Lange noch wandern wir in den Ruinen umher, aber es wird zu heiß, wenn mir auch der Abschied von der toten Stadt schwerfällt. Nun wird sie weiter am Fuße der weißen Burg träumen, und die Blumen werden weiter und weiter ranken und ihre Mauern und Türme überdecken. Ob ich Amber wohl je wiedersehen werde?

c) Agra

Nachts war an Schlaf nicht viel zu denken, denn der Wagen rüttelte und schüttelte. Im Himalajagebiet waren große Regenfluten herniedergegangen; die Flüsse waren angeschwollen, und stundenlang fuhren wir durch überschwemmte Gebiete. Weite Wasserflächen dehnten sich überall aus, und Kraniche und andere Wasservögel tummelten sich hier herum. Bäume, Sträucher, Hecken und Häuser standen im Wasser – ein trostloser Anblick.

Gegen neun Uhr trafen wir in Agra ein. Wider meinen Willen war der erste Weg nach dem Tadsch-Mahal. Ich hatte so viel über dieses Grabmal gelesen, so viele Photographien gesehen, daß meine Erwartungen aufs höchste gespannt waren. Ich fürchtete, enttäuscht zu werden, und mit einem ängstlichen Gefühle näherte ich mich dem weißen Marmorbau ([Abb. 63]).

In den Anlagen, durch die wir fuhren, war es sehr still; keine Europäer störten die Ruhe und die feierliche Stimmung. Ich weiß nicht, wie ich die Gefühle in Worten wiedergeben soll, die mich beim ersten Anblick des Tadsch überkamen. Stumm steht man vor der weißen Marmorpracht und schaut und schaut, und kann es gar nicht fassen, daß dies alles Wirklichkeit ist. Man möchte den weißen Marmor betasten, um sich zu vergewissern, daß es kein Trugbild, kein Traum ist. Und langsam steigt man die Stufen hinan; wagt kaum aufzutreten. Leise schreitet man in den großen Kuppelraum, wo in einem von durchbrochenen Marmorgittern eingefaßten Schreine die Sarkophage Schah Jehans und seiner Gattin stehen. Schweigend steht man vor diesen beiden Särgen, in denen das Herrscherpaar ruht, das Indien die schönsten Bauwerke schenkte. Und wenn man die Geschichte der schönen Kaiserin – der Mumtaz-i-Mahal – kennt, wenn man ihr Bild auf vielen alten Miniaturen zu sehen Gelegenheit gehabt hat, dann sagt einem der weiße Marmor noch soviel mehr. Wie muß der Kaiser diese Frau geliebt haben, daß er ihr ein solches Grabmal setzte! Der ganze Tadsch-Mahal ist ein Symbol der Liebe und Reinheit. Mehr als 20 000 Arbeiter sollen 18 Jahre lang an diesem Bau gearbeitet haben, der noch heute genau so in seiner weißen Pracht erstrahlt wie vor 300 Jahren. Auf den geschnitzten Marmorsärgen liegen frische Oleanderblüten und Lorbeerblätter, und die alten, weißbärtigen Inder, die hier Wache halten, überreichen einem beim Abschied eine rote Blüte. Eine unendliche Wehmut packt den Menschen hier; eine Wehmut, die man nicht in Worten ausdrücken kann.

Nachmittags besuche ich das Fort. Und wiederum ist hier das Schönste vielleicht der Blick auf den Tadsch, der sich in den Fluten des Flusses spiegelt. Herrliche Marmorhallen mit kostbarer »Pietra-dura«-Arbeit und weiß wie Schnee schmücken den dunkelroten Unterbau. Auf einem Altan wird noch der Platz gezeigt, wo der König und die Königin mit lebenden Figuren einst Schach spielten, und man sieht von der Terrasse aus in den Hof, in dem bei festlichen Gelegenheiten die großen Elefantenkämpfe abgehalten wurden. Man geht von Marmorsaal zu Marmorsaal, sieht die Räume, in denen einst eine unbeschreibliche Pracht waltete und manches Fest gefeiert wurde, wo aber auch Trauer und Leiden einzogen. Reizend ist der achteckige Jasminpavillon, ebenfalls ganz aus weißem Marmor mit Edelsteinen eingelegt. Dieser wurde von dem Großmogul Jehangir seiner Lieblingsfrau, der schönen Nur-Mahal geweiht.

In diesem Fort wurde Kaiser Schah-Jehan von seinem Sohne Aurengseb gefangengesetzt. Sieben Jahre schmachtete er hier mit seiner schönen Lieblingstochter Jehanara Begam, die ihren Vater nicht verlassen wollte. Eines Tages äußerte er den Wunsch, noch einmal das Grabmal seiner Gattin – den Tadsch-Mahal – sehen zu dürfen. Die Bitte wurde ihm gewährt. An einem Januartage des Jahres 1666, begleitet von seiner Tochter, stieg er die Marmortreppe hinan, die zum Jasminturm führt. Noch einmal ruhte sein Auge auf dem weißen Marmorbau, der sich in den Fluten des Flusses spiegelte, dann verschied er.

Die Perlmoschee in Agra ist ebenso schön wie die in Delhi, nur noch größer. Noch bei Sonnenuntergang sind wir oben auf der Terrasse des Palastes; einige indische Besucher stehen abseits und lassen den Blick über den großen Fluß schweifen, der tief unter uns an der Burg vorbeifließt. Langsam wandle ich mit meinem Boy auf dem Altan auf und ab, als aus einer weißen Halle zwei Inder und eine bildschöne Inderin heraustreten. Sie ist nur in einen großen weißen Schal gehüllt, der ihre Arme und eine Schulter freiläßt. Ihr feines, ovales Gesicht, aus dem zwei dunkle, melancholische Augen hervorblicken, aus denen eine unendliche Sanftmut spricht, ist von dem in der Mitte gescheitelten schwarz glänzenden Haar umrahmt. Als sie langsam die Marmorstufen hinabsteigt, wird sie gerade von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen. Sie bot einen märchenhaft schönen Anblick dar, und lange schaute ich der schlanken Gestalt nach, die mit unbeschreiblicher Würde durch die alten Marmorhallen des Palastes dahinschritt. Allgemein konnte ich die Beobachtung machen, daß die Frauen Agras viel hübschere und edlere Gesichtszüge haben als die Delhis und Jaipurs.

Am folgenden Morgen besuche ich das Mausoleum Itimad-ud-Doulehs. Wir fahren am Flusse entlang, der noch vor kurzem hier alles überschwemmt hatte. Man sieht eingestürzte Häuser, umgefallene Pfosten und ganze Wagenladungen verdorbenen, verfaulten Getreides, das einen widerlichen Geruch verbreitet und von der Brücke aus in den Fluß geworfen wird.

Das Grabmal ist in seiner Art ganz einzigstehend und zeigt ganz andere Architektur wie die übrigen Grabdenkmäler Indiens ([Abb. 67]).