Ganz nah steht das Kuppelgrab der Herater Timuriden ([Abb. 1]). Es ist schon ziemlich baufällig, weist viele Risse auf, und viele der schönen blauen Kacheln sind abgefallen oder geraubt. Im Innern des Baues liegen regellos einige weiße Marmorsärge, einige fast schon im Staube vergraben. Weiter im Norden erhebt sich noch ein anderer Kuppelbau, der ebenfalls blauen Fliesenschmuck trägt. – Kleine Kinder kletterten auf dem Sockelunterbau umher, spielten und lachten und belebten die stille Stätte.
Am folgenden Tage ging ich wieder dort hin, setzte mich an den Rand eines Grabens, der sich an dem einen Minarett vorbeizieht, und versuchte im Aquarell einige der schönen Kachelmuster festzuhalten. Kein Mensch war weit und breit zu erblicken. Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizonte zu; immer leuchtender wurde das Bild, die ockerfarbenen Ziegel färbten sich goldgelb und die blauen Kacheln glänzten und strahlten eine märchenhafte Farbenpracht aus. Ein unendlicher Friede lag über der Stadt. Es war mir, als ob auch sie tot sei und nur mein Diener und ich die einzigsten Menschen weitum waren. Dunkler wurde es und dunkler, blaue Schatten senkten sich herab und hüllten Stadt und Tal ein.
Außer diesen alten Ruinen, die an Herats einstige Macht und Größe erinnern, löst noch die »Ark«, die Zitadelle, einen großen Eindruck aus ([Abb. 4]). Sie ist aus gebrannten Ziegeln erbaut und erhebt sich mit ihren gewaltigen, zinnengekrönten Mauern und Bastionen auf einem Rücken, der aus dem Schutt uralter Bauten im Laufe endloser Zeiten aufgehäuft wurde. Ob es möglich sein wird, einmal endgültig festzustellen, wann die ersten befestigten Anlagen hier errichtet wurden, ist noch eine Frage ([Abb. 8]). Daß sie bis auf Alexander den Großen zurückgehen, das ist vielleicht nicht ausgeschlossen. Seine Geschichtschreiber nennen das ganze Gebiet, in dem sich jetzt Herat erhebt, Aria und nennen als Städte Aria Metropolis und Artacoana (Ptolemäus). Daß Herat schon seit ältesten Zeiten besiedelt gewesen ist, kann man nach der überaus günstigen Lage der Stadt wohl annehmen. Hier kreuzen sich die großen Straßen, die von Nord nach Süd und von Ost nach West führen. Das Tal ist überaus fruchtbar; zahlreiche Bewässerungskanäle durchziehen das Land und verwandeln den sonst trockenen Boden in ein blühendes Gartenland, das die herrlichsten Obstsorten – Weintrauben, Melonen, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche und Maulbeeren – hervorbringt. Große weiße Mohnfelder wiegen sich im Winde, Baumwolle und Tabak werden gepflanzt, und Luzerne kann achtmal im Jahre geschnitten werden!
Ich fühlte mich in meiner Wohnung sehr wohl und hatte mich ganz häuslich eingerichtet. Der Ausblick aus dem Fenster nach dem Innenhof war entzückend; ich versuchte eines Nachmittags, die in allen Farben schimmernden Blumenbeete auf einer Farbenplatte festzuhalten, aber leider waren die Platten schon durch die Hitze verdorben. Ein kleiner Teich träumte inmitten der Farbenpracht, und manchmal saßen Afghanen in bunten Gewändern auf den Steinstufen, die zum Wasser hinunterführten. Die Diener, die sich um mich kümmerten, waren liebenswürdige, freundliche Menschen, die mir halfen, wo sie nur konnten. Ich entwickelte in Herat alle Aufnahmen, die ich dort machte, und der eine Diener lernte sehr schnell das Kopieren, das ihm unendlichen Spaß bereitete.
Eines Tages, es war an einem Freitag, also mohammedanischem Sonntag, war ich mit dem Diener fast ganz allein in dem großen Gouvernementsgebäude, da der Wesir mit seinem ganzen Troß auf Jagd gegangen war. Es war einer jener Tage, an denen die Ruhe und der Frieden der Natur sich auch auf uns überträgt, wo wir im wahrsten Sinne des Wortes glücklich und zufrieden sind und nichts anderes wünschen, als daß diese Harmonie immer bleiben möge. Es war ein herrlicher Novembertag, und in der Sonne war es so warm wie im Hochsommer bei uns. Morgens, als der Gouverneur aufbrach, hörte ich Trommeln und Trompeten erschallen; aber je mehr sich die Jagdgesellschaft entfernte, desto mehr verhallte der Klang und erstarb schließlich ganz. Ich setzte mich in den Garten und las ein schönes Buch, schrieb Briefe oder machte neue Kopien von den letzten Aufnahmen, die ich nach Hause schicken wollte. Auch plauderte ich viel mit dem Diener, um meine persischen Sprachkenntnisse zu verbessern; denn man lernt ja in Europa, wenn man sich mit einer fremden Sprache zu beschäftigen hat, nie das, was man notwendig in fremden Ländern braucht; ganz gleich, ob es die englische, französische oder sonst eine andere Sprache ist. Es müßte an allen Schulen beim Erlernen der Fremdsprachen vielmehr Wert auf Konversation gelegt werden.
Das Erlernen fremder Sprachen ist mir immer sehr leicht gefallen. Wenn man als Wissenschaftler und besonders als Geograph fremde Länder bereist, muß man unbedingt die Landessprache gut beherrschen. Ohne Kenntnis der Sprache wird einem das betreffende Volk stets ein Rätsel bleiben. Schon als Schulknabe habe ich mir dieses gesagt, und da ich schon damals ahnte, daß mich einmal mein Weg nach Asien führen würde, hatte ich mir von der Bibliothek meiner Heimatstadt eine persische Grammatik geholt und trieb mit großem Eifer das Studium dieser Sprache. Ich vernachlässigte das Französische, das mir nie sehr lag, und so kam es dann, daß ich fast stets in diesem Fache Note vier im Zeugnis mit nach Hause brachte!
Als es Abend wurde, stieg ich mit dem Mudir, der mich aufsuchte, auf das Dach des Palastes, um den Sonnenuntergang zu sehen. Von diesem Punkte aus übersahen wir die ganze Stadt mit ihren Lehmhäusern und Türmen, ihren Ruinen und Wällen, die von dem Grün der Gärten sich abhoben. Als die Sonne golden hinter den Bergen versank, hörten wir aus der Ferne den Klang der Trompeten – die Jagdgesellschaft kam von ihrem Ausfluge zurück! Schön war der Anblick der Moschee, deren beide Minarette mit den blauen Kuppeln im Abendsonnenscheine glänzten.
Ich hatte eines Tages Gelegenheit, diese Moschee zu besichtigen. Es war um die Mittagszeit, als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte. Ein feierliches Schweigen ringsum; es war so still, daß man glauben konnte, in einer toten Stadt zu sein, die in tausendjährigen Schlaf versetzt ist. Im Inneren des Moscheehofes träumte das Wasserbecken; eine große, blaugrüne Pinie lehnte ihre Krone an die hohen Mauern, deren Fliesenschmuck in allen Farben leuchtete, und die beiden Minarette schauten wie Wächter auf die heilige Stätte herab. Diese Moschee soll eines der ältesten Gebäude in Herat sein ([Abb. 10]).
Wenn man die vielen Ruinen sieht, die sich überall erheben, dann ahnt man, welch wechselvolle Geschichte Herat durchgemacht hat. Mehrmals wurde die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört. Die Annalen erzählen, daß einst Dschinghis-Khan die Stadt mit 80 000 Reitern überfiel und sämtliche Bewohner – es wird die Zahl 1 600 000 genannt – umbringen ließ. Nur 40 Personen, die sich in Höhlen versteckt gehalten hatten, entkamen dem furchtbaren Blutbade. Das Gebiet, das heute von der Stadtmauer eingeschlossen wird, war früher nur Festung, denn die Stadt hatte eine viel größere Ausdehnung. Auch im Laufe des letzten Jahrhunderts ist die Bevölkerung infolge der Kämpfe mit den Persern stark zurückgegangen. Für die Jahre vor 1838 wurde sie auf 70 000 Einwohner geschätzt, nach der Belagerung auf 7 bis 8000, 1845 auf 20 bis 22 000. Dies dürfte auch ungefähr der jetzigen Zahl entsprechen. Ob die Zahlen, die für Herat zur Zeit vor Dschinghis-Khan angegeben werden, nicht stark übertrieben sind, sei dahingestellt. Immerhin ist es ganz interessant, diese Zahlen einmal mit denen zu vergleichen, die Arthur Conolly, ein englischer Offizier, der Herat 1830 besuchte, angibt:
| Um 1219 n. Chr. besaß Herat: | zur Zeit Conollys 1830: | |
| Verkaufsläden | 12 000 | 1200 |
| öffentl. Bäder | 6 000 | 20 |
| Schulen | 350 | 6 |
| Häuser | 144 000 | 4000 |