Nach einer gut verbrachten Nacht sind wir morgens schon früh wieder auf. Draußen ist ein furchtbares Wetter; es gießt wieder in Strömen und ist noch kälter und windiger als gestern. Ich ziehe alles Zeug an, das ich bei mir habe: zwei Unterhosen, drei Hemden, drei Paar Strümpfe! Aber trotzdem wird man nicht warm. Der Pferdejunge hat sich wieder in seine schmutzigen, verfilzten Decken gehüllt. Nur der Soldat ist zu bedauern, der keinen Mantel hat. Die Pferde sehen uns traurig an, und nach einer halben Stunde ist schon alles wieder durchnäßt.

Von den Bergen ist nicht viel zu sehen, dicke graue Wolken und Nebelfetzen haben sich um die Gipfel gelegt. Die Landschaft ist trostlos öde und stimmt einen traurig. Wir reiten langsam dem hohen Ardewan-Passe zu, der in der vor uns sich hinziehenden Hauptkette eingesenkt ist. Häufig haben wir einen kleinen Bach zu kreuzen, der sich zwischen verwitterten, düsteren, kahlen Bergen dahinschlängelt. Kein Leben ist zu sehen, nur hin und wieder kreist ein großer Raubvogel über uns. Gegen elf Uhr sind wir schon ziemlich hoch gestiegen. Es beginnt in dicken Flocken zu schneien; vornübergebeugt sitzt jeder im Sattel, keiner spricht ein Wort. So geht es wohl eine Stunde bergan. An vielen Stellen ist der schwarze Boden schon mit einer dicken Lage Schnee bedeckt. Wir arbeiten uns langsam zum Passe empor, der eine Höhe von ca. 1600 m hat. Der Abstieg nach Süden ist ziemlich steil und die Pferde gleiten auf den schlüpfrigen Schieferplatten häufig aus, so daß wir absteigen und die Tiere führen müssen. Durchfroren und naß kommen wir in Kusch Robat an, wo wir uns einen heißen Tee geben lassen und uns an einem Feuer wärmen. Dann ziehen wir weiter, überschreiten noch eine kleine Bergkette und reiten bis zum Dunkelwerden über eine große, breite Ebene, die kein Ende nehmen will. Wir treffen große Schaf- und Ziegenherden, und eine Kamelkarawane zieht langsamen Schrittes an uns vorüber. Es dämmert bereits, als wir in das armselige Dorf Perwaneh einziehen. Die Berge im Süden werden von der untergehenden Sonne beleuchtet und schimmern in goldgelben Farben; sonst aber hängen dicke, blaugraue Wolken am Himmel. In dem Karawanserai wird uns ein elendes Loch angewiesen, und da es spät ist, kann auch ein Pilau nicht mehr zubereitet werden. So erhalten wir Spiegeleier, die in Hammelfett schwimmen, Brot und Tee und legen uns dann bald schlafen.

Der folgende Tagesmarsch war kurz. Als wir aufbrachen, war noch alles in dicke Nebel gehüllt; aber man sah die Sonnenscheibe schon die weißen Schleier durchdringen. Bald verteilten sich die Wolken, und der blaue Himmel leuchtete uns entgegen. Wir reiten in einem breiten Gebirgstale nach einem niederen Bergrücken hinauf. Bald ist es so warm, daß ich meinen Mantel ausziehe. Die Sonne taut uns alle wieder auf, und sowohl der Pferdeknecht wie auch der Soldat sind äußerst gesprächig; als wir in das fruchtbare Heri-rud-Tal einziehen, sind wir mit einem Male wieder in den Hochsommer versetzt.

Wir passieren große, mit blauen Kacheln gedeckte Kuppelgräber, schlanke Minarette, die ebenfalls mit glasierten Ziegeln bekleidet sind, und sehen vor uns die Stadtmauern und die Zitadelle aufragen. Sehr bald hat der Soldat ausfindig gemacht, wo meine Sachen verstaut sind, und ich werde in ein kleines reizendes Gartenhäuschen geführt. In der Mitte des Innenhofes befindet sich ein Goldfischteich, über den sich ein großer Maulbeerbaum neigt. Die Fenster sind alle aus buntem Glas zusammengesetzt; ein Diener öffnet das Mittelfenster, und die Sonne fällt in den Raum. Alles atmet gleich Licht und Sonne, und laue Lüfte hüllen uns ein. Welch Gegensatz zu den letzten Tagen!

Man bereitet mir Tee, bringt Obst, und bald erscheint Sahib Dad Khan im Auftrage des Gouverneurs und teilt mir mit, daß ich im Tschähar-Bagh Quartier beziehen soll, der zu den Gouvernementsgebäuden gehört. Mir wird hier ein großes, schönes Zimmer angewiesen, von dem aus ich auf die großen Blumenbeete blicke, die den Hof schmücken ([Abb. 3]). Der Duft ist geradezu betäubend; große Schmetterlinge mit schweren, seidenen Flügeln flattern von einer Blume zur anderen, und auch die Bienen sind noch eifrig an der Arbeit. Nachdem ich mein großes Gepäck in Empfang genommen und mir mein Zimmer eingerichtet habe, holt mich Sahib Dad Khan zu einem Spaziergange ab, der mich quer durch die Stadt führt.

IV
EINE MÄRCHENSTADT

Wenn ich an Herat zurückdenke, dann sehe ich wieder sonnige Straßen, alte Ruinen, große Obst- und bunte Blumengärten vor mir auftauchen und glaube die Stimme des Mueddin zu hören, der von der blauen Kuppel des Minaretts die Gläubigen zum Gebete ruft. Ich sehe den kleinen, von hohen Lehmmauern eingefaßten Hof mit dem Goldfischteich und glaube die wohlige Wärme zu verspüren, die die strahlende Herbstsonne als letzten Gruß des schwindenden Sommers Herat schenkte. Eine unendliche Ruhe lag über der Stadt, zeigte sich auch in jedem einzelnen Menschen und teilte sich auch mir mit. Das Gefühl, nach endlosen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten meinem Ziele nahe zu sein, ließ mich aufatmen, und ich empfand die Ruhe und Sorglosigkeit, in der ich meine Tage in Herat verbrachte, als etwas ganz Selbstverständliches.

Dazu kam, daß mich ein Stück Orient umfangen hielt, das mit all seinen Reizen und Schönheiten zu den unverfälschtesten Gebieten der mohammedanischen Welt gehört. Ich habe mich schwer von Herat losreißen können, als ich nach 14tägigem Aufenthalt die Stadt verließ. Es war mir, als ob ich von einer schönen, unbekannten Frau Abschied nehmen sollte, die ich gern noch mehr kennengelernt hätte und der ich vielleicht nie wieder im Leben begegnen würde, deren Bild mir aber immer als Erinnerung an glückliche, unvergeßliche Stunden wieder vor Augen treten wird.

Wenn ich durch die engen Basargassen schlenderte, die noch genau so holperig sind wie sicher schon zu jener Zeit, als Alexander der Große Herat zu einem wichtigen Stützpunkt auf seinem Zuge nach Indien machte, wenn ich das bunte Stadtbild betrachtete und sah, mit welch unbeschreiblicher Ruhe und Würde die Menschen sich bewegten und ihrer Arbeit nachgingen, die ja gar nicht drängte und die man ebensogut auch morgen oder übermorgen, ja vielleicht auch erst die kommende Woche erledigen konnte, dann ahnte ich, daß sich hier seit unendlichen Zeiten nichts geändert hat. Wie ehedem ziehen noch heute die Kamelkarawanen unter dem Klange der großen Glocken langsam und stolz durch die Gassen, und die Kameltreiber singen dieselben alten Weisen. Und auf allem liegt das Sonnenlicht, hell, leuchtend, und der reine blaue Himmel zittert über den gelben Lehm- und Backsteinbauten. Von den Wänden und Mauern strahlt die Hitze zurück und fängt sich in engen Korridoren. Es ist mittags schwül, kein Luftzug regt sich, die Luft flimmert und scheint auf den erhitzten Dächern zu tanzen. Im Schatten einer Pappel sitzt ein Bettler, von Alter gebeugt, mit großem weißen Bart, und hält die Almosenschale hin; unter den Bäumen liegen die Afghanen und schlafen, und verträumt hocken die Händler in ihren Verkaufsständen ([Abb. 5]). Man könnte manchmal glauben, die Stadt sei in einen Dornröschenschlaf verzaubert. Jetzt, nach zwei Jahren, im Getriebe der Großstadt eines sich aufreibenden Europas, in gehetzten Stunden des trüben, grauen Alltags, wandern meine Gedanken oft nach dem fernen Asien zurück und besonders gern nach der alten Märchenstadt am Heri-rud, wo keine Europäer den Frieden der Natur stören. Wer einmal den wahren Frieden kennengelernt hat, sehnt sich nie wieder nach Krieg.

Eines Nachmittags holte mich der Mudir (Sekretär) zu einem längeren Spaziergang ab. Wir besuchten einige der Ruinen, die sich im Norden der Stadt befinden und die schon gleich am ersten Tage meine Aufmerksamkeit erregt hatten.