Nun befiel mich ganz und gar heftigste Angst. Die Wohnung, in die wir eingezogen waren, bestand aus kleinen geheimnisvollen altertümlichen Räumen. In ihren Ecken hatte sich eine tragische Dunkelheit angehäuft. Ich kleidete mich eiligst an, und fiebernd begann ich die Stadt nach allen Richtungen zu durcheilen, anfangs mit Bedacht, dann laufend und schließlich außer Sinnen.

Ich glaubte meinen Freund bald unter den Spaziergängern zu sehen, die sich an das Geländer einer riesigen Steinbrücke lehnten, bald im Hintergrund eines Kellers, wo schreckliche Trinker sich in der Nähe eines Schanktisches stießen, bald unter einem riesigen Kandelaber, dessen plötzlicher flackernder Lichtschein einen auf die Mauer gemeißelten Kampf zwischen Schlangen und Adlern beleuchtete.

Jedesmal stieß ich geradaus gegen jede dieser Vorstellungen, in meinem Kopf wurde es immer wirrer, meine Augen waren gemartert und mein Herz wie in einen Schraubstock gespannt. Ich entschloß mich, zurückzukehren. Aber kaum hatte ich einige Schritte gemacht, so wechselte meine Angst ihren Inhalt. Ich dachte nicht mehr an meinen Freund, weder an seinen Verlust noch an seinen Tod. Ich war mir nun selbst der Gegenstand meiner Beunruhigung. Rasch heimkehren! Oh! dieses Laufen im Abend durch Straßen, deren Fassaden Schrecken bedeuteten. Türme ragten an den Ecken der Plätze auf wie aus dem Unbekannten bis zu den Sternen gebaut, Weinkeller von Schreien und Streit erfüllt, mächtige Häuser, deren Angeln und Türen wie Kanonen schallten.

Noch geheimnisvoller als vorhin und von noch unabwendbarerer Feindlichkeit erschienen mir die Vorübergehenden. Konnte ich sie fragen, um den rechten Weg wiederzufinden? Ich fühlte, daß sie alle Gauner waren, Messerstecher, unheimliche Briganten. Ich schritt mitten in der Straße, unausgesetzt mich umwendend, bleiern vor Schrecken und mehr als alles andere auf der Welt fürchtend, daß man meine Furcht ahnen könne. Ein kleiner Buckliger, der Zündhölzchen verkaufte, näherte sich mir. Ich sprang zurück, um ihm auszuweichen. Eine Dirne flüsterte mir dumme Worte zu. Lebhaft beschleunigte ich meinen Schritt, ich wagte nicht, sie mit roher Heftigkeit zurückzustoßen. In einer glasüberdeckten Galerie stand einer dieser entsetzlichen Bettler im Mantel, wie sie mich seit meiner Ankunft beunruhigt hatten, und versperrte mit seiner Geste den ganzen Durchgang. Ich machte kehrt. Und die Stunden schlugen über mir in den Kathedralen wie stählerne Schwerter, die miteinander kämpfen.

Plötzlich erblickte ich das Haus, in dem wir abgestiegen waren, gerade vor mir. Zitternd steckte ich den Schlüssel in die Türe. Was erwartete mich hinter ihr? Mein Freund war so sehr aus meinen Befürchtungen entschwunden, daß ich nicht einmal fragte, ob er heimgekehrt war. Ich durchsuchte alle Zimmer unserer Wohnung, eines nach dem andern, leuchtete mit meiner Kerze unter die Betten, in die geöffneten und rasch wieder geschlossenen Kästen, zwischen die Füße der Sofas und der Tische; ich verschloß die Türen, verschob die Möbel und war selbst erschrocken über diese Kühnheit, meine Furcht beruhigen zu wollen. Ich lud auch meinen Revolver. In meinem Zimmer wandte ich dann die größten Vorsichtsmaßregeln an. Weshalb? Ich hatte doch sicherlich nicht Lust zu schlafen. Ich begann zu lesen, meine Augen fest auf die Seiten gerichtet; aber dort gegen die Türe zu, gegen das Fenster, lag meine ganze Aufmerksamkeit auf der Lauer. Da das Haus stockweise vermietet wurde, hörte man auf der Stiege Schritte aufwärts kommen, die mir den Rhythmus meiner Angst vermittelten. Irgend jemand blieb auf meiner Flur stehen. Ich sprang aus dem Bett, da ich an einen Einbruch glaubte. Eine blendende Idee kam mir: die Polizei benachrichtigen. Ich zog mich halbwegs wieder an. Doch kaum war ich auf der Straße angelangt, packte mich all mein Fieber wieder. Sollte ich von neuem die Stadt durchqueren, auf diese wie Monumente dastehenden Bettler stoßen und in dieses Labyrinth von Nacht untertauchen, aus dem ich wie durch ein Wunder herausgeraten war? Würde ich wieder all meine Unrast erneuern und sie bis zum Wahne fortspinnen? Ich stieg neuerdings die Stiege hinauf, als ich, vor meiner Wohnung angelangt, bei dem Gedanken zu zittern begann, was sich in meinem Zimmer begeben haben könnte, seitdem ich es — eben vor einem Augenblick — verlassen hatte.

Ich erinnere mich, mich auf der Schwelle mit müden, schweren Armen niedergelassen zu haben, am Platze festgebannt und zu gleicher Zeit wie emporgehoben und wie davongejagt durch die tausend sinnlosen Hände, die mich hinausstießen. Ich hörte andere Mieter heraufsteigen. Ich horchte auf ihr lärmendes Sprechen, sie näherten sich. Über das Geländer gebeugt, glaubte ich ihnen Zeichen zu machen, sie zu rufen, ihnen irgend etwas zu sagen, und dennoch schnellte ich unwillkürlich gegen die Mauer zurück, hielt mich stumm, unterdrückte meinen Atem, verbarg mich abgeplattet, kleinwinzig, wie blutleer in einer dunklen Ecke. Sie streiften an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und begaben sich alle in ihre Wohnungen.

Ich zürnte mir, sie nicht gefragt zu haben; ja, ich stieg sogar einen Stock hinauf, um am Ende eines Ganges, in dem der letzte von ihnen verschwunden war, anzuläuten. Dort angelangt, stieg ich wieder herab.

Da plötzlich übersprang ich, vier Stufen zugleich nehmend, alle Treppenabsätze und gelangte auf die Straße, ohne zu wissen, was ich tat.

Ein Nachtwächter stellte sich vor mich hin.