venerischen Krankheiten anszusprechen, ja den Menschen ins Ohr zu schreien. Jeder bedenke, welche Verantwortung er auf sich lädt, wenn er diese Dinge leichtsinnig behandelt. Sollten Ärzte lächelnd von ‚Kinderkrankheiten‘ reden, oder wohl gar zum Besuche der Dirnen ermuntern, so darf man von ihnen sagen, daß sie ‚viel schlimmer als die Pest‘ wirken.“

Weil Wissen überall die starke Waffe der Sittlichkeit ist, wollen wir hier kurz die häufigsten und schrecklichsten Geschlechtskrankheiten darstellen. Es sind dies 1. der Tripper (Gonorrhöe), 2. der weiche Schanker, 3. die Syphilis.

Der Tripper ist eine uralte Krankheit, die schon Moses zu ernsten Maßregeln veranlaßte. Das Mittelalter hat eine große Ausdehnung des Trippers erlebt, aber die großen Irrtümer über diese Krankheit waren für die Kranken von sehr trüben Folgen. Klarheit brachte erst die im Jahre 1879 gemachte Entdeckung von Prof. Neisser-Breslau, daß der Tripper eine zunächst lokale Entzündung der Harnröhrenschleimhaut ist, die auf bestimmten Mikroorganismen (Kleinwesen), den Gonoccoci Neisseri oder Tripperkokken, beruht.

Es gibt keine andere Ursache für den Tripper oder die Gonorrhöe als den Geschlechtsverkehr. Was man sonst darüber redet, ist falsch. Man kann ohne weiteres sagen, daß alle käuflichen Dirnen geschlechtskrank sind, und daß die sittenpolizeiliche Kontrolle (Reglementierung) nicht den geringsten Schutz gegen die ungeheure Ansteckungsgefahr gewährleistet.

Ein oder mehrere Tage nach der Ansteckung macht sich ein lästiges Brennen und Jucken in der Harnröhre bemerkbar, das häufige Gliederektionen mit erhöhtem Schmerzgefühl bewirkt und besonders beim Harnlassen sich steigert. Zugleich beginnt ein schleimiger Ausfluß, der in kurzer Zeit zu einem mehr oder weniger übelriechenden grünlich-gelben Eiter wird. Die Menge dieser eiterigen Absonderung hängt von der Heftigkeit der Erkrankung und von der gesamten Kräfte- und Säftebeschaffenheit des Patienten ab. Die Harnröhrenmündung erscheint gerötet. Wird bei der Untersuchung der Harn in ein Glas gelassen, so senkt sich der Eiter darin in dicker Schicht zu Boden, und man kann die Gonokokken darin mit Sicherheit feststellen.