Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach Sikandra. Die Sonne brennt hernieder, daß die Straßen glühen, und ihr helles blendendes Licht läßt einen die Augen schließen. Wir kommen durch kleine Dörfer, die unter hohen Bäumen versteckt liegen und deren Häuschen mit Schilf gedeckt sind; die Bewohner sitzen auf der Erde vor ihren Behausungen, plaudern oder träumen vor sich hin. »Tscharpais«, Holzpritschen, stehen umher, und manch einer hält hier seinen Mittagsschlaf. Schlanke, hübsche Mädchen und Frauen – große Tonkrüge auf dem Kopfe tragend – schreiten langsam nach dem großen Ziehbrunnen. Dort ist auch die Dorfjugend versammelt, die inmitten von Hunden, Ziegen und Zebus herumtollt. Sowie die Kinder mich sehen, kommen sie herbeigelaufen und wollen einen Backschisch haben. Ich werfe ihnen eine Kupfermünze hin, und gleich beginnt das Balgen und Raufen.
Sikandra, das Grabmal des großen Akbar, übt mit seinen Sandsteinbauten, in die weißer Marmor eingelegt ist, einen gewaltigen Eindruck aus. Auch hier hat der Künstler den roten Sandstein auf das Geschickteste mit dem weißen Marmor verbunden.
d) Benares
Auf der Fahrt nach Benares! Wie oft habe ich mir als Schuljunge schon gewünscht, einmal diese heiligste Stadt Indiens sehen zu dürfen; und jetzt war es Wirklichkeit geworden. Nachts fahre ich von Agra ab. Der Zug hat schon ein paar Stunden Verspätung als er in Agra eintrifft, und ich bezweifle sehr, daß wir in Moghul Serai den Anschluß nach Benares erhalten werden. Je mehr wir uns dem Osten nähern, um so feuchter wird die Luft und um so üppiger die Vegetation. Es ist eine Art Savannenlandschaft, durch die wir fahren; halb Steppe, in der einzelne große Bäume stehen, halb Felder und Wälder. Palmen wiegen sich im Winde, und kleine bewaldete Höhenzüge bringen etwas Abwechslung in das sonst eintönige Bild. Mit drei Stunden Verspätung kommen wir abends in Moghul Serai, einem elenden kleinen Dorfe, aber wichtigen Kreuzungspunkt der Bahnen, an. Der Zug nach Benares ist fort. Glücklicherweise steht ein Lastauto bereit, das die nach Benares fahrenden Passagiere – indische Pilger – übernimmt. Ich bin der einzigste Europäer und nehme neben dem Chauffeur Platz. Inder und Inderinnen in buntesten Gewändern und klingendem Schmuck nehmen die Plätze im Wagen und auf dem Gepäck ein. Dann beginnt eine interessante Fahrt. Es ist stockdunkel; nur unsere Scheinwerfer geben Licht und beleuchten die hohen Stämme der Mango- und Feigenbäume, die die Chaussee einfassen. Als wir an den Ganges kommen, da ist die Brücke gesperrt, da ein Güterzug erwartet wird; zahllose Zebukarren warten hier. Hell leuchten die großen Bogenlampen und werfen ihren Lichtschein auf das bunte Bild der Wagen und Menschen. Endlich können wir weiterfahren; die ersten Lichter der heiligen Stadt tauchen auf, und durch die hell erleuchteten Straßen eilen wir dahin. Da das Hotel außerhalb liegt, werden zuerst die Inder abgesetzt, und ich erhalte auf diese Weise schon ein kleines Bild von der heiligen Stadt am Ganges. Bald gehe ich schlafen; denn am anderen Morgen will ich in aller Frühe an den heiligen Fluß gehen.
Morgenstunde am Ganges! Da gerade Hindufeiertag ist, sind die hohen Backsteinhäuser mit bunten Papierfähnchen, Blumen und Girlanden geschmückt, und vor den kleinen Kaufständen sind auf den Fußsteigen Scharen kleiner buntbemalter Götterbilder aufgestellt. Gelb schimmert der Himmel im Osten zwischen den hohen Platanen- und Feigenbäumen hindurch, als ich vom Hotel aus den Park der Sanskrit-Hochschule passiere. Eine bunte Menge belebt schon die Straßen, die an den heiligen Fluß führen. Frauen, in bunte Gewänder gehüllt, den Kopf mit goldgestickten Schals umhüllt und schwere silberne Ketten und Spangen um Hand- und Fußgelenk, eilen stolz vorüber. Pilger in verschiedenfarbigen Gewändern, die mit Abzeichen Schiwas und Wischnus bemalt sind, Bettler, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, unermüdlich die Opferschale den Vorübergehenden hinreichend, lenken den Blick auf sich. Dicke Bengalis mit Sonnenschirmen, hin und wieder sogar ein buddhistischer Priester in gelbem Gewande wandeln einher; und inmitten der Menge schreit und lacht die Jugend, die kleinen Hinduknaben und -mädchen, die den Europäer fragend mit ihren großen, dunklen Augen anstarren. Heilige, mit gelben Blumen bekränzte Zebus wandeln einher oder liegen auf den Fußsteigen.
Silberhell liegt das Licht der aufgehenden Sonne auf den Fluten des großen Stromes. Mein Boy bahnt mir den Weg durch die Menge, als wir die große Treppe des Dasasamedh Ghat hinabsteigen. Um mich flutet das indische Leben, so bunt, daß ich die vielen Eindrücke gar nicht alle so schnell aufnehmen kann. Und während ich noch fast hilflos suchend am Strande stehe, den Blick über das Gewirr von Tempeln und Treppen schweifen lasse und versuche, in dem sinnverwirrenden, fast unmöglichen Farbenbilde, das sich meinem Auge bietet, einen Ruhepunkt zu finden, hat mein Boy ein Boot herangeholt, und ehe ich mich versehe, liege ich bereits in einem bequemen Korbsessel auf Deck und werde am Strande entlang gerudert.
Bilder, eines seltsamer als das andere, ziehen vorüber. Unzählige Tempeltürme – kleine Fähnchen auf den vergoldeten Spitzen – unterbrechen malerisch das Bild der großen Freitreppen und Paläste, die teilweise infolge Unterspülung des Flusses abgesunken sind.
Tausende und aber Tausende – Männer, Frauen und Kinder – sind hier am Ufer, beleben die großen Freitreppen, sitzen auf den abgesunkenen Palästen und Tempeln, sonnen sich, baden oder hören den Brahmanen zu, die unter großen Bastschirmen sitzen und Opfergelder entgegennehmen. Fakire hocken auf den Steinplatten; einer blickt unverwandt in die Sonne, ein anderer, mit Asche beschmiert und mit langem schwarzen Lockenhaar leistet einem Brahmanen Gesellschaft. Hier steigt ein bildhübsches Mädchen, nur mit dünnem weißen Schal bekleidet, die Stufen hinab ans Wasser, stellt ihren Bronzenapf auf das Gesims eines abgesunkenen Tempels, geht ins Wasser, bis es ihr an die Schultern reicht, hebt die Hände an die Stirn, blickt gegen die Sonne und murmelt andächtig ein Gebet. Ein altes Mütterchen mit grauem, kurzgeschnittenen Haar gießt aus einer Bronzeschüssel Wasser über Kopf und Schulter. Langsam treiben wir von Ghat zu Ghat. Auch die Leichenverbrenner sind an der Arbeit. Gerade wird ein in weiße Leinentücher gehüllter Leichnam auf den Scheiterhaufen gelegt; es dauert nur Minuten, und alles ist in Flammen und Rauch gehüllt.
Götterbilder, mit Blumen bekränzt, umlagert von Scharen andächtiger Pilger, heilige Kühe, die auch hier am Strande umherwandeln, vervollständigen das bunte Bild.
Malerisch liegt der kleine nepalesische Tempel halb versteckt unter Tamarinden- und Feigenbäumen. Wir legen hier an, gehen die großen Freitreppen hinauf und lassen uns vom Priester die seltsamen Schnitzereien am Tempelsims erklären. Herrlich ist der Blick von hier aus über den Fluß und das bunte Leben, das sich am Strande abspielt.