Wir bestiegen in Dschebl-es-Seradsch die nördlichen Hänge des »Eisenberges«, der aus Kalksteinen und sehr vielen Roteisenerzgängen besteht. Von hier aus konnten wir sogar den Sefid-kuh bei Dschelalabad sehen, der sich wie eine weiße, gezähnte Mauer am südöstlichen Horizonte abhob. Das große breite Tal, das vom Hindukusch nach Kabul sich hinzieht und unter dem Namen Koh-i-Daman bekannt ist, halte ich für ein eingebrochenes Becken, das – von alten See- und Flußablagerungen angefüllt – jetzt reich bewässert und außerordentlich fruchtbar ist. Von den Seiten der die Ebene begrenzenden Berge schieben sich Schuttkegel ins Tal. Dort liegen die in Maulbeer- und Aprikosenhainen versteckten Lehmdörfer Istalif, Deh-i-Nao und Istargij.

51. Aufbruch meiner Karawane im Hindukusch (Ghandak)

Von Dschebl-es-Seradsch unternahm ich später einmal eine Fahrt nach Gul Behar, das am Pändschschirflusse liegt. Der Fluß ist dort von prächtigen alten Maulbeerbäumen eingesäumt und ein Dorf liegt neben dem anderen. Früher muß auch der Pändschschir einmal in einem höheren Niveau geflossen sein, denn er wird auch von alten Flußterrassen eingefaßt, auf denen die Dörfer liegen. Wir konnten auch einen Blick in die Schlucht werfen, durch die der Pändschschir aus dem Hindukusch tritt. Die Berge waren fast alle schneefrei, aber die Hauptkette, die wir im Hintergrunde sahen, bildete eine einzige weiße Schneemauer. Gerade am Eingang der Schlucht, jenseits Gul Behar, liegt an den Felsen angeklebt ein Räubernest. Gewaltig sollen die Fluten sein, die sich zur Zeit der Schneeschmelze durch die Täler wälzen und alles mit sich reißen, was in ihren Weg kommt.

52. Landschaftsbild bei Kabul

Sicherlich ist das Gebiet zwischen Dschebl-es-Seradsch und Tscharikar schon in ältesten Zeiten besiedelt gewesen, da hier ein großer Knotenpunkt für alle Karawanenstraßen ist. Von Osten (Pändschschir-Chawak), von Westen (Bamian-Ghorbend), von Norden (Hindukuschpässe) und von Süden (Kabul) treffen alle Straßen hier zusammen. Noch ungelöst ist die Frage, ob Alexanders des Großen Städtegründung Alexandria in dieser Gegend lag. Viele Forscher vermuten, daß die Stadt auf der Begram-Ebene südöstlich von Tscharikar gelegen habe, denn hier hat man viele Münzen gefunden, die aus alter, griechisch-baktrischer Zeit stammen. Auch sollen Überreste aus buddhistischer Zeit aufgedeckt worden sein.

53. Blumenbeete bei Darulaman und die neue Straße Kabul-Darulaman

Die Koh-i-Daman-Ebene mit dem Ghorbendtal ist einer der fruchtbarsten Landstriche Afghanistans. Fährt man von Dschebl-es-Seradsch nach Kabul, so passiert man Dorf an Dorf, Garten an Garten, während zu beiden Seiten sich die hohen, pittoresken, kahlen Berge hinziehen.