Schließlich schlief auch ich ein; wachte aber nachts von irgendeinem Geräusch auf und sah in dem vom Mondschein erhellten Zimmer, wie ein großer, schwarzer Kater unsere Abendbrotreste verzehrte und dabei den Leuchter vom Tisch stieß. Seine grünen Augen funkelten im Dunkeln. Dann und wann raschelte er mit dem Papier, in dem unser Proviant verpackt war. Sonst hörte man nichts weiter als das feste Schnarchen Simons.
Am Morgen sind wir früh auf, zeigen den afghanischen Paß vor, und alles ist in Ordnung. Man bringt uns Brot und Tee und ist eitel liebenswürdig! Man stellt mir Pack- und Reitpferd sowie einen Begleitsoldaten zur Verfügung. Darauf verabschiede ich mich von Simon, drücke ihm noch ein gutes Trinkgeld in die Hand, und dann trennen wir uns. Er fährt auf geradem Wege nach Kuschk zurück; ich aber ziehe mit meiner kleinen Karawane neuen Schicksalen entgegen.
III
ÜBER AFGHANISTANS RANDGEBIRGE
Der erste Tagesmarsch auf afghanischem Gebiet war kurz, denn das Wetter war sehr schlecht; es stürmte und goß in Strömen. Wir ritten zurück bis Tschihil Duchteran, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich konnte mich mit den Afghanen gut auf Persisch verständigen, wenn auch noch häufig von meiner Seite aus ein russisches Wort fiel. In dem einen Raum, der fast einer Gefängniszelle glich, machte ich es mir so bequem wie möglich. Die Fenster waren vergittert, lange Spinnennetze hingen von der Decke herab. Drang schon durch die kleine Öffnung kaum Licht in das Innere hinein, so ließen die schmutzigen, ganz verstaubten Fenster noch weniger Tageslicht in den Raum fallen. Tschihil Duchteran ist ein berüchtigtes Malarianest, denn es ist von Sümpfen umgeben. Auch in meiner Zelle waren viele Mücken, und da mein Feldbett und mein Moskitonetz beim großen Gepäck in Herat waren, so konnte ich mich vor den zudringlichen und gefährlichen Quälgeistern, durch deren Stich die Malaria übertragen wird, kaum schützen; war man so weit, daß man einschlafen wollte, dann hörte man sicher bald ein ganz feines, leises Summen am Ohr. So verlief die Nacht sehr unruhig, und ich war recht froh, als es am anderen Morgen weiterging.
Das Wetter war trostlos. Hatte es zuerst den Anschein, als ob es sich aufklären wollte, so begann es um neun Uhr wieder zu regnen. Von den Bergen war nicht viel zu sehen, graue Wolken hüllten die Gipfel ein. Alles war naß, und es tropfte von der Mähne der Pferde.
Nachdem wir drei Stunden geritten sind, haben wir keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Dazu ist es sehr frisch, und der Soldat sagt oft: »Chunuk, chunuk« (kalt). Wir reiten in ein großes Tal ein, in dem einige kleine Dörfer liegen. Die Bewohner sind neugierig; wenn wir vorbeireiten, kommen sie herbei und fragen den Soldaten, wer ich bin, und wohin wir wollen.
Auf einem Felsblock sitzt ein großer Adler; er rührt sich aber nicht, als wir vorbeireiten. Da ich nur meinen dünnen Khakianzug trage, fühle ich mich bei dem naßkalten Wetter gar nicht wohl. Heute reite ich den schwarzen Hengst, der gestern mein Gepäck trug. Er geht besser als der braune, ist aber furchtbar faul, und ich muß ständig die Peitsche gebrauchen. Der Pferdeknecht Abdullah thront hoch oben auf dem Lastpferd, er hat sich ganz in dicke Decken eingehüllt, pendelt verdächtig auf den hohen Lasten hin und her, und ich habe ihn stark in Verdacht, daß er dann und wann ein kleines Schläfchen macht. Stunde auf Stunde vergeht. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen! Und in feinen, grauen Fäden gießt es lustig weiter. Wir passieren ein paar elende Lehmhütten, aber kein Mensch zeigt sich, nur ein einsamer Esel schreit ganz kläglich. Endlich sichten wir hinter ein paar hohen Bäumen das erste große Karawanserai Chodschah Molal, wo wir die einzigen Gäste sind und auf das liebenswürdigste aufgenommen werden.
Die Karawanseraien, die von der Regierung angelegt sind, haben einen viereckigen Grundriß ([Abb. 2]):
In der Mitte ist der große Hof für die Tiere. Oft erhebt sich auch ein kleines Gebäude in der Mitte, das als Moschee dient. Die einzelnen Räume, die als Quartiere dienen, sind nicht groß, haben nur eine kleine Türe, die nach dem Hof geht, und in der Decke ein kleines Luftloch, damit der Rauch abziehen kann.
Sobald wir im Robat (Karawanserai) ankamen, wurde der Raum, in dem wir die Nacht verbringen sollten, ausgefegt, wobei der Staub nur so in Wolken aufwirbelte. Dann wurde ein helles Feuer angefacht und Teewasser gekocht. Nachdem wir unsere Sachen so leidlich getrocknet und Huhn mit Reis gegessen hatten, fühlten wir uns wieder wohl.