Am 6. August steigerte sich die Unruhe. Gerüchte schwirrten wieder durch die Stadt von dem bevorstehenden Überfall auf Kabul. Am Abend saßen wir gerade beim Essen auf dem Dach unseres Hauses, als der Hauswirt kam und uns flehentlich bat, ihm Benzin zu geben. Er bot einen außerordentlich hohen Preis; aber wir mußten unser Benzin für den schlimmsten Fall selbst behalten. Sämtliche Gefährte in Kabul – auch Autos – waren von der Regierung requiriert worden, nur den Europäern hatte man ihre Wagen gelassen. Am Tage vorher hatte Gulam erzählt, daß auch die Straße nach Dschelalabad unsicher sei; ein Freund von ihm, der nach Peshawar wollte, sei wieder zurückgekehrt, da die Karawanen in der Gegend von Dschelalabad geplündert würden.
Wir fragten uns oft, was wohl mit den Europäern geschähe, wenn die Stadt genommen würde und eine neue Regierung käme. Die Ansichten waren sehr geteilt; die einen waren sehr pessimistisch, und ahnten das Schlimmste. Andere sahen ruhig in die Zukunft. Da sich die Bewegung der Aufständischen jedoch indirekt gegen die Europäer wandte, glaubte ich eher, daß die erste Ansicht die zutreffendere war.
Es ist eine große Frage, ob man jemals wird feststellen können, was die Ursachen des Aufstandes gewesen sind. Zweifellos spielten innenpolitische Motive eine sehr wichtige Rolle, wenn man auch nicht ganz den Gedanken unterdrücken kann, daß Rußland die Hand im Spiel hatte. Rußland unterhält in Kabul eine große Gesandtschaft und arbeitet gegen England. Es intrigiert, wo es kann, und arbeitet mit einer riesigen Propaganda, um außer vielen anderen Englands Herrschaft in Asien zu stürzen, das Chaos zu schaffen und einen gewaltigen asiatischen Block zu schaffen, in dem es die führende Stellung einnimmt. Auf diese Weise versucht es, seine Ideen zu verbreiten, der Weltrevolution den Weg zu ebnen. Es hat Europa vorerst fallen lassen; dafür aber seine Tätigkeit in Asien in verstärktem Maße aufgenommen. Bei den europäischen Völkern haben die Russen wenig Gegenliebe für ihre Ideen gefunden, daher versuchen sie jetzt zunächst die asiatischen Völker zu gewinnen.
Afghanistan ist für Rußland das Sprungbrett nach Indien. Das Volk war über die vielen Neuerungen des Königs mißmutig. Die Steuern waren hoch. Das Volk murrte, und die Gelegenheit, einen Aufstand zu unterstützen, war für Rußland günstig. Als im Sommer das afghanische Parlament zusammentrat, mußte der Emir verschiedene Konzessionen machen. Unter anderem wurde er gezwungen, die Mädchenschulen im Lande aufzuheben!
Anfang August spielten sich die Kämpfe zwischen Hisarek und Gärdes ab, wo eine Abteilung Regierungstruppen eingeschlossen worden war. Von allen Teilen des Landes wurden nun Truppen herbeigezogen, und in den August-Septembertagen 1924 bot Kabul ein buntes Bild. Als die ersten Truppen ankamen, glaubten wir schon, es seien die Aufständischen. Ich arbeitete nachmittags gerade in meinem Zimmer, als ich in der Ferne ein tausendstimmiges Rufen und Schreien vernahm. Ich eilte hinaus und fragte die Diener, was es bedeute. Diese wußten aber auch nichts Bestimmtes zu sagen; Jakub nur sagte: »Ich werde gehen und sehen, was los ist.« Nach einer Weile kam er wieder und sagte, daß es Hilfstruppen der Mohmands seien, die den Emir unterstützen wollten. Da waren wir wieder beruhigt.
Tags darauf wurde gemeldet, daß der Emir sich mit der Bitte um Überlassung von Flugzeugen an die Engländer gewandt habe.
In der Nacht vom 8. zum 9. wurden wir durch lebhaftes Gewehrfeuer geweckt, das ganz in der Nähe war. Wir stiegen auf das Dach unseres Hauses und blickten aus unseren kleinen Ecktürmchen. Es war sehr dunkel, aber wir konnten doch, nachdem unser Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, die Umrisse der Häuser erkennen. In einem Hause am Fuße des Scher Dervase-Berges brannte noch Licht. Wir hörten vereinzelte laute Rufe und dann wieder eine Reihe von Schüssen, die aus verschiedenen Richtungen kamen. Einige wurden direkt gegenüber von unserem Hause abgegeben, ungefähr in der Richtung, wo die Brücke über den Fluß führt. Nach einer Stunde wurde es still, und wir legten uns wieder schlafen. Am Morgen hörten wir, daß es eine Räuberbande gewesen war, von der man einige der Burschen erwischt hatte.
Mitte August verschlechterte sich die Lage. Das Jeschm – das Unabhängigkeitsfest –, das in jedem Sommer gefeiert wird, fiel aus; und die Regierung sowohl wie der Emir waren aus Paghman plötzlich zurückgekehrt.
Am 20. August wurde ein großer Sieg der Regierungstruppen gemeldet. Es wurde erzählt, daß die Köpfe der 15 erschlagenen Mangals durch die Straßen getragen werden sollten. Aber nichts dergleichen geschah. Eine Kompanie Regierungstruppen wurde bei Ghasni abgefangen und vollständig ausgeplündert.
Am 22. August, einem herrlichen Sommermorgen, trafen die beiden englischen Flugzeuge ein, die in ca. vier Stunden von Peshawar nach Kabul geflogen waren. Die Flugzeuge wurden den englischen Offizieren abgenommen, und in den folgenden Tagen schon flog der in afghanischen Diensten stehende deutsche Flieger Dr. Weiß an die Front, um zu rekognoszieren. Er bekam aber – trotzdem er das von den Mangals besetzte Gebiet überflog – nichts von feindlichen Truppen zu sehen. Er flog mehrmals in das Aufstandsgebiet und sollte eine Landung in Gärdes versuchen, wo die eingeschlossenen Regierungstruppen saßen. Er warf vorher ein Bündel Briefe über diesem Dorfe ab, um die Truppen zu informieren, einen geeigneten Landungsplatz ausfindig zu machen und durch Feuer zu markieren. Dann flog er wieder hin. Als er am ersten Tage nicht zurückkam, dachten wir uns nichts dabei; als aber zwei, drei Tage, ja eine ganze Woche verstrichen war, ohne daß wir ein Lebenszeichen von ihm hörten, machten wir uns doch Sorge um ihn.