In der Gegend von Jalmisch angekommen, wurden wir mit Tee und Brot erquickt und zogen dann weiter nach Ghandak. Schwarze Schieferfelsen, teilweise tief verwittert, täuschten Kohle vor. Das Tal erweiterte sich und wir hatten Ausblick auf die hohen Schneegipfel ([Abb. 51]). In Ghandak herrschte große Aufregung, als wir ankamen. Solch zahlreichen Besuch und dazu noch Europäer hatte man hier in der einsamen Gebirgswelt sicher nicht erwartet und noch nie gesehen. Als in dem finsteren Loche, in dem wir untergebracht worden waren, abends das Lagerfeuer aufflackerte und wir auf unseren Feldbetten liegend unser Abendessen verzehrten, kamen einige alte Weißbärte herein, setzten sich um das Feuer und glotzten uns unverwandt an, ohne ein Wort zu sagen. Am Abend erfuhren wir noch, daß ein Pferd ins Wasser gestürzt war. Wir befürchteten schon, daß es eines unserer Gepäckpferde sei. Zum Glück kamen unsere Sachen aber heil und trocken an. Es war das Pferd des Michmandars gewesen. Er machte am anderen Tage ein sehr betrübtes Gesicht, denn sein schöner, mit prachtvollem Pelz gefütterter Mantel war vom Wasser vollständig verdorben und brüchig geworden.
Am folgenden Tage dauerte es geraume Zeit, bis wir aufbrechen konnten. Das Beladen der Tiere dauerte endlos lange, und so kamen wir erst gegen zehn Uhr fort. Es war ein herrlicher Tag und die Luft war rein und klar. Wie anders doch gleich die Stimmung ist, wenn die Sonne scheint! Alle sind fröhlich und lustig und man merkt, daß es jedem einzelnen Spaß macht, im warmen Sonnenschein durch diese majestätische Bergwelt zu ziehen. Oft mußten wir wieder den Fluß kreuzen, der an einer Stelle ziemlich tief war. Ein Diener wurde vorausgeschickt, um den besten Übergang ausfindig zu machen. Man zog die Beine so hoch wie möglich, aber oft wurden doch die Stiefel naß. Die Pferde hatten mit aller Gewalt gegen die reißende Strömung anzukämpfen, und man war froh, wenn man das andere Ufer glücklich erreicht hatte.
Dann mußten wir wieder an steilen Felswänden entlang, wo von einem Pfade kaum noch eine Spur zu erkennen war. An einer Stelle krochen wir sogar auf allen Vieren an den aus verwitterten Schiefern bestehenden Hängen entlang, während unter uns der Fluß toste und schäumte. Ich bewunderte die Pferde, die selbst an den gefährlichsten Abhängen mit großer Sicherheit sich bewegten.
Das Tal verengte sich an manchen Stellen derart, daß der Fluß den Talboden fast ganz ausfüllte. Senkrecht erhoben sich die Felswände zu beiden Seiten Hunderte von Metern hoch, und nur an einigen Stellen sah man die hohen Schneegipfel über die Felsklippenränder herüberragen. Dicht vor dem Ausgange der Schlucht – oder besser Anfang der Schlucht – thronten auf einem hohen Felsabhange die Ruinen einer alten Stadt. Wir sahen mächtige Mauern, stehengebliebene Torbogen und Türme sich vom blauen Himmel abheben. Leider hatten wir keine Zeit, diese Ruinenstätte näher in Augenschein zu nehmen; ich habe es schon oft bedauert, daß ich nicht doch einige Stunden der Untersuchung dieser alten Ruinen gewidmet habe. Aber erst bei der späteren Ausarbeitung der Tagebücher sieht man, worauf man noch hätte seine Aufmerksamkeit lenken müssen. Als wir mittags aus der Schlucht austraten und wieder in das breite, ostwest sich hinziehende obere Längstal des Bamianflusses kamen, verabschiedete sich der Gouverneur von uns. Als er mit seiner Schar hinter einem Berge verschwunden war, ritten wir dem Schibarpasse zu. In der Mittagssonne war es herrlich warm und man konnte kaum glauben, daß es Januar war. Abends in Schumbul aber wurde es sehr kalt, und man kroch dichter als sonst ans Lagerfeuer! Draußen goß der Vollmond sein fahles Silberlicht über die eingeschneite Bergwelt, die in tiefem Schweigen dalag.
Am anderen Tage brachen wir früh auf, galt es doch wieder über den Schibarpaß nach Kasi Besé zu kommen. Es war ein klarer, kalter Wintertag, und wir waren gezwungen, den ganzen Weg größtenteils zu Fuß zurückzulegen, da wir sonst vor Kälte in dem scharfen Winde auf dem Pferde erstarrt wären. Schnee, Schnee und wieder Schnee! An den Mähnen und Schwänzen der Tiere hängen Eiszapfen. Ein lebhafter Karawanenverkehr findet im Winter hier statt, da der direkte Weg von Bamian nach Kabul über den Hajigakpaß dann infolge des Schnees gesperrt ist. Ein kleiner, schwarzer Esel war unter seiner Last zusammengebrochen und blickte uns traurig aus seinen großen dunklen Augen an, als wir vorbeiritten. Ein paar Reiter sausten im vollen gestreckten Galopp über die Schneefelder dahin; Kamelkarawanen zogen langsamen Schrittes durch die weiße Bergwelt. Auf der Paßhöhe befinden sich einige Unterkunftshütten. Im Freien wurde ein großes Feuer angezündet, Tee getrunken und gefrühstückt. Herrlich war die uns umgebende Bergwelt! Die weißen Schneefelder strahlten ein solch helles Licht aus, daß man fast geblendet wurde. Der Weg hinunter nach Kasi Besé war an vielen Stellen stark vereist, so daß wir auch hier die Tiere immer führen mußten. Aber auf der Straße wurde tüchtig gearbeitet. Die vereisten Stellen wurden mit Sand und Kies bestreut. In Kasi Besé erwartete uns das Auto, das uns noch am selben Tage nach Siah-Gird brachte.
Wir blieben nun zwei volle Tage in diesem Dorf, denn es handelte sich darum, einige Kohlevorkommen in der Umgegend zu begutachten. Zu dem einen Vorkommen, das nicht sehr weit entfernt lag, gingen wir zu Fuß, denn es waren am ersten Tage keine Pferde aufzutreiben. Das ganze Tal zwischen der Paghman- und Hindukuschkette muß in früheren Zeiten einmal von einem See bzw. Sumpf ausgefüllt gewesen sein, denn überall treffen wir Sandsteine, Mergel, Tone mit eingeschalteten dünnen Kohlebändern. Später, also in ziemlich junger Zeit, hat das ganze Gebiet dann starke Störungen erfahren. Auf diesen mehr oder weniger eintönig grau gefärbten Ablagerungen liegen die tiefdunkelroten Sandsteine und Konglomerate des Jungtertiärs. An einer Stelle erhoben sich die Ruinen einer alten Lehmfeste, die ebenfalls aus tiefrotem Gestein aufgeführt war. Alle Bäche und Rinnsale, die wir antrafen, führten tiefrotes Wasser. Die rote Farbe rührte zweifellos von dem Eisengehalt der alten Kalksteine her, die sich an den Südhängen des Hindukusch hinziehen. Im Tale selbst befinden sich einige große, junge Terrassen, auf denen verfallenes Gemäuer steht.
Interessanter war der Besuch von Gaoparan, das in der Paghmankette liegt. Wir ritten wieder in das kleine Tal ein, in dem wir tags zuvor schon gewesen waren, und wandten uns dann langsam, immer höher ansteigend, gen Süden. Die Gegend ist außerordentlich fruchtbar; überall längs der kleinen Bäche, die von der Paghmankette herabkommen, dehnen sich Gärten und Anpflanzungen aus. Die Abhänge sind kunstvoll bewässert; Aprikosen, Äpfel und Weintrauben aus dem Ghorbendtal sind wegen ihrer Güte weit und breit bekannt. In Gaoparan statteten wir dem Distriktschef einen Besuch ab. Wir wurden mit herrlichem Obst bewirtet und erhielten den nie fehlenden grünen Tee, der immer aus kleinen Schalen getrunken wird. Sowohl die Tassen wie die Teekannen sind russisches Fabrikat. Der hohe Beamte war nicht sehr freundlich im Gespräch. Es dauerte auch geraume Zeit, bis man uns andere Pferde stellte. Dann zogen wir tiefer in die Bergwelt hinein und kamen in große Schneefelder. Das Wetter war schön, sonnig, und wir hatten nach allen Seiten einen herrlichen Ausblick auf die hohen Berge. Hinter Gaoparan trafen wir keine Menschenseele mehr.
Wir waren allein inmitten der Schneefelder; kein Windzug rührte sich, und es war warm wie im Sommer. Je höher wir kamen, um so umfassender wurde der Blick. Die Kohlevorkommen waren recht kläglich und bestanden aus kleinen, dünnen, stark gestörten Bändern. Wir blieben lange in diesem Gebiet und kehrten dann am Nachmittage nach Gaoparan zurück. Dieses kleine Dorf liegt wie ein Räubernest in den Bergen; die Häuser sind an die Hänge angelehnt. Unter der Bevölkerung sah ich sehr hübsche Menschen; besonders die kleinen Mädchen sahen – trotz des Schmutzes – ganz reizend aus. Wir hielten uns hier wieder einige Zeit auf und traten dann am Spätnachmittag den Heimweg an.
Als die Sonne unterging, wurden die Schneefelder des Hindukusch mit einem Hauch von Rosa übergossen, so fein und duftig, daß man die Schneegipfel fast mit den rosa Abendwolken verwechseln konnte. Dann rückten die blauen Schatten höher und höher und die Nacht hüllte das Tal ein. Es war sehr dunkel, als wir endlich wieder in unserem Quartier in Siah Gird eintrafen.
Am anderen Tage fuhren wir nach Dschebl-es-Seradsch. Der Weg war an vielen Stellen durch Blöcke gesperrt und wir mußten oft halten, um diese aus dem Wege zu räumen. Gegen Mittag kamen wir in Dschebl-es-Seradsch an und wurden im Gouverneursgebäude untergebracht. Von der Terrasse des Palastes aus hat man einen herrlichen Blick auf das umliegende Land. Tief unter uns zur Rechten sahen wir den schäumenden Ghorbendfluß, zur Linken den Pändschschir; und ringsherum hohe Berge. Im Südosten ragten trotzige wilde Felsgipfel auf – dort lag Kafiristan, in das tiefer einzudringen bisher nur zwei Engländern gelungen war, Robertson im Jahre 1889 und Mc. Nair bereits 1883. Das Land soll so wild und zerrissen sein, daß man es mit einer Karawane nicht durchziehen kann, es sei denn, man hätte Träger. Wenn man die Literatur über dieses seltsame Land durchsieht, stößt man oft auf Widersprüche. Die einen schildern die Kafiren als lustige, den Europäern wohlgesinnte Menschen; die anderen berichten, daß sie das wildeste Räubervolk seien, das man sich denken könne. Die Kafiren halten sich selbst für Abkömmlinge der alten Griechen. Holdich – wohl einer der besten Kenner Afghanistans – glaubt, daß die Kamdesch-Kafiren Nachkommen der alten Nysaeer sind, die Alexander den Großen auf seinem Zuge nach Indien als Landsmann und Religionsgenossen begrüßten. Die Kafiren zerfallen in viele Stämme. Sie sprechen verschiedene Sprachen und bekämpfen sich untereinander genau so wie die Grenzvölker an der indisch-afghanischen Grenze. Bis zu dem Augenblick, wo Emir Abdur Rahman seinen Glaubensfeldzug gegen sie antrat, hatte kein mohammedanischer Eroberer – vielleicht mit Ausnahme Timurs – den Versuch gemacht, dieses Land zu unterwerfen. Noch heute sind die Kafiren gefürchtet, und keines der an Kafiristan – oder besser Nuristan (das von der Religion erleuchtete Land) – angrenzenden Gebiete ist vor ihren räuberischen Überfällen sicher. Auch die Bewohner des Pändschschirflusses sollen gefürchtete Räuber sein. So hat sich dieses Gebiet noch bis zum heutigen Tage eine gewisse Selbständigkeit bewahrt; denn der Einfluß und die Macht der Kabuler Regierung ist hier nicht groß.