Schwere Nieren-, Leber-, Lungen- und Herzerkrankungen treten bei der tertiären Syphilis auf und können gleichfalls den Tod herbeiführen.

Ergreift die tertiäre Syphilis das zentrale Nervensystem, so ist der Kranke unrettbar dem Tode verfallen. Das am Schädel sitzende Gumma frißt sich durch den Knochen hindurch oder treibt ihn auf; daraus erklären sich die Vorboten jener fürchterlichen Krankheit, der Gehirnerweichung, die wohl in den meisten Fällen den Charakter der tertiären Syphilis trägt. Diese Vorboten sind: dauernder Kopfschmerz, Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisschwäche, tiefe Gemütsverstimmung und die lange Reihe jener merkwürdigen, unüberlegten und sinnlosen Handlungen, die oft bei einem früher klugen, geistvollen Menschen auftreten und den Gehirnparalytiker verraten, ehe noch die schreckliche Krankheit zum furchtbaren Ausbruch kommt. Daß ein sonst sparsamer Mann auf einmal ein unruhiger Verschwender wird, ein sittenstrenger Mann zum wüsten, ausschweifenden Erotiker, erklärt sich nur durch teilweisen und fortschreitenden Verfall des Gehirns.

Bei der Rückenmarksschwindsucht ist ihr Zusammenhang mit der Syphilis (oder mit ihrer Quecksilberbehandlung?) so offenbar, daß man fast von Ausnahmslosigkeit sprechen kann.

Die bei Tabes des oberen Rückenmarkes auftretenden Sehstörungen, namentlich Augenlähmungen und Entzündungen der Iris, sind fast alle syphilitischen Charakters.

Es gibt keinen Teil am und im Körper, der nicht von der Syphilis ergriffen und zerstört werden könnte. Zwar trifft die Krankheit nicht jeden so schwer; aber sie ist heimtückisch und unberechenbar, und wenn ein von dieser Krankheit befallener Körper nicht genügend Lebenskraft hat, sich vernachlässigt und noch dazu ein ausschweifendes, nervenzerstörendes Leben führt, so kann ihn die Krankheit bei lebendigem Leibe zum Verfaulen bringen.

Die Syphilis ist erblich, das ist ihr größtes Schreckbild. Die Nachkommen empfangen das Gift im Keim, und dieser angefaulte Keim wird – wenn er nicht abstirbt – zu einer faulen Frucht. Dies ist das Schrecklichste im Leben, der grauenvolle Leichtsinn, mit dem ein syphilitisch Kranker das Gift auf Weib und Kinder überträgt und Leben erweckt, das morsch, faul und unglücklich ist. Wieviel jammervolle Menschen laufen umher, denen die Syphilis des Vaters oder der Mutter die Kraft nahm und die Flügel gebrochen hat! Das ist die fluchwürdigste Tat, deren ein Mensch fähig ist.

Die erbliche Übertragung der Syphilis geschieht durch syphilitische Vergiftung der Keimzellen. Die Folgen sind Absterben der Frucht, Frühgeburten und Fehlgeburten oder ganz elende, schwächliche und erbärmliche Kinder.

Prof. Neumann machte im „Archiv für Kinderheilkunde“ folgende Angaben über die geradezu verheerenden Wirkungen der vererbten Syphilis: „Es gebaren 71 Mütter im sekundären Stadium der Syphilis insgesamt 99 Kinder, d. h. es standen so viele Fälle zur Beobachtung. Dabei fanden sich: 40 mal Abortus, 4 Frühgeburten, 3 Totgeburten, 24 Kinder, die gleich nach der Geburt starben, 5 waren lebend, aber syphilitisch, und nur 2 schienen gesund zu bleiben. Die Sterblichkeit war also 98 Prozent!!

Dies große Kindermorden bezeichnet überall den Weg der Syphilis. Zwar mildert sich das Bild, wenn die syphilitische Ansteckung der Mutter nicht vor der Befruchtung oder zugleich mit ihr, sondern später erfolgte. Zwar ist dann immer noch die Gefahr für das Kind groß; aber es bleibt wahrscheinlich am Leben. Ist aber einmal die Syphilis im Körper einer Frau, so ergreift sie die Keimzellen, die im weiblichen Organismus in den Eierstöcken von Jugend auf fertig ausgebildet sind, und jedes nachher geborene Kind wird geschädigt. Darin liegt die Furchtbarkeit der Syphilis beim Weibe. Die Samenzellen des Mannes werden fortdauernd neu gebildet, so daß beim Ausheilen der Syphilis auch die Erblichkeit erloschen ist. Das ist beim Weibe nicht der Fall, weil immer in den fertigen und auf Befruchtung wartenden Eizellen Syphiliskeime zurückgeblieben sein können. Eine einmal syphilitisch gewesene Frau sollte darum nie wieder Kinder bekommen. Und gerade hier sieht man die ganze Schrecklichkeit dieser Krankheit, erkennt man, wie sie alles Mutterglück für alle Zeit ersticken kann, und wie ein unschuldiges Weib krank und unsagbar unglücklich werden kann, weil der Mann ihr in schrecklichem Leichtsinn den Keim einer Krankheit übertrug, die er in einer Stunde des bloßen Vergnügens erwarb.

Arme, arme, bejammernswerte Frauen, die nichts Böses taten und so schwer leiden müssen! Wie kam so bitteres Unrecht in die Welt? Und wie ist es auszudenken, daß es Männer gibt, gewissenlos und verbrecherisch genug, wissend Leib und Seele einer Frau zu zerstören!