Am Abend, es mochte gegen zehn Uhr gewesen sein, trat ich noch einmal vor das Haus. Die Mondsichel hing über den Hindukuschgipfeln und die Sterne schimmerten in hellstem Glanz. Das silberne Licht des Mondes lag auf den hohen Schneeketten und spielte im Tal. Totenstille herrschte ringsum. Nur wie ein feines Klingen ging es durch die einsame Winternacht. Da ließ ich im Geiste die Geschichte dieses Tales an meinen Augen vorüberziehen. Ich sah, wie vor etwa 2000 Jahren buddhistische Pilger aus dem fernen Indien nach hier wallfahrteten, in das seit den ältesten Zeiten heilige Bamiantal, und malte mir aus, wie vorher die griechischen Eroberer durch das Land zogen, und Alexander der Große den Hindukusch auf dem nahen Chawakpaß überschritt. Auch sein Reich und seine Macht schwanden dahin. Von Norden und Nordosten kamen die Skyten und zogen gen Süden. Im achten Jahrhundert besuchte der chinesische Pilger Hsüen-Tsang auch diese Stätte und hat uns darüber berichtet, wie die großen Buddhastatuen einst leuchteten, als sie noch ganz mit Gold überzogen waren. Lange Zeit haben wir dann keine Kunde über diese Gegenden. Dann regte es sich wieder im Herzen von Asien, das wie in einen Hexenkessel verwandelt scheint. Wie ein Gewittersturm zogen die Mongolen unter Dschinghis Khan und Timur durch diese Gegenden, vernichteten alles und machten nieder, was ihnen in den Weg kam. Ich blickte hinüber nach der alten Ruinenstadt Gulgule, deren Zinnen, zerfallene Mauern und geborstene Türme geisterhaft im Mondlicht schimmerten. Auch sie wurde von Dschinghis Khan zerstört. Jaworski erzählt in seinem Buche folgende Legende über den Untergang der Stadt:
44. Die Zohakburg
»Da Gulgule große, unterirdische Wasserreservoire besaß, konnte es einer eventuellen Belagerung lange standhalten. Dschinghis Khan versuchte, die mit dreifacher Mauer umgürtete Stadt zu erstürmen, wurde aber mehrfach zurückgeschlagen. Schließlich wurde die Stadt doch zerstört. Und zwar auf folgende Weise: Die Tochter des Königs der Stadt Gulgule hatte sich, wie erzählt wird, in einen der Söhne Dschinghis Khans verliebt; hingerissen von ihrer Liebe, entdeckte sie ihm das Geheimnis der Wasserleitung, beschwor ihn aber, dies Geheimnis zu bewahren. Dschinghis Khan gelang es jedoch, seinem Sohne, durch das Versprechen, die Stadt zu schonen, das Geheimnis zu entlocken. Sobald aber die Wasserleitung unterbrochen und die Stadt infolge des Wassermangels zur Übergabe gezwungen wurde, zerstörte Dschinghis Khan in seiner Wut über die lange und hartnäckige Gegenwehr die Stadt bis auf den Grund und metzelte die ganze Bevölkerung nieder; selbst die Kinder im Schoße der Mutter fanden keine Gnade.«
45. Die Felswand von Bamian
Wir besuchten auch die großen Felsstatuen, die schon von ältesten Zeiten an das Interesse der Reisenden erregt haben ([Abb. 47]). Jaworski hat vielleicht die beste Schilderung davon entworfen, der ich wenig hinzufügen kann. Über die Höhe der Statuen gehen die Berichte sehr auseinander. Ich fand folgende Zahlen:
| Kleinere Figur: | Größere Figur: | |
| Moorcroft: | ca. 36 Meter | ca. 50 Meter |
| Jaworski: | ca. 37 Meter | ca. 43 Meter |
| Foucher: | ca. 35 Meter | ca. 53 Meter |
46. Im Hindukusch (Blick vom Chakpaß nach Westen)