Nachmittags gehen wir nach dem Heiligsten, was Benares hat, nach dem goldenen Tempel. Er liegt inmitten vieler Häuser und enger Gassen versteckt, und nur durch enge, korridorähnliche Zugänge kann man zu ihm gelangen. Je mehr wir uns der heiligen Stätte nähern, um so lauter wird das Stimmengewirr, das an unser Ohr dringt. Dumpf klingen Trommeln und Gongs. Bettler und Bettlerinnen, zerlumpt und aussätzig, kauern am Wege, halten unter beständigem Murmeln ihre messingnen Bettelschalen hin und bitten um eine Gabe. Immer lauter wird das Stimmengewirr, immer dichter das Gedränge. Ein großes, blumenbekränztes Zebu zwängt sich langsam durch den engen Gang, und auch wir müssen dem heiligen Tiere Platz machen. Die Luft ist dumpf, schwül, mit Feuchtigkeit gesättigt; ein Geruch von Schweiß und verfaulten Blumen verfolgt uns auf Schritt und Tritt.
Ein von Säulen getragener Pavillon fesselt zuerst unseren Blick. Immer sinnverwirrender wird das Bild! Ziegelrot bemalte Götterbilder werden mit gelben Blumenkränzen geschmückt, mit Reis beworfen und mit Wasser besprengt; hastig eilen die Menschen hin und her. Tempeltrommeln rollen dumpf, und dazwischen mischt sich der Klang einer hellen Glocke. Man weiß nicht, wohin man den Blick wenden soll. Man sucht vergebens nach einem Platz, wo das Auge ausruhen kann.
Hier werden in einer Küche für die Götter die Speisen gekocht, dort eilen weißgekleidete Tempeldienerinnen, die Götter zu bekränzen und zu besprengen. Eine von ihnen liegt auf den Marmorfliesen; sie wendet mir ihr feingeschnittenes Gesicht zu, das von glatt gescheiteltem schwarzen Haar eingefaßt ist, steht auf und huscht an mir vorüber. Ein paar Sekunden lang blickt sie mich aus ihren träumerischen, unergründlich tiefen Augen fragend an, dann aber ist sie schon wieder fort, um ein anderes Götterbild mit Weihwasser zu besprengen.
Und so löst in Sekunden ein Bild das andere ab, und man steht vollkommen hilflos inmitten des Getriebes und findet sich nicht zurecht. Man möchte die Seele dieser Menschen ergründen, den Schleier der Mystik zerreißen, der über allem liegt, und möchte wissen, was der tiefere Sinn all dieser Riten und Gebräuche ist. Aber um in die Seele des Hinduismus einzudringen, bedarf es eines lebenslangen Studiums, und ob wir Europäer überhaupt bis zu den Tiefen der indischen Philosophie vordringen können, ist mir noch zweifelhaft.
Von einem Priester werden wir in das Heiligste geführt. Von einer kleinen Nische aus dürfen wir dem buntesten, sinnverwirrendsten Treiben zuschauen, das sich in dem Innenhof des Tempels abspielt. Betäubt wird man von dem Geruch der stickigen Luft und dem Stimmengewirr. Man schließt unwillkürlich sekundenlang die Augen, fühlt die Schläfen hämmern und kann es gar nicht fassen, daß alles Wirklichkeit ist. Die fast nackten Menschen drängen sich um den heiligen Brunnen der Weisheit, aus dem ein Brahmane in silberner Schale Wasser schöpft und zum Trinken reicht. Immer wieder empfinde ich, wie vollkommen hilflos ich hier bin; es ist mir alles so phantastisch, so unergründlich, so unverständlich, und doch reizt es mich immer wieder, dem Treiben zuzuschauen. Wir besuchen dann den Affentempel, der sich in einem großen Teiche spiegelt. Pilger eilen hin und her, einige sitzen im Innern des Tempels vor dem furchtbaren Bilde der blumenbekränzten Göttin Durga; andere verfolgen auch hier einen auf Schritt und Tritt und betteln. Auf dem Boden sieht man noch das Blut der geopferten Ziege, das von räudigen Hunden aufgeleckt wird. Ein Priester führt uns die Stiegen hinan auf einen Altan, von dem aus wir den See zu unseren Füßen liegen sehen. Eine Schar Affen kommt in großen Sätzen angesprungen; sie sind ganz zahm und lassen sich füttern. Auch sie sind heilig, und wehe dem, der ihnen etwas zuleide tut!
Ungefähr eine Stunde von Benares entfernt liegt Sarnath, jene denkwürdige Stätte, wo Buddha im großen Gazellenpark seine ersten Predigten hielt. Ein großer Stupa – ein turmartiger Reliquienschrein – und die Überreste eines Klosters erzählen uns noch von dem Leben, das einst hier herrschte. Jetzt liegt tiefes Schweigen über dieser ehrwürdigen Stätte; selten sieht man einen Menschen. Neben dem alten Stupa reckt ein kleiner Jaina-Tempel seinen spitzen Turm in die blaue Luft, und ein paar Inder und Inderinnen in leuchtend bunten Gewändern schreiten langsam seinem Eingange zu. Als die Sonne sich dem Horizonte zuneigt, müssen wir zurück nach Benares. Noch einmal werfe ich einen Blick nach der Stätte, wo Buddha weilte, und sehe das gelbe Gewand eines buddhistischen Priesters, der hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, aus dem Grün seines Gärtchens hervorschimmern. Friede, unendlicher Friede liegt über dem Land, und man hat das Gefühl, daß es hier nie anders gewesen ist!
Dunkler wird es und dunkler, und als wir uns Benares nähern, sehen wir am Straßenrande kleine Öllampen brennen, und auch an den Wurzeln der hohen Bäume flackern die Lichter. Auch die kleinen Schreine am Wege sind von brennenden Kerzen erhellt. Selbst aus dem Geäst der Bäume schimmert der trübe Lichtschein flackernder Öllampen in die tropische Sternennacht hinaus. Auch die Häuser sind illuminiert; auf dem Dachfirst und vor den Fenstern brennen Lichter, ist doch Hindu-Feiertag!
Abends saß ich noch bis in die Nacht hinein auf der Terrasse des Hotels. Da kam es mir vor, als ob der Duft der Blumen von Stunde zu Stunde stärker wurde und sich immer betäubender auf uns legte. Große Nachtfalter umflatterten die Lampen, und die Grillen sangen ihr eintöniges Lied.
Und dann ging es Kalkutta zu. Es war eine der schwülsten Nächte, die ich je erlebt habe. Die Feuchtigkeit der Luft steigerte sich von Stunde zu Stunde, und ich war froh, als ich endlich das dumpfige Bahnabteil verlassen konnte. Von Kalkutta hatte ich nicht viel. Die letzten Reisevorbereitungen ließen mich nicht zur Ruhe kommen, und die feuchte, heiße Luft machte gleichgültig gegen alles. Trotz der ständig rotierenden elektrischen Fächer war es im Zimmer kaum auszuhalten.
Ich besuchte den großen Jaina-Tempel, der, was überladene Skulpturen, bunte Marmorhallen, seltsame Gartenanlagen anbetrifft, wohl kaum übertroffen werden kann. Eines Abends ließ ich mich durch den Botanischen Garten fahren, der mich aber enttäuschte. Als die Sonne rotgelb im Westen versank, fuhren wir in die Stadt zurück. Eine große Menschenmenge flutete in den Straßen, und noch einmal erhielt ich ein Bild vom großen, bunten Indien.