Die Statuen sind teilweise zerstört; aber der Mörtelmantel, der sie einhüllt, ist sonst noch sehr gut erhalten. Als Zerstörer der Statuen wird Aurengseb genannt, obwohl dies nicht als bewiesen angesehen werden darf. Die Afghanen bezeichnen die Statuen heute noch als But = Götzenbilder. Nach ihnen soll die kleinere Figur eine Frau darstellen, Schahmume, die größere einen Mann. Es kann aber jetzt wohl als gesichert gelten, daß die Figuren buddhistische Heilige darstellen, und mir scheint Moorcrofts Ansicht noch immer die beste zu sein, der in dieses Tal die Residenz eines Großlamas verlegt. Bamian muß eine Art Tempelstadt gewesen sein, ähnlich wie es heute in Tibet die großen Klöster sind. Noch treffender aber können wir Bamian mit den Höhlen der tausend Buddhas in Tun-huang im Nan-schan vergleichen. Diese Ansicht vertreten auch die französischen Archäologen, die jetzt mit den Ausgrabungen in Afghanistan beschäftigt sind. Leider war mein Besuch viel zu kurz, um genauer die vielen Höhlen, die interessante Wandmalereien enthalten, zu studieren. Diese Malereien sind außerordentlich fein ausgeführt; häufig sind Darstellungen von Heiligen mit Nimbus vorhanden. An einer Wand fand ich sechs Medaillons, die Buddha in den verschiedenen Gebetsposen darstellen. Wundervoll ist der Fries, der sich an der Decke der Nische hinzieht in der die größere Statue sich befindet. Leider war es mir technisch nicht möglich diese Bilder zu photographieren, unter denen mir einige sehr hübsche Frauengestalten auffielen. Die Farben, die hauptsächlich verwandt wurden, sind, soviel ich mich entsinne, Grün und Rot. Als wir in der Felswand neben der kleineren Statue eine baufällige Treppe hinaufstiegen, die im Sandsteinfelsen ausgehauen ist, kamen wir durch eine Höhle, deren frühere Bilder durch Rauch geschwärzt und mit einer dunklen, lackartigen Farbe überstrichen waren, so daß man nur an einzelnen Stellen noch kleine Teile der Bilder erhalten fand. An einigen Wänden sahen wir große Kratzer, die von Schwerthieben herrühren sollten. Wir gingen so hoch hinauf, wie wir nur konnten, und gelangten ungefähr in gleiche Höhe mit dem Kopf der Statue, deren riesengroßes Ohr ich auf 3 bis 4 Meter schätze. Von diesem luftigen Aussichtspunkte aus hatten wir einen großartigen Ausblick auf das Tal, durch das sich der Bamianfluß dahinschlängelt.
Abends packten wir alles für die neue Fahrt und gingen frühzeitig schlafen.
XI
EINE WINTERFAHRT INS AFGHANISCHE HOCHGEBIRGE
Von Bamian aus brach ich dann in den Hindukusch auf. Da der Gouverneur die Fahrt mitmachte, so bildeten wir eine große Karawane, denn er nahm seinen ganzen Troß mit.
Es war ein herrlicher Wintermorgen mit klingendem Frost; keine Wolke war am blauen Himmel zu sehen, und selbst an den fernsten Bergen konnten wir die feinsten Risse und Spalten erkennen. Wir fuhren zuerst mit einem Tonga bis an den Fuß des Ak-Robat-Passes, wohin uns die Pferde gebracht wurden. Dann ritten wir langsam dem Karawanserai zu, das unterhalb des Passes gelegen ist. Dort war schon alles für uns gerichtet, und als etwas später der Gouverneur mit seiner Schar eintraf, wurde das Frühstück eingenommen. Wir lagerten uns alle auf Kelims, die auf der Erde ausgebreitet wurden; und man reichte große Schüsseln mit kaltem Hammelfleisch, das mit Salz und Brot uns trefflich mundete. Der heiße Tee fehlte natürlich auch nicht. Erst gegen Mittag zogen wir weiter.
Die Luft war wundervoll klar und frisch. Ich blieb mit Blaich hinter der Karawane zurück, und wir konnten ganz ungestört die Naturschönheiten auf uns einwirken lassen. Der Anstieg zur Paßhöhe war für die Tiere ziemlich anstrengend, oft blieben sie stehen, um zu verschnaufen. Endlich hatten wir den Sattel erreicht und konnten von hier aus weit über die eingeschneite Bergwelt des Hindukusch blicken. In großen Serpentinen zieht die Straße in das Quellgebiet des Indar-ab hinab. Der Gouverneur und der Schikar-Sahib machten oft Jagd auf Steinhühner, die in den Felsen sich aufhielten. Der Pole, Blaich und ich waren wieder weit hinter der Karawane zurückgeblieben. Stunde auf Stunde verging; es wurde 7 Uhr, und immer noch war kein Robat in Sicht. Die Sonne war schon im Westen hinter den Bergen versunken, und blaue Schatten zogen langsam über die weiten Schneeflächen. Wir merkten deutlich, wie sich die Kältewellen auf das Land legten, und klappten den Kragen unserer Mäntel hoch, vergruben die Hände tief in die Manteltaschen und überließen den Pferden die Führung. Endlich sichteten wir das Karawanserai und waren froh, als wir vom Pferde steigen konnten. Der Name des Platzes war Suchte Tschinar, was »verbrannte Platanen« bedeutet.
Am anderen Tage ging es weiter nach Baiani; teilweise durch sehr enge Täler und Schluchten. Kahl ragen die Felsen zur Linken und Rechten auf, und ich konnte sehr interessante geologische Beobachtungen machen. Die älteren, gestörten Gesteine sind überall von großen, lockeren Konglomeratbänken überdeckt, die beweisen, daß einst große Wassermengen durch diese Täler fluteten.
Wenn wir uns kleinen Dörfern näherten, strömten die Einwohner in Scharen herbei, um uns mit Hurrarufen zu begrüßen. Die Kunde, daß der Gouverneur von Bamian kam, hatte sich anscheinend blitzschnell verbreitet. Kurz vor Baiani trafen wir die ersten Kohlevorkommen, die aber unbedeutend und sehr gestört waren. Mittags war es sehr warm, und mir wurde gesagt, daß nur selten in diesen geschützten Tälern Schnee falle. Baiani ist ein kleines Dorf, und die Einwohner hatten anscheinend noch nie einen Europäer gesehen, denn wir wurden wie Wundertiere angestarrt. Nach dem Mittagessen machte ich mich wieder mit Blaich auf den Weg. Der Gouverneur gab uns einen Soldaten zur Begleitung mit, der die Gegend kannte.
Selten habe ich eine so bunte Bergwelt gesehen. Die unteren Talhänge bestehen aus ziegelroten Sandsteinen und Tonen, die ganz phantastische Verwitterungsformen aufweisen. Wir folgten einer in diesen roten Felsen eingeschnittenen Schlucht, die sich aber derart verengte, daß ein Weiterkommen unmöglich wurde. Über uns türmten sich die grauen Kreidekalkfelsen auf, die noch Schneeflecken trugen. Wir entdeckten eine große Höhle, bei deren Betreten uns eine Schar Steinhühner entgegenflog. Sicherlich nisteten sie hier, und wir hatten sie in ihrer Ruhe gestört. Dann gingen wir wieder in das Haupttal zurück und schlugen den Weg in ein Seitental ein. Wir blieben dort, bis sich die Sonne dem Horizonte zuneigte. Es war eine unbeschreiblich wilde Bergwelt, in die wir einen Einblick tun konnten, und nie werde ich das bunte Farbenbild vergessen, das die untergehende Sonne auf den zerrissenen Felsen hervorzauberte. Feuerrot leuchteten einige Konglomeratbänder, die von grünen Schiefern unterlagert waren. Je nach der Beleuchtung wechselten die Farben in allen Schattierungen.
Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu, und immer blauer wurden die Schatten im Tal. Dann kam die Dämmerung, und wir gingen nach Baiani zurück. Man stellte uns die Feldstühle vor unsere Behausung, und so saßen wir, bis das Essen fertig war, am flackernden Lagerfeuer, in dessen Schein die Afghanen standen und das Abendessen bereiteten. Manche standen in Gruppen beieinander und sprachen leise über uns, und hin und wieder wurden uns mißtrauische Blicke zugeworfen. Sehr erfreut schienen die Leute nicht über unseren Besuch zu sein, auf jeden Fall wurden sie in ihrer Ruhe und Abgeschlossenheit gestört.