54. Auf dem Wege nach Dschelalabad
Bei bitterkaltem Wetter und einem schneidenden Winde trafen wir wieder in Kabul ein und freuten uns, bald Indiens sonnige Fluren grüßen zu können.
Da nämlich im Laufe des Januar ein Dampfer in Karatschi eingetroffen war, der eine große Sendung für unsere Gesellschaft an Bord hatte, mußte einer von uns nach Indien, um die Sendungen von dort aus nach Kabul auf den Weg zu bringen bzw. sie in Peshawar einzulagern. Da auch zwei Autos in der Ladung waren, die aufmontiert werden mußten, schloß sich Blaich, der mit allen autotechnischen Arbeiten vertraut war, mir an.
XII
IM AUTO VON AFGHANISTAN NACH INDIEN
Wochen verstrichen, und es wurde Zeit, daß wir uns für die Reise nach Indien rüsteten.
Endlich am 18. März, frühmorgens, stand das für die Fahrt gemietete Auto vor unserem Hause. Es war halb sieben, und es begann zu dämmern. Der Himmel war bewölkt. Kein Mensch war zu erblicken, als wir durch die noch schlafende Stadt fuhren. Es war still; nur das Rauschen des Kabulflusses drang an unser Ohr. Bald hatten wir die Stadt und ihre Gärten hinter uns und fuhren der aufgehenden Sonne und den Bergen entgegen. Hin und wieder trafen wir Afghanen, die der Stadt zueilten, und langsamen Schrittes zog eine Kamelkarawane an uns vorüber.
Bei Khurd Kabul erreichen wir die Talsperre; ein kleiner, blaugrüner See ist durch diese hier aufgedämmt. Er liegt wie ein geschliffener Türkis inmitten der verwitterten, düster ausschauenden Schieferberge, die noch auf den Kuppen Schnee tragen. Wir halten einige Minuten, um Benzin aufzufüllen, und dann geht es hinein in die Bergwelt. Höher und höher schrauben wir uns, bis wir endlich die ca. 3000 Meter hohe Paßhöhe des Häftpasses erreichen, von der aus wir einen wundervollen Blick auf die hohen Berge Laghmans und des wilden Kafiristan haben. Aber die Luft ist noch nicht ganz klar, und es sieht aus, als ob ein dünner lila Schleier über den tiefen Tälern liegt. In Serpentinen geht es wieder hinab, und die Kurven sind manchmal recht scharf. Eine Strecke lang sind die verwitterten Berghänge mit kleinen, dunkelgrünen Büschen bedeckt, und oft erfreut eine saftig grüne Wiese im Talgrund unser Auge. Der Chauffeur hat den Motor abgestellt, denn infolge der starken Neigung fahren wir auch so mit sausender Geschwindigkeit dahin. Oft begegnen uns Karawanen, und es dauert manchmal lange, bis es uns gelingt, an diesen vorbeizukommen. Stets gibt es Unordnung: Tiere reißen sich los, Lasten fallen zu Boden, die Männer schimpfen und fluchen und blicken uns vorwurfsvoll an.
Langsam geht es hinunter nach Djegdellek und Surkh-pul. Hier in diesen Schluchten war es, wo 1841 der letzte Rest der anglo-indischen Armee von den Afghanen niedergemetzelt wurde. Die Leiden dieses Rückzuges müssen furchtbar gewesen sein. Es war mitten im Winter, in furchtbarer Kälte und tiefem Schnee, als die Armee unter ständigen Angriffen der Ghilsais von den Höhen aus sich den Rückweg zu erkämpfen suchte. Zu Hunderten, zu Tausenden kamen sie um – – verdursteten, erfroren, verhungerten oder wurden von den Afghanen abgeschlachtet und niedergeschossen; nur ein einziger Überlebender sollte den Untergang der Armee melden können.
Bei Surkh-pul passieren wir eine große, rote Brücke und machen an der Straße Rast, wo einige kleine Verkaufsstände aufgeschlagen sind. Ein alter, zudringlicher, in Lumpen gehüllter Bettler will nicht von uns weichen. Die Kinder, unter ihnen bildhübsche kleine Mädchen, stehen um uns herum, betasten das Auto und starren uns an.