Aber wen soll er, ja, wen darf er fragen? Der Frage folgt Schweigen oder verlegenes Lächeln. Das Leben hat den Erwachsenen die Antwort schwer gemacht. Trübe Ereignisse und Reue verstellen der Wahrheit den Weg.
Aber wer in Gefahr war, sollte den Neuankommenden warnen. Wer strauchelte, sollte verhüten, daß auch der andere strauchelt. Darum ist es nicht gut, wenn du noch unbelehrt und ungewarnt bist.
Ich will niemandem einen Vorwurf machen, am allerwenigsten deinen Eltern oder deinen Lehrern. Sie haben dich gefördert, wie sie nur konnten. Aber dies Geschlechtliche, siehst du, nimmt in allen Dingen des Lebens eine Ausnahmestellung ein. Es schlummert in ihm – und darum auch in dir – etwas Gefährliches, das man durch Schweigen dämpfen möchte; denn niemand kann sagen, ob Glück oder Unglück daraus entspringt.
Ich aber meine, im Dunkeln sei kein Weg zu finden. Licht soll auf alle Lebenswege fallen. Darum will ich dir die Wahrheit sagen, will mit dir über ein paar Lebensfragen sprechen, damit dein Leben Halt und Festigkeit und Richtung bekommt. Und insbesondere will ich dir alle deine stummen Fragen beantworten, die scheu und geheimnisvoll-verlegen dem Geschlechtlichen entsteigen und neugierig das Geschlechtliche umflattern.
1.
Vom Sinn des Lebens.
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, welchen Sinn wohl das Leben haben könne? Ja, hast du versucht, die Lebenserscheinungen denkend zu einer Lebens-„Anschauung“, zu einem Lebensbild, zu vereinigen und dein eigenes Denken und Tun mit diesem Lebensbild in Einklang zu bringen?
Ich glaube nicht. Denn das Elternhaus hat dich treusorgend bewahrt. Den Tisch fandest du stets gedeckt, und manche Sorge ums Alltägliche und um das, was die nächsten Tage bringen werden, haben die Eltern dir ferngehalten und allein ihre Stunden damit ausgefüllt, während du lachen und scherzen oder schlafen konntest. Die Schule setzte dir fertiges Wissen vor. Du nahmst, was andere gedacht, und warst des eigenen, tieferen Denkens enthoben.
Nun aber trittst du ins Leben hinaus. Nun beginnt auch für dich der Kampf. Die Pflichten mehren sich, und der Tag ist nicht mehr fern, an dem auch deine Schultern tragen sollen, was ein Mensch zu tragen vermag. Und zeitweilig noch mehr. Da gilt es, Kräfte zu sparen und stark zu werden, um mutig und aufrecht den Lebensstürmen zu trotzen.
Es mag ein banges Zagen dich beschleichen, wenn du daran denkst, bald ganz auf dich allein gestellt zu sein. Du zweifelst, ob deine Kräfte ausreichen werden. Aber sei getrost! Nicht als ein Fertiger tritt der Mensch an seine Aufgaben heran, sondern die Pflicht steigert die Kraft. Alles in der Natur und im Leben ist ein Werden, ein Wachsen. Alles Leben ringt nach Vollendung und vollendet sich im Kampf. Der Starke triumphiert im Kampf, bleibt Sieger. Den Schwachen zerbricht das Leben.
Wohlan! Sei ein Starker! Fasse Mut, und freue dich der wachsenden Kraft! Kleine Widerstände geben dir Mut, dich an großen zu messen, und ehe ein paar Jahre ins Land gegangen, schaust du deinen Weg zurück und lachst der Zaghaftigkeit, die dich heute beschleicht.