Schon seit meiner Schulzeit habe ich mich mit den Ländern Innerasiens beschäftigt, und schon während meiner Studienzeit an der Münchener Universität hatte ich meine Arbeiten auf diese Länder Zentralasiens eingestellt. Außer Chinesisch-Turkestan, Tibet und Indien zählte auch Afghanistan zu meinem engeren Interessenbereich. Da bot sich mir im Sommer 1923 Gelegenheit durch die liebenswürdige Vermittlung eines guten Freundes als Geologe in Diensten einer neugegründeten afghanischen Handelsgesellschaft nach jenem Lande zu gehen. Die Reise ging durch Rußland – kreuz und quer durch Afghanistan – und heim über Indien.
Von den wissenschaftlichen Ergebnissen ist in diesem Buche nur wenig die Rede, ihre Veröffentlichung ist einem anderen Werke vorbehalten. Das vorliegende Buch – lose aneinandergereihte Tagebuchblätter, Skizzen und Bilder – soll dem Leser nur ein ungefähres Bild von dem Lande und dem Leben geben, wie es sich dem Reisenden darstellt.
Ungefähr ein Jahr ist verflossen, seit ich Afghanistan verlassen habe. Ich bin wieder heimgekehrt in das von Sorgen und Kämpfen zerrissene Europa, heimgekehrt in die Länder rastloser Arbeit sich hetzender Menschen, deren Seele im Alltag verkümmert und stirbt. Oft wandern meine Gedanken nach dem großen, stillen Asien zurück, nach Afghanistans einsamen Bergen und Tälern, nach Indiens sonnigen Fluren und heiligen Stätten. Ich sehe mich im Geiste wieder mit meiner Karawane über die hohen, eingeschneiten Pässe ziehen, sehe uns wieder am flackernden Lagerfeuer sitzen und glaube manchmal die Stimmen meiner Diener zu hören. Und wieder andere Bilder steigen vor mir auf: Weiße Marmorpaläste, stille Tempelhaine, die im Schatten großer Bäume träumen, und stille Seen, in denen sich der tiefblaue Himmel und hohe Palmen spiegeln. Wenn es mir gelungen ist, in Wort und Bild diese Länder dem Leser näherzubringen, dann ist der Zweck dieses Buches erreicht.
Sämtliche Photographien sind von mir selbst aufgenommen, mit Ausnahme der Bilder Nr. 34, 35, 57–60, die mir von Herrn Blaich, Kabul, zur Verfügung gestellt wurden, wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche.
Zuletzt noch ein Wort des Dankes an die Herren der Deutsch-Afghanischen Kompanie für die vielseitige Unterstützung, die sie meinen Plänen zuteil werden ließen, an Frau Erna Martens, die mir eine unermüdliche Korrekturleserin gewesen ist, sowie dem Herrn Verleger für die Sorgfalt und das Interesse, das er der Herausgabe dieses Buches entgegenbrachte.
DR. EMIL TRINKLER
I
QUER DURCH RUSSLAND UND RUSSISCH-TURKESTAN
Am Freitag, dem 6. August, abends 11 Uhr, verließ ich mit meinen Kameraden Wagner und Blaich Riga. Der Wagen, den wir angewiesen bekamen, war augenscheinlich ganz neu. Er hatte elektrische Beleuchtung, bequeme aufklappbare Polstersitze und war sehr sauber. Als wir uns am anderen Morgen erhoben und gefrühstückt hatten, wurden die Abteile vom Zugpersonal ausgekehrt und geputzt, und der erste Eindruck, den wir von Rußland erhielten, war nicht schlecht.
Mit großer Spannung erwarteten wir unsere Einfahrt in das Reich der Sowjets. Wenn wir aus dem Fenster blickten, zeigte sich immer dasselbe Bild: Wald, Wald und wieder Wald, Äcker, einsame kleine Bauerndörfer, mit niedrigen strohgedeckten Holzhäusern, hin und wieder große Wiesen und Sümpfe. Gegen zwölf Uhr fahren wir durch ein großes hölzernes Tor, auf dem die rote Fahne weht und an dem das Sowjetwappen – Sichel, Hammer und Stern – angebracht ist. Wir sind an der Grenze angelangt, und der Zug hält, bis die Paßkontrolle erledigt ist. Zu beiden Seiten erheben sich neuerbaute Blockhäuser, auf denen ebenfalls die roten Fahnen flattern. Militärposten mit aufgepflanztem Bajonett bewachen den Zug, den niemand verlassen darf. Bald fahren wir weiter nach Sebesch, wo die Gepäckrevision stattfindet. Es gießt in Strömen, als wir gegen ein Uhr unsere Reise fortsetzen können. Endlos erscheint uns die Fahrt durch Rußlands Ebenen, durch unendliche Wälder und Sümpfe. Der graue Himmel und der klatschende Regen lassen das Bild noch trauriger erscheinen. Auf den Stationen kann man Lebensmittel erhalten, Weißbrot, Wurst, Früchte, Käse und Milch. Hier sehen wir schon typisch russische Bilder: Frauen und Mädchen in bunten Kopftüchern, Soldaten in verschiedenen Uniformen und zerlumpte Bettler.
Oft kann man an den Bahnhofsgebäuden in großen Lettern lesen: »Proletarier aller Länder vereinigt euch«. Das Wetter klärt sich auf, und beim Abendsonnenschein fahren wir in eine größere Stadt, deren viele weiße Kirchen mit grünen Kuppeln schon von weitem leuchten. Am Sonntagmittag, fünf Minuten vor zwölf Uhr, ohne eine Minute Verspätung fährt unser Zug in den Moskauer Bahnhof ein.