Eines Abends kollerte Saft, als er im trunkenen Zustand heimkam, in den Schlamm der Schelde. Er geriet so tief hinein, daß die Fischer, die nachts auswärts waren, zu seiner Hilfe herbeiruderten. Man zog ihn, völlig mit Lehm überkrustet, die Hände beschmutzt, den Mund voll Schlamm, heraus. Beinahe wäre er erstickt.
Adriaen wurde benachrichtigt. Er beschloß einzugreifen. Aber das Schweigen zwischen ihnen, und sei es auch nur durch ein Schimpfwort, zu brechen, hätte einen Sieg für seinen Bruder bedeutet. Sie hatten außerdem zwischen sich so große Flächen des Schweigens gebreitet, daß, wenn sie sich so von einem Ende zum anderen herüber beschimpft hätten, ihre Worte nicht hinübergedrungen wären.
Als Mie Bergman am Sonntag kam, das Kupfer zu putzen, übergab ihr Adriaen ein Schriftstück, sie möge es Saft in den Garten hintragen. Saft las es mit zusammengepreßten Lippen. Er wurde wütend, fluchte, wollte zu seinem Bruder stürzen, ihn erwürgen und ihm gleichzeitig seinen Zorn ins Gesicht speien. Plötzlich hielt er inne: auch er wollte nicht derjenige sein, der die harten Wände von Eis und Stahl zwischen ihnen zerbrach. Er steckte den Brief zu sich. Er würde schriftlich antworten.
So schrieben sie einander Monate hindurch ihren Groll und Zorn, jeder die Worte suchend, die schließlich am sichersten die Geduld und den Starrsinn des anderen brechen würden.
Auch Adriaen ward mit Schande gezeichnet. Die Reliquienverkäuferin warf ihn hinaus, hetzte die Leute auf, bezichtigte ihn der Unverschämtheit, schrie ihm am hellichten Tage ihre Verachtung durch das Fenster nach. Man vertraute die Chorknaben dem Mesner an. Im Dorf begann man sich zu entrüsten. Die Briefe Safts wurden immer verächtlicher. Als Adriaen einen von ihnen öffnete, wurden seine Finger übelriechend von der Unreinlichkeit, die er enthielt.
Mie Bergman beobachtete die beiden erschreckt. Unendlich lange Nachmittage hindurch hatte sich Adriaen aufs Holzspalten verlegt. Nach einer bestimmten Methode arbeitete er düster vor sich hin. Wenn die Dienerin vorbeikam, sah er sie mit so kaltem, scharfem Blicke an, daß sie — die einzige Seele auf Erden, die ihn noch ein wenig liebhatte — plötzlich ein Schrecken durchfuhr, er könne ihr, lediglich aus Grausamkeit, die armen alten Arbeiterinnenhände abhacken. Abends, bei Kerzenschein am Herde sitzend, gedachte sie der glanzvollen Vergangenheit des Gasthauses „Zum sanften Tod“. Kaum fünfzehnjährig war sie da eingetreten. Vier Mägde füllten die Küche; sie salzten Würste und Speck, sie schnitten belegte Brote für ein Heer von Pilgern. Damals lebte die Mutter Gottes blumengeschmückt in ihrer silbernen Nische. Ihr Mantel war mit der Geschichte des heiligen Amandus und des heiligen Georg bestickt. In einem Jahr heimste damals Adriaens und Safts Vater tausend Taler und dreihundert Brabanter ein. Sie hatte sie eines Abends wie goldene Makronen auf dem Tische aufgereiht gesehen.
War es möglich, o Gott, daß jetzt sie allein und nur einmal in der Woche in dem alten Herd das Feuer entzündete? An den Wänden der Küche schimmelten feuchte Flecke. Leer gähnten die Kästen. Die Steinfliesen hoben sich und borsten. Die Löcher der zerbrochenen Fensterscheiben waren mit firnisbestrichenem Papier verstopft, das den Wind einließ. Und im riesigen, ausgestorbenen Hause irrten Adriaen und Saft, die Herren, wie zwei wütende Hunde umher.
Eines Sonntags stellten die altgewohnten Gäste des „Sanften Tod“ ihr Kommen ein. Sie ließen ihre Pfeifen abholen. Das Kupfer der Geräte wurde matt, und die Pendeluhr tickte fortan nur für die verlassenen einfarbig weißen Mauern. Der letzte Zwang, der sie genötigt hatte einander gegenüber zu sitzen, war nun den beiden Brüdern erspart.
Es kam so weit, daß sie das Geräusch, das der andere im Hause verursachte, haßten. Wenn Adriaen sein Holz spaltete, begann Saft, nur um den Lärm der Hacke zu übertönen, Nägel in die Wände zu schlagen. Es regte sie auf, ihre Schritte, ihr Husten zu hören, ihre Anwesenheit, die sich bald da, bald dort regte, zu fühlen, besonders des Nachts, wenn sie in den benachbarten Zimmern schnarchten. Der eine floh auf den Dachboden, der andere in den Keller, um dort zu schlafen.