Als wir am anderen Tage erwachten, schneite es wieder einmal. Dicke, graue, bleischwere Wolken hingen an den Bergwänden, und uns blieb nichts weiter übrig, als zu Hause zu bleiben. Morgens kam ein Sänger, der dem Gouverneur seine Kunst zeigen wollte. Das Beste, was er vorbrachte, war ein Lied, zu dem er selbst die Lautenmusik ganz täuschend nachahmte. Ich habe beobachtet, daß die Afghanen beim Gesang oft die Augen schließen. Man hat unwillkürlich den Eindruck, daß sie sich ganz ihrem Gesang hingeben, der jedoch meist monoton ist und auf die Dauer einschläfernd wirkt.

Als es gegen Mittag zu schneien aufgehört hatte, ließen wir unsere Pferde satteln und machten uns wieder auf den Weg. Wir ritten wieder in die Surch-ab-Schlucht hinein und sammelten hier noch einige Gesteinsproben. Es war naßkalt, und die düsteren kahlen Felswände erschienen uns noch trostloser. Von den höchsten Spitzen war nicht viel zu sehen; düstere Wolken jagten über die Gipfel.

Am anderen Morgen rüsteten wir uns zum Rückweg. Das Wetter hatte sich nicht recht aufgeklärt, Wolken hingen wieder an den Hängen. Zuerst kamen wir ziemlich schnell vorwärts, aber der Übergang über den Chak-Paß war doch sehr anstrengend. Da viel Schnee lag und der Aufstieg auf die Höhe ziemlich steil ist, glitten die Tiere ständig aus, und wir mußten achtgeben, daß nicht eins über den Abhang in die Tiefe rollte. Von der Höhe des Passes hat man einen herrlichen Ausblick (s. [Abb. 46]).

Gegen Mittag klärte sich das Wetter auf, und bei Sonnenschein kamen wir wieder in Doab an. Ich war mit Blaich weit zurückgeblieben; als wir kurz vor Doab ein paar Lehmhütten passierten, stürzten plötzlich zwei große Hunde auf uns und bissen unsere Pferde in die Beine, so daß sie fast scheuten. Die afghanischen Hunde sind eine Art Mastiff, kurzhaarig, kolossal kräftig gebaut, mit großem Kopf. Sie sind außerordentlich gute Wächter. Oft, wenn wir abends spät noch in ein Dorf kamen und noch zehn Minuten weit entfernt waren, merkten die Hunde schon, daß Fremde nahten, und begannen zu bellen und Alarm zu schlagen. Es war immer ein sehr unangenehmes Gefühl, besonders wenn es schon ganz dunkel war und man nichts erkennen konnte. Tagsüber konnte man sich die Hunde durch Steinwürfe vom Leibe halten, nachts aber konnte man nur mit der Reitpeitsche versuchen, sich freie Bahn zu schaffen. Die Afghanen behandeln die Hunde schlecht; ich habe oft die armen Tiere bedauert, die Fußtritte über Fußtritte erhielten. Wie oft konnte man das Schmerzgeheul eines Hundes hören, und wie oft sah man Hunde mit gebrochenen Beinen! Kein Wunder daher, daß die Tiere, die sich die Europäer zulegten, sehr bald jeden Afghanen anbellten, Europäern aber nichts zuleide taten.

Von Doab-i-Mekhzarin wollten wir dem Bamianflusse folgen, der sich zwischen Doab und Schumbul in einer tiefen Schlucht durch die Hauptkette des Hindukusch gesägt hat. Kein anderer Fluß durchschneidet sonst den Hindukusch, und da dieses Gebiet noch nie von einem Europäer besucht worden war, reizte mich die Erforschung dieser Durchbruchsschlucht aufs äußerste. Schon während meiner Studienjahre hat mich das Problem der großen Flußdurchbrüche immer wieder gefesselt, und in meiner Arbeit über Tibet und den Himalaja habe ich ausführlich diese Fragen gestreift. Es war mir daher eine große Freude, Gelegenheit zu haben, eine derartige Durchbruchsschlucht durch eines der höchsten Gebirge unserer Erde studieren zu können.

Bei herrlichstem Wetter verließen wir am 21. Januar Doab-i-Mekhzarin, ritten eine Strecke weit flußaufwärts und bogen dann in das Seitental ein, durch das der Bamianfluß aus dem Gebirge tritt. Das enge Tal bot viele hübsche Bilder. Der Fluß war von Gestrüpp und Weiden eingefaßt und an manchen Stellen wuchs mannshohes Schilf, das aber gelb und trocken war und raschelte, wenn wir hindurchritten. Manchmal mußten wir den Fluß kreuzen, da die Felsen senkrecht zum Flusse abfallen; reißend, schäumend stürzt das Wasser über die großen Granitblöcke, und wir müssen sehr auf unsere Pferde aufpassen, daß sie nicht stürzen. Fast wäre es dem Pferde des Schikar Sahib so ergangen, wenn er nicht im letzten Augenblick die Zügel straff angezogen hätte. Nachdem wir etwa drei Stunden geritten waren, verengte sich die Schlucht derart, daß der Fluß wie in einem Korridor zwischen senkrechten Felswänden dahinschoß. Auch wurden die Felsen viel zerklüfteter, und große Blöcke, ja, ganze losgebrochene Felswände hingen eingeklemmt zwischen den Wänden der Schlucht. Wir mußten daher den Fluß verlassen und zogen über eine seitliche Paßschwelle in ein anderes kleines, ganz geschütztes Tal, in dem die kleinen Lehmhütten von Bagrak liegen. So früh waren wir noch nie in ein Lager gekommen. Mir war dies sehr angenehm, konnte ich mir doch gründlich die nähere Umgegend betrachten. Zu Mittag erhielten wir ein ausgezeichnetes Brot, auch am anderen Tage in Ghandak; nirgends in Afghanistan habe ich sonst ein so gutes Brot gegessen, wie hier im Herzen des Hindukusch.

Man gab uns wieder einen Soldaten mit auf den Weg, und dann brachen Blaich und ich auf. Auf den Nordhängen lag der Schnee überall ziemlich hoch. Wir folgten einem kleinen Seitental, das uns schnell auf ein höheres Plateau brachte. Der letzte Aufstieg war ziemlich steil, und wir mußten oft stehenbleiben, um Luft zu schöpfen. Blaich glaubte an einer Stelle einen Wolf gesehen zu haben, der in ein kleines Seitental verschwand. Vorsichtig schlichen wir über das eingeschneite Plateau an den Rand des Wasserrisses, erkannten aber in der Tiefe nur große Blöcke. Wir warteten eine Viertelstunde, aber nichts rührte sich. Wir hatten das Gewehr wieder einmal umsonst mitgenommen! Im Schnee aber sahen wir viele Wolfsspuren; wie gerne hätten wir einmal etwas Abenteuerliches erlebt! Das Leben in diesem Lande ist gar nicht so sehr abenteuerlich, wie man denken könnte. Viele werden erwarten, in einem Buche über Afghanistan mindestens einige Räubergeschichten zu finden; aber wenn man nicht Pech hat, könnte man jahrelang in Afghanistan umherziehen, ohne daß einem ein Haar gekrümmt wird. Gewiß gibt es auch einige Gegenden, die weniger sicher sind, wie zum Beispiel Kafiristan und die Gegenden um Ghasni und Kandahar; aber im großen und ganzen sind die Verhältnisse doch weit geordneter als früher, wo in jedem Afghanistanbuch die tollsten Räubergeschichten erzählt wurden.

Wir streiften auf dem Plateau umher, und ich konnte ein sehr gutes Bild von den morphologischen Verhältnissen gewinnen. An anderer Stelle bin ich ausführlich auf diese wissenschaftlichen Fragen eingegangen. Wir stiegen vom Plateau die steilen vereisten Hänge ab, die direkt ins Bagraker Tal abfallen. Es kostete uns viel Mühe und wir mußten sehr vorsichtig sein. Ziemlich lange waren wir fortgewesen, und man hatte schon nach uns Ausschau gehalten.

Der nächste Tag war vielleicht der interessanteste auf unserer Tour; ging es doch quer durch die Hauptkette des Hindukusch. Wir waren schon früh auf. Der Himmel war bezogen und ein kalter Wind blies uns entgegen. In einem Seitental zog die Karawane langsam auf das Hochplateau hinauf, auf dem wir gestern nachmittag schon weilten. Wie düster und traurig die Landschaft aber aussah! Kein bißchen Grün, gelb und vertrocknet das kurze Gestrüpp, das den Boden bedeckt und das raschelt und knackt, wenn die Tiere darauf treten! Die Berge sehen so finster und ernst aus; wie anders der gestrige Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne sich über ihre schneeigen Hänge legten! An einer Stelle sahen wir einen Hasen, der sich hinter einem Busche verkroch; die kühnen Jäger hatten wieder Jagdfieber, trafen aber natürlich nicht, und mit gewaltigen Sätzen sprang er über die Hügel davon!

Ein endloser Abstieg erfolgte und wir kamen wieder in die Nähe des Flusses, dessen Rauschen und Donnern wir schon von weitem hörten. Der Abstieg war schwierig. Wir mußten ca. 200 Meter absteigen. Der Pfad war geradezu halsbrecherisch. Schritt für Schritt ging es abwärts, bis wir schließlich unten in der Schlucht ankamen. Hier teilte sich unsere Karawane; Blaich, der Pole, der Michmandar, Schikar Sahib und ich ritten zurück in die Schlucht, während die anderen dem Flusse abwärts nach dem nächsten Lager folgten. Wir ritten etwa eine halbe Stunde; die Felswände schlossen sich immer enger und enger zusammen, und das Toben und Rauschen des Wassers wurde immer lauter. Wir konnten uns selbst durch Zurufe nicht mehr verständigen. Schließlich mußten wir umkehren, da der Weg durch Riesenfelsblöcke, die heruntergestürzt waren, versperrt war. Dann folgte ein stundenlanger, einsamer Ritt durch die Schluchten und Talengen des Bamianflusses. Immer wieder und wieder mußte der Fluß gekreuzt werden, wobei das eiskalte Wasser den Pferden fast bis an den Sattelgurt reichte. Die Ufer des Flusses waren von dicken Eisrändern eingefaßt, und oft mußten wir diese erst durchschlagen, ehe wir den Fluß durchreiten konnten. Oft brachen die Tiere durch die Eisdecke und stürzten. Dann ging es wieder über steile Felshänge, und man wunderte sich, wie die Pferde dort noch Halt finden konnten. Das Pferd des Michmandars glitt an einer Stelle aus und rollte an einer – Gott sei Dank – nicht so gefährlichen Stelle den Abhang hinab. Zum Glück gelang es dem Reiter, sofort aus dem Steigbügel zu kommen, so daß er nur mit einer kleinen Fußquetschung davonkam.