Und da geschah es nun, daß, wenn wir so in der tiefen Stille beieinander saßen, die Mutter anhub zu erzählen. Etwa von jenen Zeiten, da sie noch Dienstmagd gewesen war, dann von meinem Vater, von ihrem Brautstand und so allmählich von ihrer Ehe und jenen Tagen und Stunden, um deretwillen ihr Haar weiß geworden war.
Mich packte das alles mit einer mächtigen Wucht und mehr, als sie wahrscheinlich ahnte. Hatte ich etwa in der letzten Zeit gemeint, daß ich selber viel erlebt und durchgefressen habe, so stand ich nun jämmerlich klein und winzig neben diesen Tiefen und Höhen und Abgründen, die sich vor mir auftaten. Und dann frug ich mich voll innerer Unruhe: war nicht doch eine Absicht dabei, wenn mir die Mutter das sagte? Meinte sie am Ende doch, ich sollte den Schwager heiraten? Ich wußte, daß sie ihn selber nicht sonderlich hochschätzte; aber an den Kindern hing sie mit ihrer ganzen inbrünstigen Mütterlichkeit, und es war ihr wohl um diese. Sie sagte noch immer kein Wort von alle dem, aber je länger ich um sie war, desto gewisser wurde es mir, wie sie es meinte. Von da an lag ich oft tief in die Nächte hinein wach, und es wurde mir alles wieder neu und schmerzlich lebendig. Ich wehrte mich gegen die Unruhe und Plackerei, die mich da in meinem sauberen Frieden so meuchlings überfiel, und konnte sie doch nicht bannen; es trieb mich unsichtbar und mächtig um, und ich wußte nicht, was ich tun sollte.
Und wie nun die Mutter so zu mir sprach wie zu einem reifen und rechten Menschen, der es wert ist, daß man ihm sein bestes gibt, wie sie ernst und leise, doch tapfer und ohne Scham mir auch das Verschwiegenste und Heiligste ihres Herzens sagte und mich ihres köstlichen Vertrauens würdigte, da begriff ich, daß sie etwas ganz ungeheuer Großes tat, das Größte und überhaupt das Einzige, was mir ein Mensch tun konnte. – Von da ab wehrte ich mich nimmer; ich ließ mein Herz ruhig in den Bränden der Scham und Liebe liegen und alles still an mir geschehen. Ich hätte noch wohl auskneifen können, vor Adolf und vor meiner Mutter; nun konnte ich es aber vor mir selber nimmer.
Ich spürte mit Wehmut und Lächeln, daß mir in diesen Nächten leise meine Jugend entgleite; jene Zeit, von der die kühle Frau Gunhild einmal gesagt hatte, daß man sich zu wichtig nehme und daß es Torheit und Egoismus sei.
Es mochte sein, daß da manche Lust und schimmernde Hoffnung mit unterging, aber was ich dafür eintauschte, war unvergleichlich schöner.
Denn wenn es Ziel und Kern des Lebens war, seinen eigenen, unvollkommenen und verwirrten Menschen samt aller Leidenschaft und Unruhe hinzugeben und zu verlieren, um sich dafür als ein Teil jener Kraft wieder zu finden, die von Gott ausgeht als seine reinste, ureigenste Gewalt, zu uns strömt und durch uns wieder zu ihm, daß wir Armen, sobald wir unser selbst vergessen und für andere leben, dürfen selber Götter sein, selber Ströme der Klarheit und Unsterblichkeit in uns haben, um sie in die Welt zu strahlen, daß wir selber in Herzen und in Händen dürfen spüren, was des Lebens Ursprung ist, – ach, so ist keine farbige Jugend so helle, daß sie vor jenem Licht bestehen könnte.
– Dann kam eine Nacht im November, der Sturm ging ums Haus und brauste in den Kirchhoftannen; ich saß unausgekleidet unter meinem Fenster und hörte darauf hin. Es war mir wunderlich wie nie und elend und rührselig zumut, es kribbelte mir in allen Gliedern, schließlich konnte ich nimmer widerstehen. Leise kletterte ich zum Fenster hinaus, meine Füße gingen einen wohlbekannten Weg, – da war der Kirchhof und ein armes, vergessenes Grab.
»Namenlos, ach du lieber, lieber Namenlos.«
Ich lag in seinen feuchten Blättern und hielt den wilden Busch umschlungen wie ehedem als ganz kleines Mädchen. Meine Tränen liefen in seine Erde hinein; in dieser Stunde aber bekam er einen Namen, und ich versank in seinen Fluten, daß ich für immer drin bleiben mußte.
Am andern Tag war es Sonntag und die Mutter versuchte ihren ersten Gang seit jenem Unfall. Ich führte sie ein Stück bergan, dann ruhten wir auf einem Bänklein aus und sahen in das Tal hinunter.