Gegen elf Uhr wurde die Hitze unerträglich, und nachdem ich noch einige Gesteinsproben gesammelt hatte, begaben wir uns wieder nach Hause.
Arbeitsreiche Wochen folgten. Auf dem Zollamte lagen Hunderte von großen Kisten, die alle der Verzollung harrten. Geduld muß man im Orient bekanntlich überall haben, noch mehr als Geduld aber beim Verzollen. Meistenteils gingen wir nach dem Essen nach dem Zollamt, das ziemlich versteckt mitten in der Stadt lag. Ein großes Tor, ein Innenhof voller Ballen, Kisten, Menschen, Kamelen, Eseln, Pferden, Autos und Ochsen, ein Geschrei und Geschimpf, ein Gedränge, daß man sich kaum zu retten wußte! Ständig schwirrte der Ruf: »Chaberdar, chaberdar! Vorsicht, Vorsicht!« durch die stauberfüllte Luft ([Abb. 60]).
Oft stauten sich die Karawanen am Ausgang; dann ging es furchtbar her. Dann gab es Schläge und Schreie, ein Drängen und Stoßen, ein Kämpfen der Tiere untereinander. Mancher Huftritt wurde ausgeteilt, und oft hörte man das klägliche Heulen eines Hundes, der sich in das Zollamt verirrt und mit Steinwürfen und Fußtritten wieder hinausbefördert wurde.
Für unsere Ladung war im Hofe ein eigener Raum reserviert worden. Wenn verzollt wurde, war stets der Mudir, der Direktor des Zollamtes zugegen. Er war ein sehr freundlicher Herr und besaß eine fabelhafte Ruhe, wie es sich für einen Zolldirektor gehört. Die Verzollung ging derart vor sich, daß der Wert der Waren von eigens dazu angestellten Schätzern geschätzt und von diesem Werte dann der Zoll, je nach Art der Ware, 20 bis 200 Prozent genommen wurde.
Nun hatten wir in unserer Ladung natürlich sehr viele Sachen, die den Afghanen noch ganz unbekannt waren. Die wurden manchmal unnatürlich hoch eingeschätzt, und es mußte schwer gehandelt werden, bis die Afghanen endlich den Wert annahmen, den wir für richtig hielten. Viel Spaß hatten wir eines Nachmittags, als wir eine Kiste mit Spielwaren verzollten. Jedes einzelne Stück wurde angestaunt, und der Direktor selbst spielte den ganzen Nachmittag mit einem Affen, der die Trommel schlug! Riesengroß war die Freude und das Staunen, als wir ein kleines Automobil, das mit Federwerk versehen war, aufzogen und auf dem Boden laufen ließen. Großen Eindruck machte auch das Aluminiumgeschirr, das bisher in Kabul noch unbekannt gewesen war. Hatten wir die Kisten verzollt, so engagierten wir uns eine Anzahl Lastträger. Jeder schnürte sich eine der schweren Kisten auf den Rücken, und dann ging es im Gänsemarsch unserem Lagerraum zu.
Manchmal war das Arbeiten im Zollamt kein Vergnügen. Wenn man auch nach Möglichkeit versuchte, uns das Arbeiten in jeder Weise zu erleichtern, so konnte man doch nicht verhindern, daß auch andere Händler und Kaufleute ihre Waren in der Nähe der unsrigen aufstapelten. Besonders unangenehm war es, wenn dort 50 bis 100 mit Hammelfett gefüllte Ledersäcke lagen. In der großen Hitze – stieg doch das Thermometer häufig mittags im Schatten auf 35 bis 40 Grad – war das Fett natürlich ranzig geworden, drang durch die Nähte der Säcke, lief an ihnen herunter, daß sie glänzten, als ob sie poliert seien und verbreitete dazu einen ekelerregenden Geruch.
Sehr interessant gestaltete sich die Verzollung von Bier und Spirituosen. Auch dies war für die Afghanen natürlich etwas ganz Neues, da diese Getränke für die Mohammedaner verboten sind. Jeder von uns erhielt einen Schein, auf dem vermerkt war, wieviel Bier, Whisky usw. er im Jahre verbrauchen durfte. Kam dann eine Sendung an, so wurde die Anzahl Flaschen, die der betreffende haben wollte, von seinem Kontingent abgeschrieben. Auch waren wir verpflichtet, genau Buch darüber zu führen, an wen wir die Spirituosen verkauft hatten. Daß wir an Afghanen kein Bier verkaufen durften, versteht sich von selbst.
Bei jedem einzelnen Gegenstand, den wir verzollten und der den Afghanen unbekannt war, mußten wir ihnen erklären, wozu er diente. Zollfrei war gar nichts – mit Ausnahme von gebrauchter Wäsche. Bücher, selbst Bilder von unseren Angehörigen mußten verzollt werden! Sicher ist der Zoll eine der Haupteinnahmequellen des Landes.
War die Tagesarbeit getan, dann machten wir meistenteils noch einen Spaziergang, besuchten Bekannte und waren um acht Uhr zum Essen daheim. Auf dem Dache war es immer recht frisch. Dann saßen wir beim Scheine der Stallaternen, plauderten oder lasen. Später löschten wir auch wohl die Lampen aus und blieben beim Glanz der Sterne und des Mondes noch lange auf unserem Dach. Auch die Diener gingen meist spät schlafen. Lange noch sah man den roten Lichtschein aus der Küche in den Hof fallen. Meist saßen sie um das Feuer, plauderten, rauchten Wasserpfeife, oder Gulam – unser indischer Koch – las ihnen etwas vor, denn er war sehr gelehrt und war weit in Asien herumgekommen.
In der heißen Jahreszeit schliefen die Diener immer im Hof. Nachts sank die Temperatur auf 25 bis 28 Grad Celsius, tagsüber erreichte sie im Schatten 38 bis 40 Grad Celsius. Um elf Uhr jeden Abend wurde ein Kanonenschuß abgegeben. Nach dieser Zeit durfte keiner mehr ohne Laterne ausgehen. Wurde man ohne Laterne von einem roten Polizisten erwischt, so mußte man die Nacht auf der Wache zubringen und am anderen Morgen Rechenschaft ablegen, was man so spät noch auf der Straße getrieben hatte.