Von Taschkent kam keine Antwort. Nachdem noch einmal auf dienstlichem Wege ein Telegramm mit Rückantwort abgesandt worden war, und auch auf dieses keine Antwort kam, sandte ich ein Radiotelegramm an die deutsche Botschaft in Moskau. Und wartete – – – und wartete – – –.
7. Minarett der Musallah, Herat
Inzwischen war ein neuer Grenzkommissar gekommen; denn Ostanin wurde nach Poltarazk (ehemalig Astrabad) versetzt. Der Platz in dem kleinen Hause wurde zu eng, und so wurde ich ausquartiert und bezog Wohnung beim Sekretär im Dorf. Er hatte sich bei einem Bauern ein großes Zimmer gemietet und ganz hübsch eingerichtet. Ich fühlte mich hier doch wohler, zumal ich in einem richtigen Bett schlafen konnte, wenn auch nur in eine dünne Wolldecke gewickelt. Der Sekretär, ein junger, blonder, großer Mensch, war mir sehr sympathisch. Er hatte viel gelesen, hatte orientalische Sprachen studiert und gab mir aus seiner kleinen Bibliothek zu lesen. Er war viel zu Hause und arbeitete für sich. Abends saßen wir zusammen bei einer kleinen Petroleumlampe an dem schweren Holztisch und verschlangen russische Romane, die uns die Dorfschullehrerin lieh. Ich hatte mein Russisch während der Wochen, die ich in Rußland weilte, schnell vervollkommnet, und es machte mir viel Freude, ohne Schwierigkeit A. K. Tolstois Roman: Fürst Serebrjanyj lesen zu können. Abends gingen wir meist spät zu Bett. Oft kam der Sekretär auch mit zu Ostanins, und dann saßen wir bis spät in die Nacht hinein im Garten. Die kleine Petroleumlampe, deren Zylinder nur noch halb war, verbreitete ein trübes Licht; aber ein helles Licht hätte gar nicht hierhergepaßt. Es war alles so gedämpft und still; wie schwarze Silhouetten standen die Berge schweigend ringsum; unbeweglich reckten die Pappeln ihre schlanken Stämme zum sternenübersäten Himmel empor. Hin und wieder ertönte vom Dorf her der so melancholisch und traurige Gesang eines russischen Mädchens. Noch oft glaube ich diese Klänge zu hören, möchte sie festhalten, sie zu Papier bringen, um sie jederzeit wieder hören zu können. Oft hörten wir die Schakale gellend weinend bellen. Dann war wieder Ruhe, überall tiefes Schweigen. Wie oft habe ich dieses Schweigen später auf meinen Wanderungen empfunden: bei den Nachtmärschen durch Afghanistans Berge oder in den schwülen Nächten in Indien. Es ist etwas Feierliches, Erhabenes. Es ist die unendliche Ruhe, die noch über dem großen Asien liegt. Dann leuchten die Sterne in so magischem Glanz, und die Landschaft liegt so still und unberührt da, daß man sich ganz verlassen und einsam vorkommt, und im Geiste wandern dann die Gedanken nach Europa, wo das Leben hastet und den Menschen keine Ruhe mehr läßt.
8. Zitadelle von Herat
Als nach vier Wochen immer noch keine Antwort eingetroffen war, entschied ich mich, nach Taschkent zu fahren, um meine Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Es traf sich gut, daß auch gerade zwei afghanische Kuriere mitreisten.
9. Schwarzer Marmorsarkophag des Sultans Hussein Mirza (1470–1505)
Ich packte meinen kleinen Pappkarton und stieg in die Bahn. Die afghanischen Kuriere waren während der Fahrt sehr besorgt um mich, und ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Nachts zwei Uhr kamen wir in Merw an, und erst um sieben Uhr fuhr der Zug nach Taschkent weiter. Wir blieben auf dem Bahnsteig, da die Kuriere das schwere Gepäck nicht in das Hotel Franzia schleppen wollten, und der Bahnhofswartesaal geschlossen war. Es war eine bitterkalte Nacht, und ich fror entsetzlich, hatte ich doch nur einen leichten Anzug und meinen dünnen Mantel an. Einer der Afghanen lieh mir eine Decke, und als Kopfkissen benutzte ich meinen Pappkarton. Trotzdem gelang es mir einzuschlafen. Aber als es fünf Uhr war, war ich so durchfroren und so steif, daß ich mich kaum rühren konnte. Ich stand auf und ging eine halbe Stunde auf dem Bahnsteig hin und her, um warm zu werden. Wie froh war ich, als endlich die Sonne aufging.