Nachmittags fahren wir durch Raisina (Neu-Delhi) nach Delhi zurück, und abends unternehme ich noch eine kleine Spazierfahrt durch den Kudziapark. Die Luft ist herrlich, und man atmet tief; wir kommen an einem kleinen See vorbei, der von Palmenwald eingefaßt ist. Wie schwarze Silhouetten heben sich die Bäume vom goldgelben Abendhimmel ab.

Am anderen Tage besuche ich das Fort. Ich hatte schon bei meinem Besuche der großen Moschee Gelegenheit gehabt, seine gewaltigen, roten Sandsteinmauern zu bewundern. Hat man im Innern das reich ornamentierte Tor, das beim Empfang von Gästen als Musikhalle diente, passiert, so öffnet sich einem ein großer, mit prächtigem Rasen bedeckter Innenhof, in dem sich die weißen Marmorprachtbauten Schah Jehans erheben. Der Diwan-i-Khas, die private Audienzhalle, ist vielleicht das schönste Gebäude, das ich je gesehen habe. Es ist unglaublich, was hier aus dem weißen Marmor herausgearbeitet ist! Schneeweiße Säulen, mit zierlichsten Blumenmustern aus Halbedelsteinen, die in den Marmor eingelegt sind, heben sich von dem tiefen Grün der Rasenflächen und dem roten Boden der Wege ab. Durch die Marmorgitter scheint die Sonne in die weiße Halle, und ihre Strahlen spielen auf den blanken Steinplatten. Hier in dieser Halle war es, wo 1738 Nadir Schah und Bahadur, König von Indien, am Vorabend des großen Massakers zusammensaßen, die Wasserpfeife rauchten und aus kleinen Täßchen Mokka tranken. Am folgenden Tage, um die gleiche Zeit, waren mehr als 80 000 Inder von den Persern ermordet. Die Annalen erzählen uns, daß Bahadur mit Tränen im Auge vor dem Perserkönig niederfiel und für sein unglückliches Volk Gnade erflehte. Hier war es auch, wo die Großmoguln ihre Feste abhielten. Dann wurde der Marmorboden mit kostbaren Seidenteppichen ausgelegt und im Hofe ein Prachtzelt errichtet. Der Glanz und die Pracht müssen zu jener Zeit unbeschreiblich gewesen sein. Und hier wurden die Nachkommen des großen Akbar 1788 gefoltert und der greise Kaiser von Gulam Kadir, geblendet. Im Garten, etwas versteckt zwischen Grün, liegt wie ein verborgenes Kleinod die Perlenmoschee, ganz aus weißem und grauem Marmor, mit drei vergoldeten Kuppeln. Sie wurde 1659 von Aurengseb erbaut. Am Abend spät sage ich Delhi Lebewohl und fahre weiter nach Jaipur.

b) Jaipur

In einer schwülen Tropensommernacht, deren schwerer, süßer Blütenduft mich fast zu ersticken drohte, traf ich in Jaipur ein. Das Mondlicht lag silbern auf der von großen Kandelaberkakteen eingefaßten Straße, als mich eine alte Kutsche nach dem von Indern geleiteten Kaisar-i-Hind-Hotel brachte.

Als ich nach kurzem Schlaf erwache, liegt flutendes Sonnenlicht über dem Land, und ein tiefblauer Himmel spannt sich über der rosenroten Stadt. Die großen, breiten Straßen sind von Kandelaberkakteen eingefaßt, an denen leuchtend gelbe Blüten hängen. Kamelreiter traben vorbei, heilige Zebus liegen auf den Trottoirs und lassen sich von der Sonne bescheinen, Ziegen turnen auf den Wellblechdächern umher, und Männer, Frauen und Kinder in buntesten Trachten geben dem Bilde ein märchenhaftes Gepräge.

Wir besuchen einen Hindutempel. Im Hofe, unter einem Baldachin, steht eine große Bronzestatue, Schiwas Reitstier Nandi darstellend. Priester in weißen Gewändern gehen still umher, besprengen die Götterbilder mit heiligem Wasser und bewerfen sie mit Reis. Unter einem großen Mangobaume steht die Figur des Affengottes Hanuman, dem einige Kränze gelber Ringelblumen umgehängt sind. Verträumt liegt in der einen Ecke ein Brunnen. Ein kleines Mädchen schöpft hier Wasser; als ich vorgehe, da sieht sie mich und blickt mich erschrocken aus ihren großen, dunklen Augen an. Sie weiß nicht recht, ob sie bleiben oder fortlaufen soll. Ich war – außer den vier bis fünf stationierten englischen Beamten – der einzige Europäer in der Stadt und fiel deshalb überall sehr auf.

Alle Häuser Jaipurs sind rosa getüncht; viele sind noch mit Bildern aus der Hindu-Mythologie bunt bemalt. Imposant wirkt der von Jai Singh II. erbaute »Palast der Winde«, mit mehr als 50 Erkern an Stelle der Fenster ([Abb. 66]). In den offenen Erdgeschossen befinden sich die Verkaufsstände, in den oberen Stockwerken die Wohnräume. Immer märchenhafter wird das Bild! Hunderte von Tauben flattern auf den großen Plätzen umher, wo sie gefüttert werden; Zebus, mit blauen Glasperlenketten behangen, stehen regungslos umher, als ob sie träumten. Grüne Papageien fliegen krächzend über die Straßen, und Affen turnen auf den Gesimsen der Häuser umher.

Durch enge Winkelgassen gehen wir zum Goldschmied, der die berühmten emaillierten Jaipur-Goldwaren herstellt. Wir sitzen auf einer Veranda; er holt ein kleines Tischchen, legt eine schwarze Decke darauf und läßt eine verschlossene Kiste bringen. Er öffnet sie behutsam und breitet seine goldenen Schätze vor mir aus. Er spricht kein Wort; nur, wenn er ein neues Stück herausnimmt, blickt er mich groß fragend an, als ob er sagen wollte: Sahib, ist das nicht herrlich, und kannst du es übers Herz bringen, fortzugehen, ohne wenigstens ein schönes Stück mitzunehmen? Goldene Tassen und Schüsseln, Kästchen und Etuis, alle mit Emaille fein verziert, unter denen das tiefe Jaipurrot besonders hervorsticht, schimmern vor meinen Augen. Ich kaufe ihm einen Ring ab. Er holt ein großes Buch hervor, und ich muß ihm darauf bescheinigen, daß sein Laden die herrlichsten Schätze enthält, die ich je gesehen habe. Als ich ins Hotel zurückkehrte, warteten hier wieder ein paar Händler auf mich, die Edelsteine, Elfenbeinschnitzereien und Miniaturen anboten. Ich tat, als sähe ich sie nicht; aber sie gaben keine Ruhe. »Only look, Sir, do not buy!« »Nur anschauen, Herr, nicht kaufen!« Diese Worte dringen in Indien ständig an unser Ohr.

66. Palast der Winde, Jaipur