Aber der Besitzer war ein ganz durchtriebener Bursche. Er war Geschäftsmann und glaubte, von den Europäern erhalten zu können, was er nur verlangte. Tage – ja wochenlang wurde gehandelt –, wie das in Afghanistan üblich ist. Verträge wurden aufgesetzt, wieder zerrissen, neu entworfen! Kam der alte Gauner nach dem Mittagessen zu uns, dann mußten die Diener einen großen Kelim in der Sonne ausbreiten und Tee bringen, und dann wurde stundenlang verhandelt und debattiert. Hatte man sich glücklich geeinigt, so konnte man sicher sein, daß man am anderen Tage von neuem beginnen mußte. Wir bestanden dann darauf, daß er einen Mirza – einen Schreiber – mitbrachte, damit der Mietvertrag ordnungsgemäß aufgesetzt würde. Schreiben und lesen konnte der Alte nämlich nicht. Wohlweislich unterschrieben wir den Vertrag nicht sofort, sondern zeigten ihn erst einmal einem anderen Herrn, der ausgezeichnet Persisch verstand. Da zeigte es sich dann, daß doch etwas anderes, als was vereinbart, darinnen stand!
33. Kabul: Blick vom Arkbasar nach Norden
Wieder folgten endlose Verhandlungen, ehe der Vertrag endlich unterzeichnet wurde. Aber das Haus war halbfertig; einziehen konnten wir noch nicht. Türen und Fenster fehlten, und Öfen waren noch nicht gesetzt. Es wurde uns aber hoch und heilig versprochen, daß in einer Woche alles fertig sein würde. Die Woche verging, und als wir das Haus wieder betraten, war fast nichts getan worden. Wir wurden vertröstet. Eines Nachmittags erschien denn auch der eine Boy und sagte, wir sollten uns die Öfen ansehen. Also ging die Arbeit vorwärts, wenigstens sah es so aus! Die Öfen haben uns oft Sorge gemacht. Die kleineren wurden aus Petroleumbüchsen gemacht und haben den Nachteil, daß man alle halbe Stunde wenigstens Holz nachlegen mußte. Denn mit Kohle war es in Kabul schlecht bestellt. Wenn auch im Lande viel Kohle ist, so lohnt sich der Transport nach Kabul doch nicht. Schon im Hotel hatten wir unsere Freude an solch einem Ofen gehabt. Erst rauchte er wie ein Schlot, und als dem Übel abgeholfen war, wollte er nicht ziehen. Brannte aber einmal das Feuer, dann war der Ofen auch in ein paar Minuten rotglühend. Ging man einen Augenblick fort und kam wieder, dann war er ausgebrannt, und man mußte wieder von neuem Feuer anlegen. Besser waren schon die etwas größeren Öfen mit Wasseraufsatz. Rechtzeitig mußten wir auch Brennholz einkaufen. Manchmal war tagelang im Basar nichts aufzutreiben, oder das Holz war feucht und brannte nicht.
34. Wohnhaus bei Kabul
Dann kam der erste Schnee, und es wurde kälter und kälter. Es wurde Zeit, daß wir umzogen. Aber der Alte hatte tausend Ausflüchte; am Haus wurde nichts mehr getan. Die Fenster fehlten noch, die Wände waren nicht geweißt, keine Tür schloß richtig. Aber es hieß, bei dem kalten Wetter könnten die Leute nicht arbeiten, und erst müsse der Schnee vorbei sein. Wir drohten, den Vertrag zu zerreißen, wenn er nicht wenigstens Fenster und Schlösser in drei Zimmern anbringen lasse. Endlich, nach langem, langem Warten, konnten wir denn auch einziehen. Nie werde ich diesen ersten Umzug vergessen, bei dem Hammals, Lastträger, Stück für Stück unserer Ausrüstung vom Hotel ins neue Haus brachten. Für die Diener war es ein Festtag; denn sie konnten die Lastträger kommandieren und kamen sich ungeheuer wichtig vor.
35. Kabul, Gemüseverkäufer
Wir wollten jetzt auch eigene Küche führen; Juma sollte kochen. Aber der arme Junge verstand nur einen Pilau zuzubereiten; und sagte man ihm etwas, so starrte er einen mit offenem Munde an, was Wagner oft aus der Fassung brachte. Die Küche ist unsere Sorge geblieben. Wir haben viel Köche gehabt, sogar einen Hofkoch des Emir, und doch waren wir mit keinem zufrieden. Bevor wir unsere Küche eingerichtet hatten, nahmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam bei den Lehrern ein. Dann zogen wir abends im Dunkeln durch die engen finsteren Gassen nach dem »Paukerheim«. Ein Diener mit Laterne begleitete uns. Das Essen war gut, und Juma wurde abkommandiert, hier das Kochen zu lernen. Da es keine Backöfen gab, mußten alle Mahlzeiten auf kleinen Kohlenbecken zubereitet werden. Wir ließen Juma etwa vier Wochen gewähren, dann sollte er kochen. Und er tat es auch. Tag für Tag gab es Fleischknödel, mittags und abends, die auf ihn wohl einen besonders guten Eindruck gemacht hatten. Vielleicht machte ihm auch die Fleischmaschine so viel Freude, die wir im Basar erstanden hatten. Als wir ihn einmal fragten, ob er denn gar nichts anderes kochen könne, meinte er: O ja, Pilau! Es war zum Verzweifeln mit dem armen Jungen. Ich glaube, er sehnte sich wieder nach dem freien Karawanenleben zurück. Oft stand er ganz in Gedanken versunken da und träumte.