4. Die Burg in Herat

Im »Hotel« war natürlich alles besetzt, denn es hatte nur zehn Zimmer, aber wir konnten uns wenigstens etwas frisch machen, da im Hofe Waschtische aufgestellt waren. Dann ließen wir uns einen Samowar bringen, kochten Tee und frühstückten im Hof. Darauf machten wir einen Spaziergang in die Stadt. Der Hotelbesitzer, der auch etwas Deutsch verstand, führte uns zu einem österreichischen Sanitäter, der als Kriegsgefangener hier interniert worden war und seinen Wohnsitz jetzt hier aufgeschlagen hatte. Je mehr wir uns der Eingeborenenstadt näherten, um so bunter wurde das Bild.

5. Marktplatz, Herat

Orient, wohin das Auge blickt! und so bunt und schillernd, daß man kaum weiß, wohin man den Blick zuerst lenken soll! Hellblauer, reiner Himmel strahlt über der Stadt Timurs, und das Sonnenlicht ist so hell, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die Straßen sind sehr staubig; bei jedem Schritt wird eine dicke Staubwolke aufgewirbelt. Es war großer Markttag und das Gedränge in den engen Gassen war groß. Europäer trifft man selten; überall beherrschen die Sarten in ihren bunten Gewändern das Feld. Mitten durch die farbige Menge ziehen Kamele bedächtigen Schrittes, trippeln kleine Esel, bahnen sich Reiter den Weg oder werden große, zweiräderige Lastkarren von Ochsen gezogen. Überall wird gehandelt und gefeilscht; dieser bietet Teppiche, jener Käppis, dieser Obst, jener seidene Stoffe und Edelsteine an. Vor einigen Verkaufsläden sind Tische gedeckt, und man fordert uns zum Kebabessen auf (am Spieß gebratenes Hammelfleisch). Junge Burschen tragen große Tabletts auf dem Kopfe und gehen durch die Menge, um frischgebackenes Brot, Kuchen oder Trauben anzubieten; andere sitzen am Boden und verkaufen aus großen Tonkrügen frisches Wasser. Wir gehen an den Ständen der Schmiede, Fleischer und Schneider vorbei und sehen schon von weitem die weltberühmten Bauten Samarkands: das Grabmal Timurlenks und die von seinem Enkel Ullugh Begh erbauten Medressen, die den Registan einfassen. Schöner blauer Kachelschmuck erfreut hier das Auge. In der Tila Kari werden wir vom Oberpriester, einem alten Weißbart in wallendem Gewande und großem Turban, freundlich begrüßt, und es wird uns gestattet, auf das Dach der alten Hochschule zu steigen, von dem aus wir einen umfassenden Ausblick auf die Stadt haben. Ein alter Mohammedaner, mit großem, weißem Turban, führt uns die baufälligen Stufen hinan. Auf dem Dache dürfen wir nur an einzelnen Stellen uns bewegen, da die Gefahr des Einsturzes droht. Wie durch einen feinen Schleier sehen wir das umliegende Land, da die Luft so stauberfüllt ist. Unter uns ziehen sich die bunten Basarstraßen hin, in denen es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Der Führer erklärt uns die verschiedenen Kuppelgräber, die man sieht. Die Hitze auf dem flachen Dache wird schon nach einigen Minuten unerträglich, und wir steigen gerne wieder in den Hof hinab. Immer wieder muß man die farbenprächtigen Kacheln bewundern, die mit ihrem Tief- und Hellblau sich so gut aus dem Gelbbraun der Lehmmauern herausheben. Das eine Minarett steht ganz schief und wird nur durch dicke Drahtseile gehalten.

6. Teil des Gouvernementgebäudes, Herat

Und dann gehen wir zu dem Grabmal Timurs. In einem Hain von hohen Pappeln erhebt sich stolz die blaue Kuppel. Ein Molla führt uns durch den dunklen Eingang in das Innere, wo der Sarkophag steht, der aus einem einzigen Nephritkristall gearbeitet ist. Das Licht ist gedämpft; nur durch eine Öffnung in der Wand dringt ein Bündel Sonnenstrahlen in den Raum und zaubert helle Flecke auf den Boden und das Marmorgitter, das den Sarkophag umgibt. Auf diesem liest man in persischen Lettern den berühmten Spruch: »Wenn ich noch lebte, sollte die Welt vor mir erzittern.« Beim Scheine einer Kerze führt uns der Molla in ein unterirdisches Gewölbe, wo verschiedene Grabsteine liegen und wo unter anderem sich auch die eigentliche Grabstätte Timurs befindet. Timurlenk oder Tamerlan war sicher einer der größten Herrscher, die je gelebt haben, und er sowie Dschinghis-Khan haben mehr als einmal ganz Asien in Schrecken versetzt. Noch heute begegnet man ihren Spuren auf Schritt und Tritt in den vielen Ruinen, die man in Persien, Afghanistan und Turkestan antrifft. Trotzdem diese Herrscher unerhörte Grausamkeiten begangen haben, muß man doch auch wieder ihren Sinn für Kunst und Wissenschaft bewundern, ließ doch z. B. Timur von weither (Damaskus) Baumeister kommen, die die Prachtbauten aufführten.

Einmal waren wir bei einem Deutschen zu Gast. Wir saßen in einem großen schattigen Garten, der von einer hohen Lehmmauer umgeben war. Des Mondes silberne Strahlen spielten auf den Wegen, fielen durch das Blattwerk und warfen helle, runde Flecke in die dunklen Schatten. Es war einer jener Sommerabende, die man nie vergißt und die sich für immer fest in unsere Seele einprägen. Zum ersten Male aßen wir hier den »Pilau« aus gewürztem Reis, Hammelfleisch mit Tomaten, Gurken und Rosinen und ließen uns den Turkestaner Wein gut schmecken. Erst gegen Mitternacht brachen wir auf, und lange noch lagen wir wach und hörten das Heulen und Weinen der wilden Hunde und Schakale.

Am anderen Tage ging es weiter nach Merw. Wir waren schon früh am Bahnhof, da wir noch Karten lösen mußten und dies in Rußland immer ziemlich umständlich ist. Wir tranken noch einen Kaffee und suchten dann im Gedränge unser Abteil, da wir Platzkarten hatten. Kaum saßen wir im Zuge, da merkte ich, daß mir meine Brieftasche fehlte. Ich hatte sie in dem Wartesaal noch gehabt, hatte selbst die Fahrkarten gelöst und den Kaffee bezahlt. Entweder war sie mir gestohlen worden, was wohl das wahrscheinlichste war, oder sie war beim Einsteigen in den Wagen aus der Tasche gefallen. Daß in der Tasche zirka fünfzig Mark waren, war weniger schmerzlich, aber sie enthielt auch meinen Paß und andere wichtige Ausweispapiere. Bis zur Abfahrt des Zuges waren noch ein paar Minuten Zeit übrig. Ich eilte in die Bahnhofshalle zum Vorsteher, setzte ihm so kurz wie möglich den Sachverhalt auseinander, worauf er mich an die Bahnhofskommandantur der Tscheka verwies, wo mir eine Bescheinigung ausgestellt wurde. Es ging alles in furchtbarer Hast, denn in jeder Sekunde mußte der Zug abfahren, da schon zweimal das Abfahrtssignal gegeben war. Als ich wieder im Zuge war, fiel mir auch ein, daß unser Gepäckschein ebenfalls in der Tasche war, aber dies war nicht das Schlimmste. Langsam ahnte ich, welche Kette von Unannehmlichkeiten und Sorgen folgen würden.