Eines Tages machte ich mich schon frühzeitig auf und folgte der großen Straße nach Tschihil Duchteran. Ich schritt tüchtig aus und war ungefähr nach einer Stunde am Fuße dieser Bergrücken. Die Sonne brannte; ich erklomm erst einen kleineren Hügel und legte mich in den Schatten einiger Pistazien. Kein lebendes Wesen war ringsumher zu erblicken. Es war alles so hell um mich, daß ich kaum die Augen offen halten konnte. Hin und wieder wurde die Stille durch den Ruf eines Raubvogels unterbrochen, der langsam um die morschen Gipfel seine Kreise zog. Hinter mir erhob sich gerade der markante Bergrücken, den ich mir zum Ziele genommen hatte. Auf der Nordseite war der Berg stark zerklüftet, was mich einigermaßen erstaunte, da sonst hier ein Rücken wie der andere flachgerundet aussah. Als ich endlich den Gipfel erreicht hatte, konnte ich feststellen, daß es ein alter Vulkan war. Überall lagen Tuffe, Bomben, Trachyte umher, und ich sammelte mir eine ganze Serie Handstücke für meine geologische Sammlung. Der Ausblick war herrlich! In allen Farben schillerten die Berge, die sich bis an die afghanischen Hochgebirge hinzogen. Wie bedauerte ich, meinen Zeichenkasten und meinen photographischen Apparat nicht bei mir zu haben. Gen Norden konnte ich bis in die transkaspische Ebene sehen, und gen Süden bildeten die hohen Bergketten des Parapomisos, die in hellila Tönen schimmerten, den Hintergrund.
Lange blieb ich hier oben; aber gegen 12 Uhr wurde die Hitze unerträglich; die Luft flimmerte über den Bergen. Auf einem großen Felsblock sonnte sich eine kleine schwarzweiß geringelte Schlange. Sie rührte sich kaum, als ich herantrat. Ich beobachtete diese Schlangen häufig in diesen Bergen und fand, daß, wenn man sie angreift, sie sich stets äußerst heftig verteidigen. Sonst war wenig Tierleben zu beobachten. Überall hatte die Sonne das Land versengt, das Leben vernichtet. Die Bachbetten waren ausgetrocknet, die sie einfassenden Büsche verdorrt. In den tiefsten Senken fand ich nur manchmal eine tiefrot blühende, große Malve. Immer war es eine große Freude, wenn man aus den Wüsteneien der Felsberge in das Tal des Kuschkflusses abstieg und das wie eine Oase schimmernde Aleksejevka betrat!
Eines Tages wandte ich mich in die nordöstlichen Berge. Das Tal ist hier sehr breit, und der Fluß wird vom Wald eingefaßt. Ich erklomm wieder einen der das Tal einsäumenden Hügel und fand auch hier dasselbe trostlos öde Bild. Dann folgte ich einem kleinen, ausgetrockneten Bachbette, in dem ich einige hübsche Versteinerungen auflesen konnte. Nachdem ich zwei Stunden in diesen öden Bergen umhergewandert war, entdeckte ich auf einem Hange eine große Melonenplantage. Als Wächter war hier ein alter Afghane angestellt; er hatte sicher schon manchen Sturm erlebt, denn das eine Auge war ihm ausgeschlagen und ein Knie war steif, so daß er humpelte. Mißtrauisch blickte er mich an; als ich ihm aber erzählte, daß ich kein Russe sei und daß ich nach Afghanistan reisen wollte, war er die Liebenswürdigkeit selbst und schenkte mir ein paar große saftige Wassermelonen, die meinen Durst stillten. Ich habe wohl nie wieder während meines Aufenthaltes in Turkestan und Afghanistan solche süßen Wassermelonen gegessen, und ich erkläre mir dies aus der Lage der Plantage, die auf dem Berghange den ganzen Tag der vollen Sonne ausgesetzt ist.
Oft waren die Berghänge schwarz gesprenkelt von Schafherden. Es waren meist afghanische Hirten, die mit ihren Herden auch auf das russische Gebiet zogen. Von ferne gesehen, sahen diese Herden wie ein großer schwarzer Fleck aus, der langsam über die Hänge zog; erst wenn man das Fernglas zu Hilfe nahm, löste sich der Fleck in einzelne schwarze Punkte auf.
Oft kamen große Karawanen aus Herat. Sie trafen meist abends bzw. nachts ein. Schon lange, bevor wir sie sahen, hörten wir das Geläute der großen Karawanenglocken von den Bergen widerhallen. Gegenüber von unserem Hause war das russische Zollamt, und alle Waren, die von Afghanistan kamen, wurden erst dort eingelagert.
Es dauerte manchmal Stunden, bis allen Kamelen ihre Lasten abgenommen waren. Dann war der Zollhof mit Warenballen übersät, und für die Kinder gab es nichts Schöneres, als hier herumzutollen und von Ballen zu Ballen zu springen. Tagsüber wurden die Kamele auf die Weide geschickt, und oft konnten wir sie auf fernen Bergen herumwandern sehen. Abends wurden sie zurückgetrieben, und in Reih’ und Glied lagen sie dann alle auf dem großen Platze, der sich vor dem Zollhause ausdehnte. Es waren stattliche Karawanen – manchmal 250–300 Kamele stark –, die Wolle und Häute aus Afghanistan brachten. Auch diese Karawanen wurden von russischen Soldaten begleitet, denn das russisch-afghanische Grenzgebiet ist vor Räubern nicht sicher.
Die Karawanenführer – meist alte, würdige Weißbärte – mußten in meinem Zimmer übernachten, denn in dem kleinen Hause waren nur drei Zimmer: in dem einen hausten Ostanins, im anderen wohnte der Besitzer Simon, ein vierschrötiger Bauer, mit seiner kranken Frau und fünf Kindern, und das dritte war das Gästezimmer. Waren die Afghanen mit im Zimmer, so war an Schlaf nicht zu denken. Schon morgens um drei Uhr fingen sie an zu reden und die Wasserpfeife zu rauchen. Und schliefen sie, so schnarchten sie meistens so laut, daß man kaum ein Auge zumachen konnte. Einmal hatte ich sogar das zweifelhafte Vergnügen, mit einem Karawanenführer zusammen zu schlafen, der so laut schnarchte, daß Ostanins, deren Zimmer von dem meinigen durch den Korridor und durch Doppeltüren getrennt war, die Nacht nicht schlafen konnten.
Morgens nahmen die Karawanenführer auch das Frühstück mit uns ein. Eines Morgens, als wir am Kaffeetisch saßen, hörte ich hinter mir ein seltsames Quieken. Ich fragte Ostanin, was es wäre, und er sagte mir mit einem Augenblinzeln nach den Afghanen: »Swinja« (Ferkel)! Nun gibt es für einen Mohammedaner nichts Ekelerregenderes als ein Schwein; und Schweinefleisch essen ist für ihn das Furchtbarste, was er sich denken kann. Dies Schweinchen war in einem Sacke verpackt und lag im Hofe an der Hausmauer. Die Afghanen hörten wohl das Quieken, blickten verstohlen nach dem Sack, in dem es sich dann und wann regte, und waren unschlüssig, was sie tun sollten. Da trat mit schwerem Schritt Simon aus der Haustür, nahm den Sack, zog das kleine Ferkel heraus und schlachtete es im Hof vor unseren Augen. Die Afghanen standen ohne ein Wort zu sagen auf, und gingen. Simon hatte anscheinend von Schweineschlachten keine große Ahnung; es war grauenhaft anzusehen, wie das Ferkel, acht Minuten, nachdem er ihm die Kehle durchschnitten hatte, noch lebte, bis er es in einen Tubben mit kochendem Wasser geworfen hatte. Mittags gab es also gebratenes Spanferkel, und wir ließen es uns recht gut schmecken, zumal Frau Ostanin den Braten äußerst schmackhaft zubereitet hatte. Aber wie jeden Mittag konnten wir uns kaum vor den Wespen, Hornissen und Fliegen retten. Während man mit der einen Hand aß, mußte man mit der anderen Hand die Insekten vertreiben. Ich versuchte öfters zu schätzen, wie viele dieser Quälgeister uns immer beim Mittagessen störten. Es waren ca. 8 bis 10 große Hornissen, die ihr Nest unter dem Dach hatten, 10 bis 20 Wespen und ca. 50 bis 60 Fliegen. Gerade als wir unserem Schweinebraten gut zusprachen, kam einer der Karawanenführer über den Hof an unserem Tisch vorbei. Nie werde ich den verächtlichen Blick vergessen, den er uns zuwarf, als er das geröstete Spanferkel auf dem Tische erblickte. Den Mohammedanern ist der Ekel vor dem Schwein so in Fleisch und Blut übergegangen wie uns der Ekel vor einer Ratte oder einer Schlange. Man kann einem Afghanen keine größere Beleidigung sagen, als wenn man ihn »Chuk« schimpft. Seitdem die Afghanen uns hatten Schweinefleisch essen sehen, zogen sie sich auch mehr und mehr von uns zurück, tranken nicht mehr mit uns Tee und ließen nicht mehr die Wasserpfeife zirkulieren.
Wir hatten oft unseren Spaß an den Wespen und Hornissen. Wenn wir uns ruhig verhielten, taten sie uns nichts, und dann konnten wir ungestört ihr Leben studieren. Oft konnten wir beobachten, wie eine Wespe sich auf eine Fliege stürzte, die gerade auf dem Tische naschte. Sie packte die Fliege – stach sie aber nicht – und flog mit ihr zum Nest. Manche Wespen hatten geradezu eine Virtuosität, die Fliegen im Fluge zu fangen. Die Hornissen aber gaben sich weder mit den Wespen noch mit den Fliegen ab; hatten wir aber eine Hornisse totgeschlagen, so stürzten sich die anderen auf diese und rissen sie auseinander. Trotzdem wir Tag für Tag, morgens und mittags, diesen Kampf mit den Wespen und Hornissen auszufechten hatten, um überhaupt essen zu können, wurde keiner von uns in der Zeit gestochen. Nur eines Tages – wir saßen schon alle am Mittagstisch – kam der kleine Aleksej heulend angelaufen. Er sah einfach »verboten« aus! So verbeult und verbogen habe ich noch nie ein Gesicht gesehen! Er hatte mindestens fünf bis sechs Wespenstiche im Gesicht; seine Augenlider waren derart geschwollen, daß man vom Auge kaum etwas sah. Er sah so kurios aus, daß wir alle das Lachen nicht verbeißen konnten, und der alte Ostanin wollte sich vor Lachen schütteln und neckte den Jungen immer mit: »Kitajez – Kitajez« (kleiner Chinese)! Desto mehr aber brüllte Aleksej, der, nachdem er noch eine Tracht Prügel erhalten hatte, mit kalten Umschlägen ins Bett befördert wurde. Jedesmal, wenn Aleksej Schläge bekam, wurde auch Olga vorgenommen, die dann für irgendwelche Streiche, die sie Tage vorher begangen hatte, noch einmal eine Lektion erhielt. – Trotzdem konnte es Aleksej nicht lassen, nach ein paar Tagen dasselbe Wespennest noch einmal aufzusuchen und sich noch einmal so übel zurichten zu lassen.
Mit der Verpflegung wurde es schlechter. Wir mußten hamstern gehen, um die nötigsten Lebensmittel zu erstehen. Froh waren wir, wenn wir Butter und Eier erhielten. Gegen Sowjetrubel aber verkauften die Bauern nichts, und wenn wir noch so bettelten; nur gegen Zaren-Goldrubel oder afghanisches Silbergeld konnten wir die notwendigsten Lebensmittel erstehen.