Adolf beugte sich zu mir herunter und suchte meinen Blick; dann sah er mir ernst und seltsam in die Augen und fing an, mit einer leisen und weichen Stimme auf mich einzusprechen.
»Ich möchte dir etwas sagen, Ageli, aber du mußt mir dein ganzes schönes, feines Verständnis entgegenbringen, sonst weiß ich nicht, wie ich's machen soll. Wenn ich mir noch so große Mühe gebe, es zart und anständig zu sagen, so kommt es doch plump und ruppig heraus und tut dir vielleicht weh. Nicht wahr, du hilfst mir ein bißchen?«
Ich blieb still und hielt den Atem an; da sprach er langsam weiter.
»Ich möchte dich fragen, ob du mich nicht ein bißchen lieb hast und ob du vielleicht meine Frau werden möchtest. Und sieh, jetzt meinst du gewiß, ich tue das nur deshalb, weil du den Haushalt so gut verstehst und die Kinder und mich so fein versorgst, und damit ich keine Haushälterin brauche und weil es für mich das bequemste so ist. Aber das darfst du ganz gewiß nicht meinen. Du bist so ein feiner, lieber Kerl; sieh, wenn du das alles gar nicht an dir hättest, so stünde ich jetzt dennoch vor dir und würde dir dasselbe sagen, du mußt es mir glauben. Denn ich habe dich sehr lieb, und ich meine, wir könnten glücklich miteinander werden. Besinn' dich einmal darüber.«
Als ich aus meiner dumpfen Bestürzung einigermaßen aufgewacht war, wartete ich immer noch darauf, daß er irgend etwas von Margret sage. Gott im Himmel, war er denn wahnsinnig, daß er jetzt, kaum ein Vierteljahr nach ihrem Tode, so vor einer anderen stand! Er mußte sich doch entschuldigen, er mußte es mir begreiflich machen, warum er so etwas Gemeines tat, er mußte noch irgend etwas sagen, daß es das Abscheuliche und Unbegreifliche ein wenig wegnahm. Ich wartete zitternd.
Es blieb aber alles still, er beugte sich nur noch ein wenig mehr zu mir herunter.
Da packte mich ein unsinniger Zorn und Ekel; ich schrie auf und stieß ihn weg und lief schluchzend aus dem Zimmer.
In meiner Stube schloß ich mich ein. »Gottfried« – – sagte ich in das Dunkel hinein, »– lieber, lieber Gottfried«. Und vor dem reinen Glanze, der in diesem Namen war, erfaßte mich eine mächtige Scham für mich und für Adolf, und dieser erschien mir in diesem Augenblicke so widerwärtig und so unsäglich gemein, daß es mich schüttelte vor Abscheu und Empörung. Ich warf mich auf mein Bett und lag da mit wildem heftigem Schluchzen. Hell und hohnvoll kam mir mein auswendig gelerntes Sprüchlein, das ich noch vor einer Viertelstunde hatte zu Adolf sagen wollen, ins Gedächtnis, vor meinem Innern erstand die schöne, schimmernde Welt, die ich sehen und besingen, lieben und haben wollte, und der selig wunderliche Drang meines Dichtens trieb mit warmen Wellen in meinem Blut. Und nun sollte ich den dicken Fouqué heiraten, und alles sollte aus sein!
– Seine erste Frau war ihm weggelaufen, die zweite war ihm gestorben und wäre es vielleicht nicht, wenn sie es besser bei ihm gehabt hätte. Was sollte es mir viel anders gehen! Und wenn man ein Vierteljahr tot war, war man vergessen, und er ging zu einer anderen.