Man kann wohl sagen, daß das Bild, das Herat heute bietet, ungefähr zur Zeit Schah Rukhs und Sultan Hussein Mirzas geschaffen wurde (1469 bis 1506). Auch Baber, der erste der indischen Großmogule, besuchte Herat und gibt in seinen Memoiren eine Aufzählung aller Sehenswürdigkeiten der Stadt. Er scheint in Herat eine sehr vergnügte Zeit verlebt zu haben, denn die Schilderung der Festlichkeiten und Trinkgelage gehört zum Köstlichsten seiner Memoiren.

Ich benutzte die Zeit in Herat auch dazu, um Einkäufe für die bevorstehende Karawanenreise zu machen, Pferde zu mieten und Diener zu engagieren. Sahib Dad Khan half dabei, und bald hatten wir eine Menge nützlicher Sachen beisammen: Reis, Zucker, Tee, Kerzen, Fett, Zwiebeln, ferner Kupfertöpfe, Teekessel, Leuchter, Streichhölzer, Zigaretten. Der Diener, den ich engagierte, hieß Juma; der Leser wird ihn im Laufe der Reiseberichte bald näher kennenlernen; ebenso auch meinen Karawanenführer Gul Mohammed.

Als ich einige Tage in Herat war, machte ich auch dem Gouverneur meinen Besuch. Ich wurde von seinem Sekretär Latif Khan und Sahib Dad Khan zu ihm geführt. Die Audienz dauerte nicht sehr lange, aber wir unterhielten uns ausgezeichnet. Er war ein sehr freundlicher Herr, erkundigte sich eingehend nach meinen Schicksalen und Plänen, und war erfreut, daß ich Persisch sprechen konnte; bewirtete mich selbstverständlich mit Tee und Gebäck und versprach mir für meine Weiterreise jegliche Hilfe. Schon Wagner hatte ihm erzählt, daß ich voraussichtlich ziemlich mittellos in Herat eintreffen und wahrscheinlich gezwungen sein würde, ihn um Geld zu bitten. Als ich ihm nun mein Anliegen vortrug, war er nicht im mindesten überrascht, sondern sagte, daß es ihm ein großes Vergnügen sei, mir zu helfen. Ich nahm also bei ihm eine Anleihe von 400 Rupien (ca. 350 Mark) auf, die ich später in Kabul an die Staatskasse zurückzahlen mußte.

Langsam näherte sich nun mein Aufenthalt in Herat seinem Ende, und als der junge afghanische Lehrer Gulam Ali, der mit mir zusammen nach Kabul reisen sollte, mit seinen Reisevorbereitungen ebenfalls fertig war, konnten wir unsere Fahrt quer durch das zentrale Afghanistan antreten.

V
DURCH DAS ÖDE ZENTRAL-AFGHANISTAN

Am 6. November 1923, mittags zwölfeinhalb Uhr, verließ ich Herat. Sahib Dad Khan begleitete mich bis vor das Tor, wo ich Gulam Ali traf. Die Packtiere waren unter Gul Mohammeds Leitung schon vorausgezogen. Ich schwang mich auf meinen braunen Wasiri, sagte Sahib Dad Khan Lebewohl, und dann trabten wir durch die engen winkeligen Gassen zum Stadttor hinaus.

Die Pferde waren sehr übermütig, da sie lange im Stall gestanden hatten, und wir hatten Mühe, sie zu halten. Vor der Stadt erwarteten uns ca. 10 bis 15 junge Afghanen zu Pferde, Freunde Gulam Alis, die uns noch eine Strecke weit das Geleit geben wollten, wie es in Afghanistan allgemein üblich ist. Wir ritten eine ziemlich breite Straße entlang, die uns an großen Gärten vorbeiführte, aus denen die grauen Lehmhäuser hervorsahen. Hier wuchsen die herrlichen Trauben und Melonen, die Walnüsse, Maulbeeren und Aprikosen, die weithin wegen ihrer Güte und Schmackhaftigkeit berühmt sind. Gulam Alis Diener, Mesjidi Khan, hatte im Basar ein Gewehr gekauft, ein altes französisches Modell, auf das er sehr stolz war. Es war dies außer meinem Revolver die einzige Waffe, die wir bei uns hatten. Als wir uns von den jungen Afghanen verabschiedeten, wurde sogar aus diesem französischen Gewehr Salut geschossen, was die Pferde noch störrischer machte. Dann zogen wir alleine weiter.

Es war gegen vier Uhr. Zur Linken hatten wir eine jeglicher Vegetation bare, verwitterte Gebirgskette, von der sich große Schuttfächer ins Tal zogen; rechts grüne Gärten und Kulturen, die den Heri-rud einfassen. Gegen fünf Uhr kamen wir in dem ersten Karawanserai an und gingen früh schlafen.

Am folgenden Tage brachen wir bereits um sechs Uhr auf, als es noch stockfinster war. Die Sterne flackerten am Himmel, und die Sichel des Mondes schwebte über den Bergen. Es war sehr kalt, und man vergrub beide Hände in die Manteltaschen. Schweigsam verliefen immer die ersten Morgenstunden; keiner hatte Lust zu reden; erst wenn die Sonne aufging, kam Leben in meine Gesellschaft.

Wir ritten genau gen Osten den hohen Bergen entgegen. Endlos erschienen uns manchmal diese ersten Morgenstunden, ehe es Tag wurde. Da wir gen Osten ritten, hatten wir den Sonnenaufgang immer vor uns. Das Dunkel der Nacht ging dann plötzlich in ein leuchtendes Gelb über, und es dauerte nur Minuten, bis die Sonne ihr flutendes Licht über das Land goß. Ich habe es während meines Aufenthaltes in Asien immer mehr verstanden, daß es Menschen gibt, die die Sonne anbeten. Wohl nie habe ich die Sonne so herbeigesehnt wie auf den Karawanenreisen in Afghanistan! Verfroren und gegen alles gleichgültig, saß man während der Nachtmärsche auf seinem Pferde und hatte nur den einen Wunsch, daß bald die Sonne aufgehen möge!