Flammend und empört stand alles in mir auf. – Nein, nein, nein –! Ich wollte es nicht, und es konnte mich niemand dazu zwingen. Ich putzte mir mit Heftigkeit die Tränen ab, und mein fester Entschluß war bald gefaßt. Eine Stunde noch blieb ich stille liegen, dann horchte ich zu meiner Tür hinaus, ob Adolf wohl noch auf sei. Das Licht brannte nimmer, und ich konnte nichts von ihm hören. So ging ich leise daran, mein schönes Kleid auszuziehen und mit allem andern in meinen Koffer zu packen. Ich verschloß und adressierte ihn, schrieb noch einen Brief an Breisel, daß er ihn mir besorgen und auch meine Bücher gleich mitschicken solle, und nach ein paar Stunden war ich fertig. Leise ging ich durch den dunklen Gang zur Glastür; aus dem Schlafzimmer der Kinder drang ein kurzer, weinerlicher Ton; es war das Peterlein, und an meinem Herzen tat es mir einen Augenblick stark und lähmend weh. Doch lief ich schnell vorbei und die Treppe hinunter und biß die Zähne zusammen, daß ich es überwand.
Es wurde in diesen Hochsommernächten niemals völlig dunkel draußen; als ich auf die Straße kam, war nur eine tiefe Dämmerung, und irgendwo wollte es schon hell werden. Und wieder wie in jener Nacht, da ich die alte Genovev verhauen hatte, war plötzlich und geisterhaft Adolfs Stimme über mir:
»Einen Augenblick, Ageli! Du hast deine Hausschuhe vergessen!« – Und aus der Höhe flog es rechts und links zu meinen Füßen auf das Pflaster und schlug höhnisch klatschend auf.
Grimmig starrte ich nach oben; Adolf lehnte geruhig aus dem Fenster. »Ich möchte bloß wissen, wann du eigentlich schläfst,« rief ich bitter und wütend hinauf.
»Nie!« sagte er unerschütterlich. »Auf Wiedersehen, Ageli!«
»Da kannst du lang warten,« dachte ich empört, ließ die Pantoffel liegen und verschwand so schnell als möglich um die nächste Straßenecke.
An einem Hotel läutete ich an der Nachtglocke; ich bekam ein Zimmer, und es war auch ein schönes Bett darin; bloß schlafen konnte ich in jener Nacht nimmer.
– Nach zwei Tagen schon war ich als Kurgast in einem Forsthaus untergekommen, ein paar Stunden weit vom Gottlosen Zinken weg. Ich atmete wieder die geliebte Luft meines Hochlandes, ich spürte die südliche Glut seiner Sonne, und in den Nächten lauschte ich mit zitternder Sehnsucht dem ersten Sturm entgegen. Lag es mir auch zu Anfang von des kleinen Peter Schreilein her noch manchesmal wie ein böser und quälender Druck auf der Brust und meinte ich oft, durch die Zweige der Tannen das gute Gesicht meines Freundes Breisel betrübt und vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu sehen, so verschwand dieses doch mit jedem neuen der göttlichen Tage mehr, und bald war ich sorglos wie ein junger Vogel meiner süßen, ungekannten Freiheit hingegeben.
Ich hatte eine Stube voll alter brauner Möbel, und zu den Fenstern hinaus sah man einen kleinen, bäurischen Garten in der Sommerblüte, ein Stück ständig blauen Himmels und unermeßlich viel Wald, davon ab und zu ein leiser Wind in meine Stube kam und mit den weißen Vorhängen ein zärtlich anmutiges Spiel trieb. Es war mir unsagbar verwunderlich, wenn ich so still dasaß und mich den ganzen Tag um nichts bekümmern durfte als um mich selber und lauter schöne Sachen. Die Mahlzeiten wurden mir auf meine Stube gebracht; jeden Abend gab es dasselbe: Kartoffeln und Rauchfleisch zusammen in eine Pfanne geschnitten, was dann mit Butter und Zwiebeln gebraten wurde. Dieses Gericht unterhielt mich so neben dem Schreiben her des Abends wohl eine Stunde lang in angenehmer Weise, indem erst in der Küche unten ein Geklapper mit Tellern und Pfannen und ein mächtiges Gebrutzel losging, sodann in lieblichen Wogen das entstandene Gerüchlein zu meinem Fenster hereinkam, bis endlich die Försterin die Treppe heraufschlurfte und mir die Herrlichkeit samt einem Glase kühler Milch auf's Tischtuch stellte. Jeden Morgen ging ich an den einsamen Bach hinunter, um zu baden; auf dem Heimweg nahm ich mir mit der Försterin Erlaubnis einen Strauß aus dem Garten mit. Meine Hände wurden jeden Tag feiner und weißer, und es war mir am Anfang ein seltsam wonniges Gefühl, beständig ohne Schürze und in guten, sommerlichen Kleidern zu sein.
Jede Stunde kam und ging in seliger Bläue und war voll zarter innerlicher Heiterkeit –; halb bewußt und genießerisch, halb mit einer träumerischen Trunkenheit, die mich durch die jähe und mächtige Wandlung meines Lebens erfaßt hatte, nahm ich die Schönheit in mich auf. Es war mir so wohl, daß ich hätte den ganzen Tag singen und jubeln und tanzen mögen.