Wir schliefen bei offenen Fenstern und Türen. Oft wachte man nachts auf; dann hatte sich eine Katze oder ein anderer nächtlicher Ruhestörer ins Zimmer geschlichen. Manchmal fand man morgens die Küchenreste auf den Teppich verstreut, meistens schön abgenagte, weiße Knochen! Daß die Tiere sich als Nachtlokal immer gerade mein Zimmer aussuchten und meinen Teppich immer als Speisetisch nahmen, fand ich ungehörig! Wenn sie sich dabei leise und anständig benommen hätten, hätte ich auch noch ein Auge zugedrückt! Aber sie legten es doch manchmal darauf an, die Nachtruhe zu stören. Von meinem Feldbett aus warf ich dann wohl einen Stiefel, oder was sonst gerade zur Hand war, ins Zimmer. Dann war es einige Minuten still. Schließlich gab man dann doch den Kampf als aussichtslos auf, legte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein.

Im Hofe war auch das Hühnervolk untergebracht, unser lebender Proviant, der jede Woche frisch ergänzt wurde. Stets kaufte Gulam auch einige Hähne und ausgerechnet solche, die eine sehr laute Stimme hatten. Der eine war Tenor, der stets nachts übte; schon um drei Uhr begann er zu krähen, laut und vernehmlich! Dann antwortete von ferne ein anderer Hahn und sofort begann er wieder unermüdlich Minute auf Minute. An Schlaf war dann nicht mehr zu denken.

Eines Nachts, als er gerade wieder seine Stimme erschallen ließ und schon um zwei Uhr begann, riß Wagner denn doch die Geduld. Ich sah, wie er in seinem Zimmer Licht anzündete und mit einem kräftigen Fluch – tschirakäsch, pedersäk – so etwa wie Hundesohn – in den dunklen Hof stürzte. Darauf hörte ich einen festen Gegenstand gegen die Wand aufschlagen; es war entweder sein Stiefel oder ein Stein! Gulam wurde geweckt, und nun begann die nächtliche Hahnenjagd. Die Aufregung war allgemein. Sämtliche Diener nahmen an der Jagd teil. Endlich war der Übeltäter erwischt und wurde in die Küche gesperrt, wo er am folgenden Tage sein Leben beschließen mußte. Wir aber krochen wieder auf unsere Feldbetten, bis uns um fünf Uhr das jämmerliche Geschrei des Esels weckte, der im Nachbarhofe unter einem großen Baume angebunden war …

XV
UNRUHIGE ZEITEN

Schon im Frühling, bevor ich nach Indien ging, liefen durch Kabul Gerüchte von einem Aufstand der Mangals, die im Khostgebiet nahe der indischen Grenze wohnen (s. Karte). Bestimmtes war aber nicht zu erfahren.

Als ich in Peshawar war, las ich in den Zeitungen oft Berichte über die Lage in Afghanistan, vermochte aber nicht, mir ein klares Bild zu machen. Inder und Afghanen, mit denen ich zu tun hatte, erzählten mir die größten Schauermären, unter anderem, daß in Kabul Revolution ausgebrochen sei. Gerade in jenen Tagen erhielt ich eines Abends auch ein Telegramm, durch das mir mitgeteilt wurde, vorerst keine weiteren Karawanen nach Kabul zu schicken, da Gefahr im Anzuge sei. Da ich gerade eine Karawane startbereit hatte, mußte ich alles wieder abladen und einlagern lassen. Bange Tage und Wochen folgten; nie aber konnte man etwas Bestimmtes erfahren. Alles waren Gerüchte, die beim genaueren Zuschauen sich als unwahr oder übertrieben erwiesen. Trotzdem mußte irgend etwas vor sich gehen.

Einmal hieß es, die Ghilsai-Stämme hätten sich den Aufständischen angeschlossen, das andere Mal, die Wasiris wären dem Emir zu Hilfe gekommen. Beides war nicht wahr. Eines nur hörte man immer wieder: Es sei ein Gegenemir aufgestellt, ein gewisser Abdul Kerim, der in dem Gebiet, das sich zwischen Ghasni und der indischen Grenze ausdehnt, die Stämme zum Kampf gegen den Emir Amannullah Khan aufgerufen habe. Daß irgend etwas nicht in Ordnung war, wurde uns dadurch bewiesen, daß die Post immer sehr lange unterwegs war, und daß der Telegraph häufig mehrere Tage nicht funktionierte.

Als ich aber Anfang Juni wieder nach Kabul zurückkehrte, hatten sich die Wogen gelegt, und es hieß, daß der Krieg vorbei sei. Die Soldaten kamen zurück, wurden mit Blumen geschmückt, und jeder erhielt vom Emir ein kleines Geldgeschenk und ein seidenes buntes Tuch. Im Basar war das Gedränge noch einmal so groß; überall standen Gruppen um Soldaten herum und wollten hören, wie es im großen Krieg, im »Jenk«, gewesen war. Und die Soldaten erzählten die größten Romane.

Als ich eines Abends nach Hause kam und gerade die Treppe hinaufgehen wollte, sah ich auf einem der Dienerbetten einen Soldaten sitzen. Da die Diener häufig Freunde und Bekannte einluden, ging ich achtlos vorbei. Da rief er mich plötzlich an: »Doktor Sahib«, ich drehte mich um – es war Abdul Sebur. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt, so mager und elend sah er aus. Er freute sich wie ein kleines Kind, daß er wieder zurück war und Aussicht hatte, bald wieder in unsere Dienste treten zu können. Mehr und mehr Truppen kamen zurück, und es sah ganz danach aus, als ob wirklich der Friede wiederhergestellt sei.

Aber Ende Juli begannen neue Unruhen; diesmal schien es ernster zu werden. Am 3. August fuhren wieder 20 große Lastautos mit Soldaten, Gewehren und Munition an die Front. Im Basar ging das Gerücht, die Aufständischen seien nur noch einen halben Tagesmarsch von Kabul entfernt. Am 4. August wurde erzählt, daß die in Darulaman wohnenden Europäer sich in die Stadt zurückziehen wollten. Viele Italiener hatten ihre Pässe eingefordert und reisten ab. Auf der Gesandtschaft wurden Beratungen gepflogen, welche Schutzmaßnahmen zu ergreifen seien, damit die Kolonie im Ernstfalle nicht ganz ratlos und schutzlos sei. Vorerst wollten wir alle in unseren Wohnungen bleiben, packten aber unsere entbehrlichen Sachen zusammen und verstauten alles in einem großen Hause, in dem sich der größte Teil der deutschen Kolonie im Notfalle verschanzen sollte.