Der Glöckner drang barfuß, im Hemde, in die Kirche ein. Er kletterte, in beiden Händen zwei riesige Eimer, die Steintreppe hinauf. Als er am Flur des Glockengestühls angelangt war, konnte er im Dunkel die ansteigenden Leitern nicht finden. Sein ganzes Leben war er auf halbem Wege stehen geblieben. Der Totengräber folgte ihm. Er warf die Eimer um. Sie stritten im Dunkel. Plötzlich vereinte sie die Furcht vor der Feuersbrunst, die über ihnen lohte und die sie allein nicht sehen konnten, zur Flucht. Sie kollerten herab und verrammten dabei den Heraufkommenden den Weg.
Auf dem Friedhof sammelte sich das Volk an. Man zertrat die Hügel, stieß Kreuze um. Ganze Familien kamen längs der Straßen dahergelaufen: Frauen, ihre Kinder in die Arme gepreßt, Männer mit geschwungenen Mistgabeln und Schaufeln, als wollten sie das Tier, das sich da oben bewegte, töten.
Man rollte leere Fässer zum Flusse, aber das Wasser war zu weit entfernt, die Flut niedrig. Die Fischer gebärdeten sich schier verzweifelt, indes der Lehrer auf der Schwelle der Sakristei in aller Ruhe das Wesen des Blitzes zu erklären suchte.
Der Kirchturm? Der stammte aus undenklichen Zeiten her. Niemand hatte ihn bauen sehen. Die östlichen Regen hatten ihn mit feinem Moos bedeckt, das grünem Reif ähnelte. Seine vier Zifferblätter strahlten in ihrer Rundung, unverwüstlich schienen seine Grundsteine. Der Blitz, der ihn traf, beging gewiß Gottesfrevel.
„Man eile um Hilfe nach Tamise und Termonde“, schrie der Bürgermeister. Und der Totengräber begann, als die Glocken noch lebendig waren, die Sturmglocke zu läuten.
Die Klänge schwebten davon, die armen atemlosen Klänge, mit Hü und Ho, ewig gleich in ihren Tönen; jeder hatte sie seit seiner Kindheit her gehört, und manchen bedeuteten sie alle Musik, die sie kannten. Das Feuer aber strebte teilnahmslos abwärts. Der ganze Schieferpanzer splitterte ab und zerstreute sich in die Ferne, wie ein Schwarm roter Schnepfen. Mächtige Stücke der Pfeiler und des Gebälks gaben nach. Krähen entflohen mit lautem, wildem Schreien. Eulen, blind im Licht, fielen mit versengten Flügeln in die Flammen zurück. Seit langem schon war der goldene Hahn des Gipfels geschmolzen.
Zwei riesige Pferde, die unsanft geweckt worden waren, durchquerten, von zwei festen Burschen geritten, wiehernd die Menge. Es waren die Alarmboten, die nach den Städten ritten, wo Hilfe zu erhoffen war.
Vergebens suchte man den Priester; der Schullehrer dachte, er stünde dort neben dem Bürgermeister; der Glöckner glaubte, ihn mit dem Schullehrer sprechend gesehen zu haben, und der Bürgermeister, mit dem Glöckner. Welche Hilfe hätte er übrigens bringen können, da auch seine Vernunft vom Feuer ergriffen schien?
Der Schmied und der Zimmermann waren auf das Dach der Kirche gestiegen. Man reichte ihnen an Leitern das Wasser hinauf. Um nur ja nicht unnütz zu erscheinen, warfen sie es von weitem auf gut Glück gegen die Flammen, die zuweilen erreicht wurden.