Ich will mich nicht lange mit der Beschreibung Moskaus aufhalten, denn die Zustände haben sich seit 1923 geändert, und das Bild, das ich von der Hauptstadt des Sowjetreiches empfing und entwerfen müßte, wäre nicht mehr zutreffend. – Als wir in Moskau weilten, waren nur zwei Hotels geöffnet; da das Savoy besetzt war, fanden wir im Knjajnüj Dwor, im Fürstenhof, Unterkunft. Lebensmittel gab es 1923 gut und reichlich; aber für russische Verhältnisse waren sie zu teuer. Doch ist Moskau wohl schon in Friedenszeiten eine der teuersten Städte Europas gewesen. Hier sieht man bereits ganz asiatische Bilder, und in den Basaren und auf den Märkten begegnet man häufig Turkmenen, Chinesen, Armeniern und Persern. Die Menschen erschienen aber alle bedrückter Stimmung; Sorge und Kummer sprachen aus den Gesichtern; ich habe in Moskau nie einen Menschen herzlich lachen hören. Alle waren sehr schlecht gekleidet, und obgleich wir gar nicht elegant gekleidet gingen, fielen wir doch überall sehr auf. Derjenige, der sich näher über die jetzigen Verhältnisse in Rußland zu unterrichten wünscht, dem kann nur das in diesem Verlage erschienene Buch von Prof. Obst: »Russische Skizzen« aufs wärmste empfohlen werden.

Die fünftägige Bahnfahrt von Moskau nach Taschkent verlief sehr angenehm, da die Züge, die auf dieser Strecke verkehren, internationale Schlaf- und Speisewagen haben. Je mehr wir uns Taschkent näherten, desto wärmer wurde es, und während der letzten beiden Tage der Fahrt war die Hitze beinahe unerträglich. Unvergeßlich wird mir die Überfahrt über Europas größten Fluß bleiben. Es war frühmorgens; die Strahlen der Morgensonne lagen auf den großen Wäldern und Feldern, die die gewaltige Wolga einsäumen. Es rollte dumpf, als wir langsam über die berühmte, ca. 1500 m lange Brücke fuhren. Einige Dampfer und Flöße zogen langsam stromabwärts. Frieden und Ruhe weit umher, Feiertagsstimmung!

Langsam verschwinden die Wälder, Schwarzerdeboden tritt auf, durch den sich wie samtene Bänder dunkelgrüne Felder hinziehen, und dann tritt die Steppe die Herrschaft an. Tag und Nacht haben wir dasselbe Bild der verbrannten dürren Einöde. Wir sehen die ersten Kamele, passieren Jurtensiedelungen der Kirgisen, vor denen abends die Lagerfeuer hell flackern, und sehen die Sonne wie eine blutrote Kugel am Abendhimmel versinken. Auf den Stationen wird meistens lange gehalten. Hier kann man seinen Proviant ergänzen und Obst, Hühner, Brot, Milch und Eier zu teueren Preisen erstehen. An jeder Station bekommt man auch heißes Wasser, denn den Tee bereitet man sich selbst im Wagen. Köstlich mundeten die Zucker- und Wassermelonen, die wenigstens etwas den Durst stillten.

Am vierten Tag zeichnet sich die tiefblaue Fläche des Aralsees auf dem braunen Steppenboden ab. Von Grün war nichts zu erblicken; nur dürres gelbes Gras und Sandboden so weit der Blick reichte! Eines Abends sahen wir eine Herde Kamele auf der Steppe weiden, und eine Karawane zog langsamen Schrittes der untergehenden Sonne entgegen. Keine Wolke war mehr am blauen Himmel zu sehen, und es sollte Monate dauern, bis wir den ersten bewölkten Himmel wieder erblickten. In Kasalinsk war großer Fischmarkt. Stör und Kaviar wurden hier zu billigen Preisen angeboten. Die Reisetage vergingen uns noch viel zu schnell; am fünften Tage mittags trafen wir in Taschkent fahrplanmäßig ein.

Tagsüber war es noch sehr heiß, und wir waren immer froh, wenn der Abend kam. Dann saßen wir im Garten des Turkwojenkop-Restaurants, tranken ein Glas Turkestaner Roten und lauschten der Musik einer Zigeunerkapelle. Sobald das Tagesgestirn am Horizont versunken war, erwachten die Lebensgeister wieder, und jeder freute sich der frischen würzigen Luft.

Orient umgibt uns; er leuchtet uns entgegen im farbenprächtigen Leben der Basare, in den von einfachen Lehmmauern eingefaßten Blumengärten, im hellen Blau des Himmels und in der flammenden Lichtflut der Sonne. An allen Straßenecken haben die Turkmenen ihre Verkaufsstände aufgeschlagen, die fast unter der Fülle des Obstes zusammenzubrechen drohen. Weintrauben, deren Beeren ungefähr so groß wie Pflaumen sind, sowie große süße Zucker- und Wassermelonen verführen fast immer zum Kaufen. In den Basaren herrscht orientalisches Leben. Die bunte Kleidung der Sarten und ihre vielfarbig gestickten Kappen ziehen immer wieder den Blick auf sich.

Mittags wird es sehr heiß; dann sieht man auch nur wenige Menschen auf den Straßen, über denen die Luft flimmert. Vor den Hauseingängen hocken Eingeborene, essen Obst, schlafen oder träumen vor sich hin. Nach Möglichkeit vermeidet man es, in den Mittagsstunden auszugehen, wenn auch prächtige Pappelalleen etwas Schutz spenden. Überall ist es sehr staubig. Die Blätter der Bäume sind grau, und abends liegt eine dicke Staubwolke über der Stadt, so daß man glaubt, alles durch einen Schleier zu sehen. Manchmal machte ich mit Wagner abends noch einen Spaziergang. Wir hatten in jenen Tagen gerade Vollmondschein, und die Straßen waren in silberhelles Licht getaucht. In den Häusern brannten noch spätnachts die Lampen, und oft hörte man die Klänge eines Klaviers oder einer Gitarre die Nacht durchdringen. Auf einem großen Basarplatz spielten die Mondstrahlen Verstecken und warfen von einer Kirche tiefe Schatten.

Nachdem es uns in Taschkent endlich geglückt war, Fahr- und Platzkarten für den Zug nach Samarkand zu erhalten, sowie das umfangreiche Gepäck zu befördern, konnten wir die neue Fahrt beginnen. Früh um drei Uhr, in einer hellen Vollmondnacht, trafen wir in Samarkand ein und ließen uns in die Stadt fahren, die ziemlich weit vom Bahnhof entfernt liegt.

Es war noch still und sehr frisch. Wir begegneten einer großen Kamelkarawane, die langsam im Morgengrauen dahinzog, und trafen einige Sarten, die auf kleinen Eseln vorbeiritten. Die von hohen Pappeln eingefaßten Straßen waren auch hier sehr staubig; unser Kutscher fuhr wie toll, und wir fürchteten jeden Augenblick, daß er mit uns in einem Straßengraben landete.