Ich besann mich, doch war alles ziemlich aussichtslos; man mußte eben warten. Margret gefiel mir nicht –. Ich holte Adolfs Gedichte, legte ihr den Kleinen aufs Bett und setzte mich zu ihr. Endlich kam Adolf; Margrets Gesicht glänzte und lachte, und sie lag selig still in seinen Armen.

Dann tat sie noch einen fast verlegenen, spitzbübischen und bittenden Blick zu mir herüber und sagte ganz leise: »Gelt, Ageli, du bist so gut und läßt uns jetzt allein –!«

Betrübt und beinahe ärgerlich ging ich hinaus und an meine Arbeit. Als nach einer Stunde die Kinder heimkamen, trat Adolf aus dem Schlafzimmer und sagte, daß Margret gestorben sei.

– Als ich ihm am Abend dieses Tages Gute Nacht gesagt hatte und eben in mein Zimmer wollte, hielt er mich noch ein wenig am Aermel fest und sah mir ernst und eigentümlich in die Augen: »Es ist schade, daß du nicht dabei warst, als sie starb. Ich sage dir nur, du kannst froh sein, wenn es mit samt deiner Anstrengung und Plackerei an deinem Ende so schön und glücklich hergeht. Gute Nacht, Ageli; es ist nichts mit eurer Weisheit.«

Als am Morgen die Leichenfrau kam, setzte ihr Adolf ein gutes Vesper vor, fragte sie nach der Schuldigkeit und bezahlte sie. Dann, als sie an ihre Arbeit gehen wollte, bot er ihr ihre Jacke und ihren Hut und nötigte sie freundlichst zur Tür hinaus. »Wir danken Ihnen recht schön, Frau Müller; das andere besorgen wir gerne selber!«

Nun wusch er Margret mit seinen schönen, weißen Händen, bekleidete sie und legte sie in den Sarg und machte das alles ruhig und unendlich zart und fein. Ich sah nur zu und stand still dabei, kaum daß ich ein paar Handlangerdienste tun durfte.

Auch als nun die Trauerbesuche kamen, benahm er sich ernst und würdig und war ohne Spott und ohne seine boshaften Blicke. Nur als am zweiten Tag der Stadtpfarrer ihn aufsuchte, um ihm Beileid zu sagen und etliches wegen der Leichenrede zu fragen, geschah ihm etwas recht Mißliches. Ich war eben ausgegangen und Adolf mit seinem kleinen Mädelchen allein in der Wohnung. Das Kind war in dem fremden und ungewohnten Getriebe ängstlich und weinerlich geworden; Adolf setzte sich daher mit ihm auf einen Stuhl in den Gang und versuchte in seiner herkömmlichen Weise, es zu trösten. Die beiden gerieten dabei an jenes schöne und ergötzliche Spiel, wobei man sich erst an der Nase zieht und dazu die Zunge herausstreckt, sich sodann erst am rechten, hernach am linken Ohrläppchen packt und die Zunge jeweils in der angedeuteten Richtung bewegt, endlich aber sich aufs Kinn stupst und die Zunge dabei hineinschnappen läßt und dieses alles so närrisch und gewandt als möglich wiederholt. Und sie betrieben dieses Spiel mit Eifer und herzlicher Vergnügtheit eben in dem Augenblick, als der geistliche Herr die Treppe heraufkam und durch die offene Glastür das seltsame Gebaren der trauernden Hinterbliebenen sehen konnte. Er sah es aber nicht lange mit an, sondern ging meuchlings, ohne Gruß und in tiefer Entrüstung die Treppe wieder hinunter, und die Leichenrede am andern Tag fiel auch darnach aus.

Auch meine Mutter war zu Margrets Begräbnis hergekommen; wir hatten uns seit damals nimmer gesehen, und sie erkannte mich kaum mehr, so groß und stark war ich inzwischen geworden. Es war mir ein eigenes Gefühl, als sie mich küßte und mir in die Augen sah; ich wußte nicht, sollte ich mich schämen oder stolz sein. Die alte, herzliche Liebe war aber schnell wieder da, und wir waren in jenen Tagen viel beieinander. Die Mutter hatte sich nicht verändert; sie sah schön und vornehm aus in ihrem vollen weißen Haar und dem feinen Kleid, das ihr der Greiner geschenkt hatte, und sie saß wie eine fremde, alte Königin unter uns.

– Als die Trauergäste fort waren und eben die letzten von ihnen um die Straßenecke bogen, stand Adolf unter dem Fenster und schaute ihnen nach; er räusperte sich von Herzen und spuckte hinter ihnen her in den schönen weißen Märzenschnee hinunter. Dann schnaufte er tief auf und drehte sich um. Als ich später am Wohnzimmer vorbei kam, hatte er die Tür und alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, so daß der kalte Wind mächtig durchfuhr. In der Stube aber lief Adolf mit einer kräftigen Zigarre auf und ab, die dicken Wolken in alle Winkel blasend, als ob er ein übles Gestänklein ausräuchern wolle; und als er mich, die ich erschrocken über ein solch befremdendes Getue in der offenen Tür stehen geblieben war, gewahrte, nickte er mir freundlich zu: »So, nun könntest du die Stube wieder warm heizen; man kann's jetzt wieder aushalten hier drin!« Und er machte seine Fenster zu.

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