Der Weg war außerordentlich malerisch. Senkrecht recken sich die kahlen verwitterten Felswände zur Rechten und Linken empor; sie schimmern in allen Farben, vom tiefsten Rot bis Violett. Kleine Schneeflecken liegen in den Taleinschnitten und Felsnischen. Die höheren Regionen aber sind ganz von einer weißen Decke überzogen, die sich scharf vom eintönig bleigrauen Himmel abhebt. Kurz hinter Siah Gird müssen wir den Ghorbendfluß kreuzen. Die Brücke ist eingestürzt, und wir müssen uns eine Furt suchen. Der Chauffeur will das Auto möglichst entlasten, und so steigen wir aus. Ein paar Afghanen stehen am Ufer und sehen sich das Schauspiel an. Sie haben ein paar Esel bei sich, und während die Diener barfuß durch das eiskalte Wasser waten, schwingen wir uns auf die Grautiere. Jeder bekommt einen Stecken in die Hand gedrückt, und dann überläßt man uns unserem Schicksal! Das Wasser rauscht und spritzt, als die kleinen Tiere Schritt für Schritt durch den Fluß waten. Man muß die Beine ganz hoch ziehen, um nicht naß zu werden, denn das Wasser reicht den Tieren bis zum Sattelgurt. Als ich mitten im Fluß bin, bleibt mein Esel mit konstanter Bosheit stehen und will keinen Schritt weiter. Ich schlage ihn, trete ihn, aber es fällt ihm gar nicht ein, sich vom Fleck zu rühren. Erst nachdem ein paar Minuten vergangen sind, bequemt er sich weiterzugehen. Esel sind durchaus nicht dumm! Sie sind die eigensinnigsten Tiere, die es gibt, und verstehen es großartig, den Menschen zu ärgern; aber nur aus reiner Bosheit!
Als wir glücklich alle wieder am jenseitigen Ufer angekommen sind und die Esel über den Fluß zurückgejagt haben, setzen wir unsere Fahrt fort. Der Himmel wird dunkler und dunkler, drohend hängen die Wolken an den Bergen, und bald beginnt es wieder zu schneien. Immer größer werden die Flocken. Das Schneegestöber wird so dicht, daß wir kaum 20 Meter weit sehen können. Es wird kälter und windiger; an manchen Stellen ist die Straße vereist. Nur mit vereinten Anstrengungen, indem wir Geröll und Sand auf den Boden streuen und Decken und Kelims unter die Räder schieben, gelingt es uns, das Auto vorwärtszubringen. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis wir es über die eine vereiste Stelle von 20 Meter vorwärtsbrachten, und dabei schneite es lustig weiter. Wir sehen alle wie Schneemänner aus, und im Auto ist es kalt, naß und dumpfig. Endlich zeigt sich das tiefeingeschneite Robat Kasi Besé, wo wir absteigen. Im Hofe lag der Schnee schon über einen halben Meter hoch, aber hier hatte es auch in den letzten Tagen schon geschneit. Am Abend wurde es sehr kalt, und sogar im Feldbett wurden wir nicht warm. Mit der Verpflegung sah es auch traurig aus, und wir mußten uns mit ein paar in Hammelfett gebackenen Spiegeleiern, trockenem Brot und Wasser begnügen. Als Beleuchtung diente eine einzige Wachskerze. Blaich und ich bekamen einen besonderen Raum zugewiesen. Wir ließen uns vom Diener des Schikar Sahib in unsere Decken und Pelze einpacken. Aber trotzdem wachte ich des Nachts mehrmals vor Kälte auf.
In der Nacht hatte es weitergeschneit. Vor uns lag der ca. 3000 Meter hohe Schibarpaß. Da war mit dem Auto ein Vorwärtskommen nicht mehr möglich. Schon am Abend vorher hatte der Schikar Sahib Pferde beordert. Aber am Morgen folgte erst ein endloses Hin- und Herreden, ehe die Tiere zur Stelle waren. Und was für edle Rösser waren das! Solche Schinder hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dazu erhielten wir Holzsättel, wie sie die Eingeborenen gebrauchen, auf denen zu reiten keine Freude war! Es schneite immer noch, als wir aufbrachen. Dann ging es hinauf auf den Paß, den schon Timur gezogen ist. Auch der buddhistische chinesische Pilger Hsüen-Tsang, dessen Memoiren zu den anziehendsten Reiseschilderungen der älteren Zeiten gehören, hat diesen Paß überschritten.
An manchen Stellen des Weges lag der Schnee so hoch, daß die Pferde bis an den Bauch in den Schneewehen versanken. Der Wind blies heftig. Je höher wir kamen, desto stärker wuchs er zum Sturme an, der den trockenen Pulverschnee aufwirbelte und über die blendendweißen Flächen dahinjagte. Mühsam und lautlos arbeitete sich die Karawane empor. Eine wundervolle Hochgebirgslandschaft umgab uns – ein Meer schneeweißer Gipfel und Kuppen, soweit der Blick reichte.
Der Abstieg ins Bamianer Tal war leicht. Am Fuße des Passes in Schumbul wechselten wir die Pferde und waren froh, die alten Schinder loszuwerden. Wir ritten dann hinab nach der tief eingeschnittenen Balulaschlucht. Rechts und links türmten sich kahle, schwarze Kalkfelsen auf; kaum ein Sonnenstrahl kann in diese Schlucht dringen, und eisige Kälte umfing uns, als wir zwischen den hohen Wänden dahinzogen. Der Weg war stark vereist, und wir kamen nur langsam vorwärts. Von den Felsen hingen große, einen Meter lange Eiszapfen herab, die wie Kristall glitzerten. Sobald wir aber die Schlucht hinter uns hatten und wieder in das breitere Talbecken eintraten, wurde es warm; denn die Sonne war inzwischen hervorgekommen. Der Schnee im Tale verschwand zusehends. Die Temperaturgegensätze sind in diesen Hochländern Innerasiens ganz bedeutend. Nachts wird es so kalt, daß man selbst unter den Pelzen friert, tagsüber aber wird man in der Sonne gebraten.
Je weiter wir ritten, um so prächtiger wurde das Wetter. Links von uns hatten wir den rauschenden Bamianfluß, in dessen schäumendem Wasser die Sonnenstrahlen sich brachen und in tausend Facetten zurückgeworfen wurden. Uns war es, als sei der Frühling schon gekommen! Wir trafen keinen Menschen. Unsere Diener mit den Lastpferden waren weit zurück, und wir hatten von ihnen seit dem frühen Morgen, als wir vom Robat aufbrachen, nichts mehr gesehen und gehört. Gegen ein Uhr sahen wir plötzlich einen Wagen kommen; er war uns vom Gouverneur von Bamian entgegengeschickt worden. Auch hatte der Gouverneur gleich zwei Diener mitgesandt, die sich unserer Pferde annahmen.
Die Fahrt durch das Bamiantal war herrlich! Es war ein wundervoller, mir stets in schönster Erinnerung bleibender Januarnachmittag. Der Himmel war vom reinsten Blau, und Wolken, weiß wie der Schnee der Berge, zogen wie große Segelschiffe durch das blaue Luftmeer.
Auf der jenseitigen Talseite, im Süden, erhoben sich die Schneezinnen der Kuh-i-Baba-Kette, deren höchste Spitzen bis in die Wolkenschleier ragten. Still war es; man hörte nur das Rauschen des kleinen Flusses, der mit den großen Felsblöcken zu spielen schien und dessen kristallklares Wasser von Stein zu Stein sprang. Lustig rollte unser Wagen auf der hart gefrorenen Straße dahin, und immer neue Bilder zogen an uns vorüber.
Auf dunkelroten Sandsteinfelsen erheben sich die Ruinen der Zohak-Burg, von der schon der persische Dichter Firdusi (10. Jahrh. n. Chr.) gesungen hat, die auch schon in der Zend Avesta erwähnt wird, und an den Bergwänden fielen uns jene Höhlenwohnungen auf, die für das Bamianer Tal charakteristisch sind ([Abb. 44]). Leider wurde der Wind wieder heftiger, eiskalt blies er aus Nordwesten und ließ uns fast im Wagen erstarren. Wir gingen daher streckenweise zu Fuß, um uns warm zu halten. Gegen fünf Uhr erreichten wir unser Ziel. Die Strahlen der sinkenden Sonne beleuchteten gerade die hohe Felswand, aus der vor etwa ca. 1500 bis 1800 Jahren wahrscheinlich indische Künstler die gewaltigen, bis über 50 Meter hohen Buddhastatuen ausmeißelten, die noch heute zu den größten Sehenswürdigkeiten Afghanistans zählen ([Abb. 45]).
Wir wurden vom Gouverneur, dessen Haus auf einem kleinen Plateau oberhalb des Tales gelegen war, aufs liebenswürdigste empfangen und erhielten ein kleines Zimmer angewiesen, in dem wir es uns bald gemütlich einrichteten. Unter dem Zimmer befand sich der Backofen, der gleich das Zimmer heizte, was wir sehr angenehm empfanden, da wir, wenn wir nicht auf unseren Feldbetten lagen, auf dem Boden saßen. Zuerst tischte man uns Tee auf, den wir mit großem Hochgenusse tranken. Je mehr man sich an den Genuß des Tees gewöhnt, um so besser schmeckt er, und in Kabul haben wir fast zu jeder Tageszeit Tee getrunken.