Die Abende werden mir stets unvergeßlich bleiben. Dann saßen wir in Korbsesseln im Freien auf dem grünen Rasen unter den hohen Bäumen, tranken unseren eisgekühlten Whisky Soda und träumten vor uns hin. Die unendliche Ruhe und Stille um uns, der Zauber der Tropennacht hielten uns umfangen. Man hörte nur das gleichmäßige Surren der Maschinen des nahen Elektrizitätswerkes oder von ferne her die Klänge eines Grammophons.
Eines Sonntag abends gingen wir zum Gottesdienst und Konzert in die englische Kirche. Es war sehr feierlich, und selten haben Schuberts »Unvollendete« und Beethovens »Leonorenouvertüre« auf mich einen solch tiefen Eindruck gemacht wie dort in Peshawar.
Aber die schöne Zeit ging auch zu Ende. Die wichtigsten Warensendungen waren nach Kabul auf den Weg gebracht und neue Arbeit erwartete uns dort.
XIV
SOMMERTAGE IN KABUL
Schon im März hatte der Frühling in Kabul seinen Einzug gehalten; plötzlich, über Nacht. Die Wolken wurden in Schleier und Fetzen zerrissen und mußten dem strahlend blauen Himmel weichen; und wo die Sonnenstrahlen über den Boden liefen, da schmolz der Schnee in kurzer Zeit. Ein paar Tage waren die Straßen in Schlamm verwandelt ([Abb. 33]). In den Basargassen hatten sich Schlammseen gebildet, die man nur auf hineingeworfenen großen Steinen passieren konnte. Überall glitt man auf dem weichen, schlüpfrigen Boden aus, und über und über mit Schlamm bespritzt kam man abends nach Hause. Aber dieses Tauwetter mit seinem Schmutz, während dessen sich auch unsere Wohnung vor Feuchtigkeit aufzulösen drohte, ging vorüber, und der Frühling war da. Das erste zarte Grün kam hervor, und bald prangte das Land im schönsten Schmuck des Frühlings, der seine Blumenpracht über das Land streute. Wo noch vor 14 Tagen Schnee gelegen hatte, blühten jetzt die Rosen. Oft bewunderte ich die großen Rosenbüsche, die vor dem Eingang zur Ark standen. Hunderte weißer Blüten leuchteten aus dem Grün hervor, und ein unendlich süßer, betäubender Duft schlug einem entgegen. Auf den umliegenden hohen Bergketten aber lag der Schnee noch lange und auf den 5000 Meter hohen Spitzen der Paghmankette verschwand er erst im Herbst.
Noch bevor ich im März nach Peshawar ging, waren wir wieder einmal umgezogen. Unser Hausherr ließ nämlich nichts mehr an dem Hause machen; wir lagen ständig in Streit mit ihm, und da riß uns denn doch schließlich die Geduld. An einem Sonntage zogen wir wieder mit unserem Gepäck in das neue Quartier, dem Konkurrenzhotel »Enderabi«, das von den Deutschen ironisch »Hotel Esplanade« getauft wurde ([Abb. 41]). Wir blieben dort bis Juli wohnen. Mit Blaich hatte ich ein kleines Zimmer, viel zu eng für all unsere vielen Sachen. Matt fiel das Licht durch die kleinen roten, blauen und orangefarbenen Fensterscheiben; arbeiten konnte man bei der Beleuchtung kaum. Am schönsten war unser Empfangszimmer, unser »Salon«! der war groß, hatte viele Fenster, war tapeziert und hatte einen großen Kronleuchter.
Als ich im Juni von Peshawar zurückkam, waren noch weitere Herren unserer Gesellschaft eingetroffen. Wir waren nun sieben Personen und hatten noch weitere Zimmer im Hotel gemietet.
Das Sommerwetter war herrlich. Tag für Tag blauer Himmel und Sonnenschein. Wenn ich jetzt meine meteorologischen Aufzeichnungen durchsehe, finde ich, daß wir von Anfang Juni bis Anfang Oktober 105 Sonnentage hatten, an denen auch nicht eine Wolke am Himmel sich zeigte.
Wir hatten vom Dach unseres Hotels einen herrlichen Blick auf die Berge. Vor uns erhob sich der von der Bala Hissar und alten Befestigungen gekrönte Scher Derwaseberg. An einem schönen Sommertage habe ich ihn einmal bestiegen. Früh schon brach ich mit unserem neuengagierten Diener, dem Wasir, auf und bestieg den Bergrücken von der Südseite aus. Prächtig muß einmal das Bild gewesen sein, als die Befestigungen noch nicht geschleift waren, und Emir Abdur Rahman hier seine Residenz aufgeschlagen hatte. Jetzt liegt alles in Trümmern, und der Schutt der Ruinen vermengt sich mit den verwitterten Gneis- und Schieferbrocken, die den Berg überziehen.
Auf einem großen Felsblock ließ ich mich nieder und ließ den Blick über das Land schweifen. Wie auf einer ausgebreiteten Landkarte sah ich das blaue Band des Flusses und die Stadt tief unter mir. Es war zuerst nicht ganz leicht, sich in dem Meer von Häusern und platten Dächern zurecht zu finden. Bald aber erkannte ich die Post, das Hotel Enderabi und das Gebäude des Auswärtigen Amtes, sowie die Ark; nun ging ich ganz systematisch vor, folgte den einzelnen Straßen und Häuserblöcken und langsam löste sich das verwirrende Bild. Es war neun Uhr, und schon war die Kraft der Sonne sehr groß. Ich zeichnete ein Panorama von den umliegenden Bergen, die in allen Farben schimmerten. Imposant war das Bild der Paghmankette, die mit ihren weißen Kuppen sich scharf vom hellblauen Himmel abhob. Lange blieb ich noch oben und konnte mich nur schwer von meinem schönen Aussichtspunkte trennen. Gegenüber von unserem Berge, von ihm durch das tief eingeschnittene Tal des Kabulflusses getrennt, erhob sich der Kuh-i-Asmai. Auf diesem war ich einmal an einem trüben Wintertage gewesen. Tief eingeschneit lagen damals die Berge und das Tal, und graue Nebel hingen über der Ebene. Der Kuh-i-Asmai ist niedriger als der Scher Derwaseberg; trotzdem hat man aber auch von ihm einen schönen Ausblick.