Am anderen Morgen ging es weiter nach Doab-i-Mekhzarin. Gleich flußabwärts hat sich der Fluß in tiefer Schlucht durch ein Granitgebiet gesägt; senkrecht fallen die Felsen hier zu beiden Seiten ab. Häufig mußten wir den Fluß kreuzen, und manches Mal konnte man die Pferde nur mit Mühe und Not dazu bringen, ins eiskalte Wasser zu gehen. Wir sahen viele Steinhühner, und unsere kühnen Jäger lagen alle paar Minuten im Anschlag. Die ganze Kavalkade mußte dann halten; die Jäger schlichen wie die Katzen unterhalb der Felswände hin, um so nahe wie möglich an die Stelle zu kommen, wo die Hühner gesichtet worden waren. Trotzdem aber verfehlten sie oft das Ziel.

Es ist ein ödes Land, aber wilder, formenreicher als das Zentralgebiet des Hesarajat! Hier kann man Felswände bewundern, die geradezu gigantisch sind. Man kommt sich so klein und schwach vor, wenn man sieht, welche Riesenkräfte hier tätig waren und noch tätig sind, um dem Gebirge Form und Gestalt zu geben. Hier sind ganze Gebirgsmassen über andere Gebirgsmassen geschoben, Klüfte aufgerissen, in die sich die Flüsse gestürzt und tiefe Schluchten ausgefeilt haben. An einer Stelle können wir mitten in der Schlucht noch alte Flußablagerungen an den Hängen erkennen, die zeigen, welche Arbeit der Fluß geleistet hat.

Gegen 2 Uhr kommen wir in dem kleinen Talkessel von Doab an. Wir essen etwas, und dann mache ich mit Blaich wieder Erkundungsfahrten. Wir nehmen einen Eingeborenen als Führer mit und wenden uns zunächst weiter flußabwärts. Der Fluß ist hier breit und reißend und fließt in einem ziemlich breiten Tal. Ein scharfer Ostwind weht uns entgegen, und der Turban des Führers löst sich oft und flattert wie ein weißer Wimpel im Winde. Im Norden wird der Fluß von einer geradezu phantastisch bunten und zerrissenen Bergwelt begrenzt; aber trotz unseres Versuches, dort einzudringen, kamen wir nicht weit ([Abb. 48]). Wir kehrten daher bald wieder um und versuchten nun, direkt von Doab nach Norden in diese Bergwelt einzudringen, was uns auch gelang, da hier eine kleine Trockenschlucht den Weg vorzeichnete. Diese war in dunkelrote Sandsteinfelsen eingeschnitten, in denen wir einige Versteinerungen fanden, die sehr schwer herauszuschlagen waren. Als wir aus der Schlucht herausgestiegen waren, konnten wir einen herrlichen Blick auf die hohen zerklüfteten Kalkbänke werfen, die gerade von der untergehenden Sonne beleuchtet wurden. Einige kleine, weiße Wölkchen schwebten wie Wattebausche um die Felsen, die nach unten in grüne Schiefer- und dunkelrote Sandsteine übergingen. Um uns herum sah der Boden wie verbrannt aus, und in den verwitterten Aschen und Laven sank man bis über die Knöchel ein. Kein Fleckchen Grün war zu sehen, und ein tiefes Schweigen lag über der einsamen Bergwelt ([Abb. 49]). Durch ein Fernglas suchten wir die hohen Kreideklippen im Norden ab und sahen auf dem höchsten Steilrand ein paar Steinböcke. Wir hatten aber leider kein Gewehr bei uns.

Der folgende Tag war außerordentlich reich an Eindrücken. Zuerst ging es flußabwärts, und wir folgten demselben Wege, den Blaich und ich gestern schon erkundet hatten. Das Wetter war schön, der Himmel vom reinsten Blau und ohne eine einzige Wolke. Wir bogen in ein kleines Seitental ein. Gegen Mittag kamen wir an einen rauschenden, kristallklaren Bach, an dem wir Mittagsrast machten. Die Pferde wurden an die Büsche angebunden, die den Bach einfassen, die Kelims auf der Erde ausgebreitet und ein Feuer angezündet. Selten hat mir wohl ein Picknick so gut geschmeckt wie dieses in den wilden Bergen des afghanischen Hindukusch. Es gab heißen Tee, kaltes Geflügel, Hammelfleisch und Brot. Auch konnten wir ohne Bedenken das kristallklare Wasser trinken. Gerne wäre ich an dieser Stelle noch geblieben, um das herrliche Landschaftsbild im Aquarell festzuhalten. Aber wir mußten weitereilen. Ein frischer Wind erhob sich, als wir tiefer in das Gebirge hineinstiegen. Die Bergwelt war so zerrissen und bunt wie in den Tagen zuvor. Immer wieder müssen wir hinauf und hinunter. Manchmal wandern wir durch ganz enge Schluchten, in denen kaum ein Pferd Platz hat und man ständig aufpassen muß, daß man sich nicht die Knie an den Felsen zerstößt. Es sind richtige Korridore, durch die wir uns hindurchschlängeln müssen, und rechts und links von uns recken sich die Felsen senkrecht in die Höhe. Dann geht es wieder steil hinauf, über Pässe, von denen aus wir auf die Schluchten und Talrisse hinabblicken können.

47. Buddhastatue Bamian

Im Süden ragen einige der Hauptgipfel der Hindukuschkette über die Bergwelt, in der unser Weg verläuft, hinaus; im Norden aber ziehen sich die steilen Wände der Kreidekalkplatten hin. Von Vegetation ist keine Spur zu erkennen; kein Lebewesen zeigt sich weit und breit. Wieder geht es einen Paß hinauf. Ich bin mit Blaich und dem Diener des Polen weit zurückgeblieben. Wir mußten auch die Pferde neu satteln und schoben so eine kleine Rast ein. Fast unheimlich wurde es einem in dieser Felsöde. Tot ist das Land, und stundenlang geht es durch diese öde Bergwelt.

48. In den öden Felsregionen von Doab-i-Mekhzarin

Einmal begegnete uns eine kleine Mauleselkarawane, die große Blöcke schmutziggrauen Salzes nach Kabul brachte. Die Salzlagerstätten liegen bei Khanabad. Von der letzten Paßhöhe aus bot sich uns ein überwältigend schöner Anblick. Wohl nie habe ich einen solch halsbrecherischen Weg in die Tiefe gesehen! Hunderte von Metern fallen die Felswände steil in unergründliche Tiefen, und an den Rändern dieser Steilabfälle führte der Weg ins Tal des Surch-ab. Tausende kleiner Schluchten sind in das weiche Gestein hier eingerissen, und der Formenschatz der Landschaft ist außerordentlich reich.