Der Zug war ganz besetzt. Einige Leute lagen auf dem Boden, man konnte sich kaum rühren. Die Luft war stickig und stauberfüllt, und man konnte beobachten, wie die Staubschicht auf den Bänken von Stunde zu Stunde dicker wurde, als der Zug sich pustend und keuchend durch die Sandwüste der Kara-kum schleppte. Wie ein erstarrtes Meer reiht sich Sanddüne an Sanddüne, so weit das Auge sehen kann, und nur an den kleinen Stationen sieht man Leben: ein oder zwei kleine rote Häuschen, ein paar Kinder, die inmitten einiger Schafe und Ziegen herumtollen.
In aller Frühe trafen wir in Merw ein und ließen uns nach dem »Hotel« Franzia bringen. Wir mußten lange klopfen, ehe ein Junge uns öffnete. Das Haus machte einen primitiven Eindruck: kein Fenster war heil, die Stühle zerschlagen und die Zimmer sahen wie Gefängniszellen aus. Im Hof lagen zwei Lausejungen in ihren Betten, und das Zimmermädel hatte das ihre am Rande eines kleinen Tümpels aufgeschlagen, der schmutzig graugrünes Wasser enthielt. Der Herr »Portier«, dessen verlauster Kopf ebenfalls aus einer schmierigen Decke herausguckte, fluchte, daß wir ihn in seiner Ruhe gestört hatten. Das schien ja ein fideles Gefängnis zu sein! Und wir mußten ein paar Tage in dieser trostlosen Stadt zubringen, ehe wir nach Kuschk weiterfahren konnten. Merw ist wegen seines heißen, ungesunden Klimas berüchtigt, und wir waren daher recht froh, als wir mit dem kleinen Zuge, in dem nur ein Personenwagen war, nach Kuschk weiterfahren konnten. In Merw trafen wir auch noch zwei afghanische Kuriere, die ebenfalls nach Afghanistan wollten; durch ihre Freundlichkeit hatten wir viele Erleichterungen und erhielten ein geschlossenes Abteil.
Als es dämmerte, fuhren wir schon in ein hügeliges Steppengebiet ein, und als ich nachts einmal aufwachte, sah ich, wie sich schwarze Bergsilhouetten vom sternenübersäten Himmel abhoben. Dann schlief ich wieder ein. Plötzlich hielt der Zug. Die Afghanen weckten uns und sagten, wir müßten aussteigen! Von einer Station aber sahen wir nichts, keine Lichter, keine Menschen, vollkommene Finsternis! Im Abteil brannte kein Licht, und wir mußten beim Schein einer Wachskerze unsere Sachen zusammenpacken. Der Schaffner kam und schimpfte, daß wir noch nicht draußen waren. Wir begriffen gar nicht, was eigentlich los war, denn der Zug konnte noch nicht in Kuschk sein, da wir die einzigsten Fahrgäste waren, die ausstiegen. Aber wir hatten gar keine Zeit zu fragen; unser Gepäck flog einfach aus dem Fenster auf den Bahndamm, und kaum waren wir aus dem Zuge, da fuhr er auch bereits weiter in die Nacht hinaus. Es war sehr kalt und wir waren noch halb verschlafen und vollkommen im ungewissen, als wir unser herumliegendes Gepäck, den Afghanen folgend, in ein kleines, weißes Haus brachten, das in einem von hohen Pappeln eingefaßten Garten stand. Wir wurden in ein Zimmer geführt, in das eine brennende Wachskerze ihren fahlen, flackernden Lichtschein warf, und in dem wir ein paar Stühle und eine Bank erkennen konnten. Ein russischer Beamter – der Grenzkommissar Ostanin – begrüßte uns kurz. Dann legten wir uns auf den Fußboden und schliefen bald ein.
II
AN DER RUSSISCH-AFGHANISCHEN GRENZE FESTGEHALTEN
Als ich am 2. September beim Morgengrauen zum ersten Male die kleinen Bauernhäuser von Kuschk sah, da ahnte ich nicht, daß ich in diesem weltverlassenen Winkel des Russischen Reiches volle sieben Wochen verbringen sollte. Wir waren gerade bei unserer Morgentoilette, als der Grenzkommissar Ostanin, in dessen Hause wir untergebracht waren, unsere Pässe verlangte, damit sie dem Festungskommandanten vorgelegt würden. Ich erklärte ihm mein Mißgeschick und übergab ihm das in Merw von der politischen Polizei ausgefertigte Schriftstück. Er prüfte es sorgfältig, legte es in die Pässe meiner Freunde und schickte dann seinen Sekretär mit den Papieren fort. Wir setzten uns darauf in den von hohen, schlanken Pappeln eingefaßten Hof und nahmen hier zusammen mit der Familie des Kommissars das Frühstück ein.
Gegen Mittag kam ein Soldat angeritten, brachte die Pässe zurück und den Bescheid, daß ich nicht die Grenze passieren dürfte, ehe nicht von Taschkent die Erlaubnis zur Weiterreise gegeben wäre. Sofort setzten wir ein Telegramm an die Bezirksstelle für auswärtige Angelegenheiten auf, das der Soldat mitnahm. Als am anderen Mittag noch keine Antwort eingetroffen war, entschied sich Wagner, aufzubrechen. Er wollte in dem ersten afghanischen Orte alles zur Weiterreise vorbereiten, während Blaich mir noch Gesellschaft leisten sollte. Auf einem Leiterwagen wurde unser großes Gepäck verstaut, auf diesem thronten die afghanischen Kuriere und Wagner, und in Begleitung von zwei berittenen Soldaten rollte der Wagen die staubige Straße entlang, die von Aleksejevka aus an den Grenzfluß führt.
Nachmittags unternahm ich mit Blaich, den beiden Kindern des Kommissars und seiner Schwägerin eine kleine Wanderung in die umliegenden Berge, die trostlos öde ausschauen. Rücken legt sich an Rücken – ein Meer flachgerundeter großer Hügel dehnt sich hier an der russisch-afghanischen Grenze aus. Der Fels ist stark verwittert. Schutt, Sand und Löß, wohin das Auge blickt. Die kärglichen Pflanzen verdorrt, gelb, trocken wie Zunder! Nur der Kameldorn hat seine olivgrüne Farbe behalten. Auf dem platten, trockenen Gras gleitet man leicht aus; aber was tut’s, Steilabstürze gibt es hier nicht! Und immer wieder türmt sich ein Berg hinter dem anderen auf. Den Kindern machte es viel Freude, mit uns herumzutoben, und auch das kleine braune Lamm, das dem Mädelchen gehörte und das von selbst mitgelaufen war, schien an unseren Spielen Gefallen zu finden, denn es hüpfte und sprang vor Freude.
Endlich hatten wir den einen hohen Bergrücken erklommen, auf dem einige vereinzelte Pistazienbäume standen. Diese tragen haselnußähnliche Früchte, die gut schmecken. Es war sehr spät geworden; goldgelb versank die Sonne hinter den Bergen, und blaue Schatten legten sich auf das Tal. Wir gingen nach Norden, um wieder ins Dorf abzusteigen; aber ein Bergrücken folgte dem anderen. Olga fing an zu weinen und jammerte, sie könnte nicht mehr weiter; Aleksej brüllte und wollte durchaus auf den Arm genommen werden, und das Lämmchen blieb dauernd stehen und blökte. Es war zum Verzweifeln! Endlich hatten wir den letzten Hügelrücken erreicht und sahen das Dorf inmitten der Pappeln unter uns liegen. Da wachten die Lebensgeister wieder auf, und unter Lachen und Gesang fanden wir uns wieder im Garten ein. Als auch am folgenden und übernächsten Tage keine Antwort auf unser Telegramm eintraf, trotzdem wir noch ein zweites mit bezahlter Rückantwort abgesandt hatten, und wir auch beim Festungskommandanten nichts erreichen konnten, da machte sich auch Blaich auf den Weg nach Afghanistan.
Nun war ich allein in Kuschk und wartete und wartete – – Tage – – Wochen – –. Jeden Morgen wachte ich mit der Hoffnung auf, daß der Tag die ersehnte Antwort aus Taschkent bringen würde, aber vergebens. Tagsüber war ich immer im Freien, denn im Zimmer war es nicht auszuhalten. Der Raum, in dem ich untergebracht war, enthielt nur eine gepolsterte Bank, zwei Stühle und einen Flügel, der aber, da die Beine abgeschlagen waren, auf Holzgestellen ruhte und vollständig verstimmt war! Spielen konnte man nicht darauf. Frühmorgens mußten wir schon Bretter vor die Fenster stellen, um die glühende Hitze abzuhalten und auch um die Fliegen zu vertreiben, die in den so verdunkelten Raum nicht gerne hineinflogen. Trotzdem war es unmöglich zu schlafen, ohne sich ganz unter das dünne Bettuch zu verkriechen, das ich zum Glück mitgenommen hatte; aber bei der Hitze war dies natürlich wenig angenehm. Hätte ich nur mein großes Gepäck gehabt, dann hätte ich es mir schon gut einrichten können; aber so besaß ich nur das, was ich auf dem Leibe hatte, und einen kleinen Pappkarton, in dem ich noch ein Paar Strümpfe, Unterzeug und sechs Taschentücher hatte. Das schlimmste war, daß ich auch keine Lektüre hatte; wohl erhielt ich öfters vom Grenzkommissar die russischen Zeitungen, aber diese waren auch schnell durchflogen. So benutzte ich die Zeit denn, um große Spaziergänge in die Umgegend zu machen.
Morgens um halb neun wurde im Hof gefrühstückt. Frau Ostanin bereitete selbst das Essen zu, und wir hatten immer ausgezeichnete Spiegel- oder Rühreier oder auch wohl Fleischpasteten. Nach dem Essen machte ich mich fertig und wanderte dann in die Berge; durchschritt zuerst das flache, breite Talbecken und erklomm den Bergrücken, der sich genau im Südosten erhebt. Von hier aus hatte man einen weiten Überblick über das Land. Ich sah den Gipfel, auf dem ich mit Blaich und den Kindern gewesen war und wo wir die Pistazien gepflückt hatten, aber ein noch viel höherer Gipfel türmte sich im Süden auf. Von dort müßte man noch etwas mehr von den afghanischen Grenzbergen sehen können!