Als ich in Samarkand eintraf und dort auf dem Bahnsteig auf und abging, kamen zwei Offiziere der Tscheka auf mich zu und fragten, ob ich Trinkler sei, was ich bestätigte. Es stellte sich nun heraus, daß inzwischen in Kuschk aus Moskau die Antwort eingetroffen war, daß ich meine Reise nach Afghanistan fortsetzen konnte. Ich hatte nun die Wahl, in Samarkand zu bleiben oder nach Taschkent zu fahren, bis der Zug nach Merw kam, der nur alle drei Tage verkehrte. Ich entschied mich für Taschkent, da ich noch einige wichtige Besorgungen dort erledigen wollte. In Taschkent war nirgends Platz; Hotel Regina voll besetzt! So nahm ich Quartier in der afghanischen Gesandtschaft, wo ich auch gut aufgenommen wurde. Wie wenig ahnte ich, daß ich vierzehn Tage später den Konsul noch einmal wiedersehen sollte; wieviel Sorge und Unbequemlichkeiten wären mir erspart geblieben, hätte ich mir auch gleich von ihm einen neuen Paß ausstellen lassen!

Zurück nach Kuschk, drei Tage und drei Nächte Bahnfahrt! Endlich hatte die Befreiungsstunde geschlagen! Zum letztenmal – so glaubte ich – nahm ich das Mittagsmahl in Kuschk ein. Dann sattelte Simon zwei Pferde, und gegen fünf Uhr verließen wir Aleksejevka. Es war ein herrlicher Tag, und da die Sonne bald hinter den Bergen verschwand, war das Reiten sehr angenehm. Noch einmal grüßte ich die Berge, auf denen ich so manchen Tag geweilt hatte und wo mir fast jeder Baum und Strauch, jeder Felsblock vertraut war; dann bogen wir in ein Seitental und ritten gen Süden. Langsam legten sich die Schatten auf die Berge. Sie hüllten zuerst die Täler in blaue Farben und kletterten dann die Hänge hinauf. Bald sahen wir die ersten Sterne flackern. Der Weg ist sandig, und tief sanken die Pferde in den Staub ein. Oft hatten wir kleine schluchtähnliche Risse zu kreuzen. Es war schon stockdunkel, als wir den russischen Grenzposten erreichten. So späten Besuch hatten die Herren kaum erwartet. Lange mußten wir rufen, ehe der Stacheldrahtzaun geöffnet und unsere Papiere geprüft wurden. Ein russischer Soldat begleitete uns bis an den ersten afghanischen Posten am jenseitigen Ufer.

Wir reiten an den Fluß hinunter, durchqueren ihn in einer Furt und suchen unseren Weg durch verschiedene Sümpfe. Es ist recht dunkel, und man kann kaum sehen, wohin das Pferd tritt. Vorsichtig, Schritt für Schritt, arbeiten wir uns durch das morastige Gelände. Endlich erreichen wir das aus ein paar elenden Lehmhütten erbaute afghanische Tschihil Duchteran (vierzig Töchter). Wir müssen lange klopfen und rufen, ehe sich jemand blicken läßt; wir sind hungrig und durstig und sehnen uns nach einem Nachtlager. Die Hunde schlagen an und machen Lärm, und endlich zeigen sich ein paar wilde, verschlafene Gestalten; aber nur, um uns mitzuteilen, daß wir hier nicht bleiben können, sondern nach Kara-Tepe (der schwarze Berg) weiterreiten müssen. Also wieder auf die Pferde und weiter! Ein afghanischer Soldat begleitet und bewacht uns.

Die Wolken haben sich verteilt, und obgleich der Mond nicht scheint, ist es doch ziemlich hell, denn wie tausend Lichter flackern die Sterne am Firmament. Zur Linken haben wir kleine flachgewölbte, schwarze Bergrücken, zur Rechten das Flußbett. Schweigend reiten wir durch die kühle Nacht. Ich bin sehr müde und nicke dann und wann ein. Es kommt mir alles wie ein Traum vor. Ich sehe vor mir im Halbdunkel eine ganze Karawane von Pferden auf einer endlosen Chaussee. Aber es ist eine optische Täuschung. Vor uns taucht ein viereckiger Turm auf, ein afghanischer Wachtposten. Wir werden angerufen; man fragt, woher und wohin, dann ziehen wir weiter in das Dunkel der Nacht. Wieder reiten wir ungefähr eine Stunde. Ein dunkler Berg zeichnet sich wie eine Silhouette vor uns ab; endlich sehen wir die afghanische Festung vor uns auftauchen. Es ist halb zwei Uhr geworden. Wütend kläffen die Hunde, als wir an das Festungstor klopfen und Einlaß begehren. Auch hier müssen wir endlos lange warten, ehe man uns öffnet. Es ist bitter kalt. Wir haben uns in unsere Mäntel gehüllt und stampfen auf dem hartgefrorenen Boden umher. Endlich finden wir in der Festung Einlaß; aber man gibt uns nichts mehr zu essen, und so legen wir uns auf den steinernen Fußboden, hüllen uns in unsere dünnen Decken und Mäntel und schlafen bald ein. Früh sind wir schon wieder auf. Wir erhalten Tee, Brot, und man verspricht mir Pferde und einen Begleitsoldaten. Da erscheint der unglückselige Dolmetscher, den ich schon von Kuschk her kannte, und fragt nach meinem Paß. Ich sage ihm, er wisse doch, daß mir mein Paß gestohlen sei und daß der Gouverneur von Herat mich jetzt erwarte. Er geht zum Oberst und meldet es. Doch der läßt sich nicht erweichen. Er weiß auch über den Stand meiner Angelegenheit nichts, da er erst vor kurzem hierher versetzt worden ist. Er ist unfreundlich, hochmütig. Ich sage ihm, er solle telephonisch beim Gouverneur anfragen; denn zwischen dem afghanischen Grenzposten und Herat existiert bereits Telephonverbindung. Er erwidert, das Telephon funktioniere nicht. Ich will ein Radiotelegramm nach Taschkent an den afghanischen Konsul aufgeben; aber er erklärt: Telegramme existierten für ihn nicht! Er wolle ein richtiges Visum: gestempelte Photographie usw. Es war zum Verzweifeln! Aber man gewöhnt sich langsam an solche Dinge; Geduld lernt man in Asien! Es blieb also nichts anderes übrig, als nochmals nach Taschkent zurückzureisen. Wohl spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, einfach auf eigene Faust nach Herat zu ziehen; aber das hätte sicher schlecht geendet. Ich kannte den Weg nicht, hatte keine Karte, kein Pferd, und mein Geld ging auf die Neige. Ein afghanischer Soldat war ständig um mich, und auch Simon hatte ein Auge auf mich. Es wäre ein hoffnungsloses Beginnen gewesen. Aber mir graute auch vor der ca. 1100 km langen Rückreise nach Taschkent, mir graute vor den Strapazen auf der russischen Bahn, die noch größer waren als die auf den Karawanenreisen im Inneren Afghanistans. Nur der Gedanke, noch einmal wieder nach Merw zu müssen, wieder beim afghanischen Konsul in Taschkent zu übernachten – – –

Doch es half nichts, es sollte wohl so sein; zwei volle Tage mußte ich erst wieder in Aleksejevka warten, ehe ich nach Taschkent aufbrechen konnte. In Merw traf ich wieder spätnachts ein. Ich wollte mich im Wartesaal auf eine Bank niederlegen, als ich einen afghanischen Kaufmann sah, den ich öfters in Kuschk gesprochen hatte. Er schlug mir vor, mit ihm ins Hotel Franzia zu gehen. In den Straßen war es stockfinster, und ich wunderte mich, wie mein Gefährte den Weg fand. Ein Mädel öffnete und wies uns eines der finsteren Zimmer an: Holzpritsche, ein paar zerbrochene Stühle, ein kleiner Tisch, auf dem das Wachslicht flackerte. Es konnte gegen ein Uhr sein. Wir tranken eine Flasche feurigen Süßweins und dann verschwand der Afghane mit dem Mädel und ließ mich allein. Ich war todmüde. Als ich meine Stiefel auszog, stieß ich gegen den Tisch. Das Licht fiel um und erlosch. Streichhölzer hatte ich nicht. Ich verschloß Fenster und Tür und schlief bald ein. Nachts wachte ich von einem eigentümlichen Geräusch auf. Es mußte jemand in meinem Zimmer sein. Ich stand auf und ging leise ans Fenster und an die Tür: Beides verschlossen. Ich tastete im Zimmer umher, fand aber nichts; darauf legte ich mich wieder auf die Pritsche und versuchte einzuschlafen. Lange war es still, und schon wollte mich der Schlaf übermannen, als ich wieder das seltsame Geräusch vernahm. Es hörte sich an, als ob jemand die Seiten eines alten Pergaments umblätterte. Ich horchte gespannt; einmal kam es mir vor, als komme das Geräusch vom Tische her, dann, als ob es an der Tür sei. Es konnte nur irgendein Tier sein.

Morgens, als es dämmrig wurde, ging ich von neuem dem Geräusche nach; und nun stellte es sich heraus, was es gewesen war. Am Abend vorher hatte der Afghane das Papier, in dem die Flasche eingewickelt war, auf den Boden vor die Tür geworfen. Ein Nashornkäfer, der sich im Zimmer herumgetrieben hatte, wollte ins Freie und versuchte, sich durch die Tür zu klemmen. Dadurch kam er oft an die Stelle, wo das Papier lag und hakte mit seinen kleinen, dornigen Beinen hinter das harte Papier, wodurch der eigentümliche Laut hervorgerufen wurde, den ich mir nicht erklären konnte und der mir eine schlaflose Nacht bereitet hatte. Ich fing den kleinen Ruhestörer und habe ihn als Andenken an die schlaflose Nacht in Merw mit nach Hause gebracht, wo er jetzt meine Käfersammlung ziert.

Wie verändert hatte sich das Bild Turkestans, seitdem ich zuletzt hier war! Der Herbst war gekommen, und überall hatte er seine bunten, leuchtenden Farben ausgestreut. Manche Bäume waren schon ganz entlaubt; andere aber glühten in rotem und gelbem Farbenschmuck. Auch der klare, blaue Himmel war verschwunden. Drohende Wolken ballten sich zusammen, und auf den hohen Bergketten im Osten lag schon viel Schnee. In Taschkent traf ich am 16. Oktober ein. Es war kühl geworden, und der Wind ließ einen leicht frösteln.

Als ich den afghanischen Konsul aufsuchte, saß er in einen dicken Pelzmantel gehüllt im Sessel. Er war wie immer sehr liebenswürdig und versprach, für mich zu tun, was er konnte. Mein Zug fuhr erst in ein paar Tagen, und so besuchte ich in Taschkent noch einige Museen, den botanischen und den zoologischen Garten. In den Straßen lag schon viel Laub, und die losen Blätter wurden oft vom Winde hoch aufgewirbelt. Früh wurde es dunkel; bereits um sechs Uhr konnte man ohne Licht nicht mehr arbeiten. Der afghanische Konsul fertigte mir ein großes, versiegeltes Schreiben aus; ich ließ mich auf dem Basar für ein paar Rubel photographieren, und diese Photographie wurde auf den Paß aufgenäht. Dann zog ich wieder Kuschk zu.

In Aleksejevka mietete ich mir jetzt von Simon einen Leiterwagen, denn ich hatte mir in Taschkent eine Steppdecke gekauft und hatte beim afghanischen Grenzposten meine Handtasche aufgelesen, die Wagner dort deponiert hatte. Es war jetzt auch hier richtig Herbst geworden; die Sonne wärmte nicht mehr; der Himmel war bezogen, und der Wind jagte die grauen Wolken über die Berge. In tollkühner Fahrt ging es die Hänge hinauf und hinab. Simon wollte den Weg abschneiden, geriet dabei aber oft an Stellen, wo der Wagen fast kippte und es in den Achsen knackte und krachte.

Gegen sechs Uhr – es dämmerte bereits – kamen wir im russischen Tschihil-Duchteran an. Die Paßkontrolle erledigte sich schnell, und dann fuhren wir durch den Fluß. Auf der afghanischen Seite erfuhren wir, daß wir wieder nach Kara-Tepe müßten. Ich machte es mir im Wagen jetzt so bequem wie möglich, und beim Vollmondschein traten wir die weite Reise an. Ich war sehr müde und es dauerte auch nicht lange, da schlief ich fest, trotz des Rüttelns des Wagens. »Prischli« (angekommen) hörte ich halb noch im Traum Simon sagen. Wir bezogen wieder denselben Raum in der Festung, den wir das letztemal innehatten. Wir aßen zu Abend, wenn es inzwischen auch schon zwölf Uhr geworden war, und legten uns schlafen. Wir hatten ein Nachtlicht erhalten und ließen es ruhig herunterbrennen. Simon schlief bald ganz fest. Ich aber lag noch lange wach und ließ noch einmal die letzten Wochen, seit ich von meinen Kameraden getrennt war, an meinen Augen vorüberziehen. Seltsam gestaltet sich manchmal des Schicksal des Menschen ohne sein Wollen. Eine höhere Macht lenkt unsere Wege: an diese göttliche Hand, die uns durchs Leben führt, müssen wir glauben, ihr vertrauen und ihr folgen, und wir müssen fest daran glauben, daß alles nur zu unserem Besten geschieht, wenn es uns im Augenblick auch nicht zum Bewußtsein kommt.