49. Hindukusch bei Doab

Vor uns zog sich eine hohe Kette hin, auf deren obersten, bräunlich violetten Felsbänken kleine Schneeflecken lagen; unter diesen aber zogen sich dunkelrote Konglomeratbänder sowie die grünen Schiefer hin, die das Tal ausfüllten. Gerade als die Sonne goldgelb hinter den Bergen versank, kamen wir an ein paar elende Lehmhütten. Kaum hatten wir uns ihnen genähert, als wir sehr unliebsam von den großen Hunden empfangen wurden und uns kaum getrauten, weiterzureiten. Von unserer großen Karawane sahen wir nichts, und wir hatten keine Ahnung, wo sie weilen mochte. Wir ritten etwas weiter, aber die Hunde griffen unsere Pferde an und bissen sie in die Beine. Das wurde uns denn doch ein bißchen zu dumm, und wir forderten die Einwohner auf, die Tiere anzubinden, was dann auch nach einigem Zögern geschah. Die Leute waren recht unfreundlich – vielleicht auch ängstlich, sagten uns aber schließlich, wo unsere Karawane war, und nach einer Viertelstunde waren wir wieder zu den anderen gestoßen, die in den kleinen Hütten von Barfak Quartier bezogen hatten.

50. Blick auf die Hauptkette des Hindukusch (Barfak)

Am anderen Morgen schneite es, und wir blieben daher in unseren Lehmhütten. Uns war diese Rast willkommen, denn der gestrige Tag war doch ziemlich anstrengend gewesen. So machten wir es uns so bequem wie möglich, lagerten uns um ein Feuer, schrieben Tagebuch, lasen oder unterhielten uns mit den Afghanen. Draußen schneite es lustig, die Flocken tanzten und wirbelten, und bald war der Boden mit einer weißen Decke überzogen. Von den hohen Bergen sahen wir nichts mehr. Traurig standen die Pferde im Hof; sie sahen wie weiß gepudert aus. Gegen Mittag aber wurde es heller und heller, und bald schien die Sonne, die den Schnee schnell wieder wegschmolz. So brach ich denn mit Blaich und zwei Dienern zu einer neuen Rekognoszierungsfahrt auf.

Nachdem wir eine Viertelstunde gen Osten geritten waren, bemerkten wir zur Linken ein schluchtähnliches Tälchen, das in die dunkelroten Sandsteine eingeschnitten war und das uns vielleicht einen Zugang in die Berge verschaffte. Wir übergaben den Dienern die Pferde und gingen zu Fuß weiter. Das Tälchen verengte sich immer mehr zu einer Schlucht, und bald merkten wir, daß wir in eine richtige Sackgasse geraten waren. Auf allen Seiten versperrten uns senkrechte feuerrote Felswände jegliches Vorwärtskommen. Wir mußten also zurück und fanden bald einen kleinen Jägerpfad, der am Rande der Schlucht hinführte. Wieder blieben die Diener mit den Pferden zurück, und wir suchten allein unseren Weg durch die Berge. Erst mußten wir wieder hinab in ein Trockental und stiegen dann bergan. Die Nachmittagssonne wärmte herrlich. Überall waren wir von trotzig-wilden Felsbergen umgeben. Je höher wir kamen, um so weiter wurde der Blick, und wir fühlten uns frei und ungebunden. Ich habe mich stets da am wohlsten gefühlt, wo es ganz einsam ist, und wo man von den Menschen nichts sieht und hört. Erst dann, wenn man mit der Natur allein ist, lernt man es, sich selbst zu erkennen. Es ist ganz gleich, wo wir weilen, ob im Hochgebirge oder in Wüsten, am Meer oder in den Wäldern. Erst dann, wenn wir uns freigemacht haben vom Alltag und der Natur Aug in Aug gegenüberstehen, können wir das Gewaltige der Schöpfung ganz erkennen. Dann erst merken wir, wie arm uns die Zivilisation gemacht hat, und was für ein trauriges Leben wir im Durchschnitt zu führen gezwungen sind. Um so dankbarer aber sind wir, wenn wir ihr entfliehen können, um in der reinen, erhabenen Natur wieder Mensch zu werden und unsere Seele wiederzufinden.

Am folgenden Tage zogen wir wieder in diese Gegend. Wir hatten dem einen Diener einen Rucksack mit Proviant mitgegeben, denn wir brachen schon gegen zehn Uhr auf. Wieder folgten wir der Schlucht und dem engen Trockental. An einer Stelle fanden wir eine Menge Versteinerungen, größtenteils aber nur Steinkerne aus den großen Kreidekalkwänden, die über uns aufragten. Bald kamen wir in große Schneefelder, die sich über die Nordhänge der Berge hinzogen. Auf einer kleinen Kuppe machten wir Rast. Der Träger war weit zurückgeblieben. Wir waren ziemlich schnell vorangestiegen und lagerten direkt unterhalb der Plateauränder, deren Wände senkrecht vor uns aufstiegen. Auf einem Seitensporn gelang es uns dann, auf die Nordseite aufzusteigen, und von dort hatten wir einen so umfassenden Ausblick über die ganze Hindukuschkette, daß wir hier oben ungefähr zwei Stunden verweilten ([Abb. 50]). Als der Träger kam, stärkten wir uns erst, und dann begannen wir die nähere Umgebung zu rekognoszieren, photographische Aufnahmen zu machen, zu skizzieren und Gesteine zu sammeln. Im Süden dehnte sich die Haupt-Hindukuschkette aus. Schneegipfel reihte sich an Schneegipfel; aber wir vermißten auch hier alpine Formen, trotzdem die Berge über 5000 Meter aufragen. Gletscher fehlen ganz, ebenso Kare. Dieses Gebirge trägt mehr den Charakter eines Mittelgebirges. Tief unter uns sahen wir ein Stück des Talbodens, in dem Barfak liegt.

Im Norden treten wieder die grünen Schiefer auf; aber in der Ferne sahen wir auch höhere, schneebedeckte Berge aufragen, die, der Form nach zu urteilen, aus Granit zu bestehen schienen. Ich konnte mir nach der Karte kein rechtes Bild machen, was dies für Berge sein mochten. Kein Lebewesen war zu erblicken, nicht einmal ein Raubvogel schwebte um die hohen Gipfel. Ich hatte gehofft, von unserem Führer einige Namen der Berge zu erfahren, aber er wußte nichts. Auf dem einen Bergsattel errichteten wir ein kleines Steinmal, das wir mit Hilfe des Fernglases auch nachher vom Tale aus wiedererkennen konnten. Fern im Osten erhob sich ein großer, dreizackiger Gipfel, der sehr hoch sein mußte; es sah aus, als ob drei große Schneepyramiden aneinandergesetzt waren.

Als die Sonne unterging, stiegen wir wieder ab. Im Tale erwartete uns der andere Diener mit den Pferden. Wir ritten darauf noch etwas dem Dorfe Tala zu, das in einer schönen, großen Ebene gelegen ist. Zwischen Tala und Barfak hat sich der Fluß durch die Berge in tiefer Schlucht geschnitten; ich versuchte mit Blaich, hier in die Schlucht einzudringen, aber wir kamen nicht sehr weit. Das Gestein ist überall vulkanischer Herkunft; Porphyre, Trachyte, Basalte wechseln auf kurze Erstreckung miteinander ab und haben die Sandsteine und grünen Schiefer stark umgewandelt. An einigen Stellen enthalten die letzteren eingeschaltete dünne Kohlenflöze, die verschiedentlich schwelten. Da die Kohle stark schwefelhaltig war, so roch es überall nach Schwefel- und Kohlendioxyd, und an manchen Stellen kamen die weißen Dämpfe aus den Felsen heraus. Das ganze Erdreich sah verbrannt aus. Es dämmerte bereits, als wir ins Lager kamen, und wir waren froh, daß der liebenswürdige Gouverneur schon unser Abendessen hatte zubereiten lassen.