Im Hotel konnten wir uns nicht viel um ihn kümmern. Da meine Freunde einen tüchtigen Diener namens Abdul Sebur engagiert hatten, brauchte Juma nur mein Zimmer in Ordnung zu halten. Und das machte er gut. Er sah auch das Zeug nach, nähte abgerissene Hosenknöpfe an und versuchte Strümpfe zu stopfen. Aber wir hatten zum Schlafen für ihn keinen Platz. Nachts war es draußen schon zu kalt, als daß er hätte im Freien nächtigen können. So mußte er im Pferdestall bei dem Hesare, dem Pferdeknecht, schlafen; das kränkte ihn tief.

Eines Morgens, als ich den niedrigen, kleinen, finsteren Stall betrat, um nach meinem Pferd zu sehen, saß Juma frierend an der Glut eines erlöschenden Lagerfeuers. Der Hesare war wieder einmal fortgegangen, und Juma mußte das Amt des Wächters übernehmen. Stets wenn man den Hesare brauchte, hieß es: Hesare basar räft (Hesare ist nach dem Basar gegangen). Mir tat Juma aufrichtig leid. Er hatte sich sicher seine Stellung in Kabul anders gedacht. Als ich eintrat, stand er auf und sagte verlegen: »Sahib, sieh, hier muß ich nun schlafen. Schlecht ist es hier und dumpfig.« Dabei hustete er und bat um eine Decke, die ich ihm auch verschaffte. Später gab ich ihm oft noch ein Trinkgeld in die Hand; er hatte auf der Karawanenreise doch gut für mich gesorgt. Daß er so dumm war, dafür konnte er ja schließlich nichts.

Als ich die Hindukuschtour antrat, wollte er gerne mit; ich merkte, er sehnte sich fort von Kabul. Aber leider konnten wir ihn nicht mitnehmen. Als nun seine Kochkunst auch versagte, war er eigentlich nur mehr geduldet. Er hatte wieder nur die Zimmer zu besorgen. Morgens mußte er zuerst den Ofen heizen, denn nachts wurde es in den Räumen immer sehr kalt, da weder Fenster noch Türen gut schlossen.

Eines Wintertages, als draußen eisige Kälte herrschte und große Eisblumen an unseren Fenstern waren, trat Juma morgens leise ins Zimmer. Er glaubte, ich schliefe. Leise trat er an meinen Arbeitstisch und suchte, nahm meine Zigarettendose und steckte sich verstohlen und bedächtig eine Zigarette an. Plötzlich sah er, daß ich ihn beobachtete, und nie werde ich sein verlegenes, bestürztes Gesicht vergessen! Er stand wie versteinert! Beschämt schlug er die Augen nieder. Im ersten Augenblick wollte ich ihn gefährlich anfahren; aber ich hatte dann doch Mitleid mit ihm. So sagte ich nur, indem ich leise den Kopf schüttelte: Juma, tschi mikuni? Juma, was machst du da? Er antwortete nichts, legte die Zigarette auf den Ofen und ging still aus dem Zimmer. Widerworte wie andere Afghanen hatte er nie.

Der Winter war gekommen. Grau war der Himmel; Schneedecke legte sich auf Schneedecke ([Abb. 41]). Die Diener hatten stundenlang zu arbeiten, um den Schnee vom flachen Dache zu schippen. Alles war naß und feucht. Aber solange es kalt war und schneite, war es noch zu ertragen; doch dann kam eines Tages das Tauwetter und verwandelte die Straßen in einen Morast ([Abb. 33]). Der Schnee auf dem Dache schmolz und das Wasser tropfte an allen Stellen durch die Decke. Schüsseln und Töpfe wurden aufgestellt und in dem einen Zimmer mußten wir eine große Zeltleinwand ausspannen, in der sich bald ein kleiner See ansammelte, der alle halbe Stunden entleert werden mußte! Wir alle waren stark erkältet. Die Zimmer wurden kaum warm. Wir legten uns die Pelze über die Knie und tranken oft Schnaps – oder besser Raki, Marke »Stacheldraht« getauft – den einer der Europäer fabrizierte. Mit Apfelsinensaft und Zucker vermischt konnte man ihn trinken, und da wir diese Mischung erfunden hatten, erhielt sie fortan in der deutschen Kolonie den Namen »Marke OHA« (OHA = Orienthandelsaktiengesellschaft). Lange blieben wir abends nicht auf. Die Beleuchtung war zu schlecht. Wir hatten nur Stallaternen und wenn man nicht ständig aufpaßte, rußten sie. Vor dem Schlafengehen wurde im Ofen noch einmal Feuer gemacht. Dann rückten wir ganz nahe heran, legten Holzscheit auf Holzscheit und blickten in die flackernden Flammen. Bald wurde es in der Nähe des Ofens mollig warm; und oft genug strahlte er eine solche Hitze aus, daß man nicht dicht herangehen konnte. Aber die Freude dauerte höchstens eine Viertelstunde, dann war das Holz verbrannt und die Kälte zog wieder ein. Wir deckten uns mit Wolldecken und Schafpelzen zu, plauderten noch eine Weile aus unseren Pelzhöhlen und sanken bald in tiefen Schlaf.

Eines Tages war der Schneefall außerordentlich stark. Schon morgens, als wir aus unseren Fenstern blickten, sahen wir das Wirbeln der dicken Flocken. Von den gegenüberliegenden Bergen war nichts zu erkennen. Die großen Raben saßen regungslos auf der Mauer; auch ihnen war das Wetter wohl zu kalt. Als ich mittags einen Spaziergang machte, versank ich fast im Schnee und die weißen Flächen blendeten derart, daß ich die Augen kaum offen halten konnte. Froh war man dann, wenn man wieder in seiner Lehmbude war und am heißen Tee sich wärmen konnte.

Am 20. Februar konnten wir sehr schön die totale Mondfinsternis betrachten. Es war abends gegen sieben Uhr; ich wollte gerade vom Hause fortgehen, da hörte ich draußen ein seltsames Stimmengewirr. Ein geheimnisvolles Summen, langgezogene Rufe, die von den Bergen widerhallten. Ich ging hinaus und sah, wie die Landschaft in ein eigenartiges Licht getaucht war – es war Mondschein; aber nicht das silberhelle Licht lag auf den eingeschneiten Bergen, den flachen Dächern und Lehmwänden, sondern feine, bläuliche Schatten schienen langsam über das Land zu ziehen – Mondfinsternis! Wie tausend Lichter flackerten die Sterne am Firmament, ihr heller Glanz noch gesteigert durch die Höhenluft, liegt Kabul doch ca. 1750 Meter hoch. Langsam schob sich der Erdschatten über die Mondscheibe und etwa um siebeneinhalb Uhr war die Finsternis total.

Auf den Straßen war es still; hin und wieder sah man einen Afghanen, die Laterne in der Hand, nach Hause eilen. Die Verkaufsläden waren geschlossen; nur aus den Lebensmittelständen schimmerte der trübe Schein der Öllampen. Eine ganz seltsame Stimmung lag über dem Land. Der Mond schwebte wie eine rötliche Kugel am Himmel; so sah die Sonne aus, wenn in meiner Heimat das Moor abgebrannt wurde und der Rauch dem Tagesgestirn das Licht nahm. Mehr und mehr wuchs das Stimmengewirr, lauter und lauter wurden die Gebetsrufe an Allah; Raketen stiegen in die Luft, um den bösen Geist zu verscheuchen, der den Mond verschlingen wollte.

Noch um neun Uhr war die Finsternis total. Einige kalte Windstöße fegten über das Land und ließen die losen Fensterscheiben in den Lehmhäusern erklirren.

Als ich spät abends nach Hause kam, und die Mondscheibe wieder in hellem Lichte erstrahlte, hörte ich fremdartige Musik. Mit Trommeln, Flöten und Gesang wurde das wiedergekehrte Licht des Nachtgestirns begrüßt und noch bis tief in die Nacht hinein drangen die dumpfen Klänge der Trommel an mein Ohr. So gingen die düsteren Wintertage dahin, langsam, schleichend, als ob es nie wieder Frühling werden wollte.