„ICH verlasse dich und komme wieder“, rief mir, als er sich entfernte, mein sehr eifriger Freund zu, mit dem ich eben in der riesigen Fremdenherberge am Ende einer der abgestorbenen Städte des alten Spaniens gelandet war.
Ich sah ihn rasch die Stiege herabsteigen, und sein letztes „Ich komme bald“ vernahm ich nur noch zugleich mit dem Geräusch seiner die Stufen und Treppenabsätze hinabeilenden Schritte. Allein zurückgeblieben, lehnte ich mich über den Balkon. Leute, hochmütig in ihrer Schmierigkeit, stolzierten unter den Arkaden, unheimliche Bettler sperrten die Schwellen der Türen, Hunde heulten vor den Gittern der Klöster oder vor alten Kreuzen, die da und dort noch aufgepflanzt waren als Überreste einer Friedhofsruine. Die Dämmerstunde steigerte das Geheimnisvolle der Straßen, deren Häuser, im Blut der Abendsonne, von dunklen Menschen bewohnt zu sein schienen. Meine Blicke tauchten durch ein Fenster. Ich ward Zeuge großer heftiger Gebärden, einer Bewegung, die von Saal zu Saal lief, einer plötzlichen Vereinigung vor einem Bilde, das an einer Wand hing, sah den Kniefall vor zwei großen Füßen des Christus, der zwischen Kerzen und flackernden Votivbildern lebendiges Blut zu vergießen schien.
Plötzlich leuchtete dort am Ende einer Allee eine erste Laterne wie ein grüner Stein.
Ich sah auf meine Uhr. Eine Stunde war verronnen, seitdem mein Freund weggegangen war. Ein tiefes Angstgefühl regte sich in mir. Von dem Augenblick an, wo ich begonnen hatte hinauszusehen, den Körper gleichsam über diese ganze Stadt gebeugt, hatte eine langsame, aber sichere Furcht meine Gedanken erhitzt. Ich bildete mir ein, mein Freund wäre ins Verderben geraten, angefallen, bestohlen worden. Ich kannte nicht die Richtung, die er eingeschlagen, wußte nicht, wohin er sich begeben hatte, warum er ausgegangen war. Sein Weggehen schien mir unerklärlich, irgendwie zwingend befohlen und gewollt durch eine fremde und feindliche Kraft.
Ich durchforschte die Vorübergehenden, einzig um sie verdächtig zu finden. Es waren alte Frauen, die durch Verbrauchtheit und Krankheit ganz besonders ausgehöhlt waren, fast nackte Kinder, deren Schreien und Winseln die Mutter an ihrer Brust erstickte. Dann kamen Männer — und recht rohe — mit langen Stöcken, an deren Ende etwas leuchtete. Ein Gespann kam vorbei mit aufgeregten Pferden und wildem, eisenklapperndem Geräusch.
Die Nacht war nach und nach dichter geworden. Eine ganze Reihe von Lichtern leuchtete längs der Gehwege. Ein Glockenturm nach dem andern erwachte, die großen Glocken begannen zu läuten.
Nicht weit von mir verschluckte eine Kirche mit geöffneten Toren eine Menschenmenge. Ich sah sie ameisengleich in diesem riesigen Mund verschwinden, und dieses langsame und andauernde Aufsaugen bekam in meinen Augen eine beunruhigende Bedeutung. War mein armer Kamerad nicht dort zwischen der Menge zerrieben und, ohne daß er es wollte, gegen dies Unbekannte gedrängt, gegen die Tiefe jener Dunkelheit, aus der die Glocke mit hartnäckigem und leidenschaftlichem Knirschen und Aufschlagen zu kommen schien?
Ich mußte einen Schrei ausgestoßen haben, denn ein alter Mann, der seit einiger Zeit mir gegenüber auf der andern Seite der Straße stehen geblieben war, warf mir, als erwarte er nur einen Vorwand, mir zu antworten, unverständliche Worte zu und entfernte sich dann mit einer weitausladenden, vorwurfsvollen Gebärde.